Pressefreiheit in Gefahr Das leise Sterben des Journalismus in Indien

In der größten Demokratie der Welt gerät die Pressefreiheit massiv unter Druck: Eine Mordserie an Journalisten erschüttert Indien. Die Regierung von Premierminister Narendra Modi schaut tatenlos zu.

Trauerfeier für ermordeten Journalisten Sudip Datta Bhaumik in Indien
REUTERS

Trauerfeier für ermordeten Journalisten Sudip Datta Bhaumik in Indien

Von Sohini Chattopadhyay


Ich kannte die Arbeit der Journalistin Gauri Lankesh nicht. Aber als ich am Abend des 5. September die Nachricht erhielt, dass sie vor ihrem Haus erschossen wurde, beschlich mich ein Gefühl, das ich seit zwei Jahren kenne. Es fühlte sich an, als ob etwas genauso eintritt, wie du es vorhergesagt hattest. Aber freuen, dass du recht hattest, kannst du dich nicht. Wieder war eine Journalistin getötet worden.

Das Töten hat seither nicht aufgehört. Nach Lankesh sind drei weitere Journalisten in Indien ermordet worden. Am 19. September wurde der Fernsehreporter Shantanu Bhowmik im Bundesstaat Tripura zu Tode geprügelt, als er über Zusammenstöße zwischen Polizisten und Vertretern der indigenen Bevölkerung berichtete. Am 24. September wurden der Journalist KJ Singh und seine 92 Jahre alte Mutter ermordet in ihrem Haus im Punjab aufgefunden. Und am 21. November wurde der Journalist Sudip Datta Bhaumik in Tripura erschossen - mutmaßlich vom Personenschützer eines ranghohen Polizisten.

2015 stufte Reporter ohne Grenzen Indien als das sechsttödliche Land für Journalisten ein. Neun Reporter kamen damals ums Leben. 2016 zählte die Internationale Journalisten-Föderation fünf ermordete Journalisten. Nach Angaben des Komitees zum Schutz von Journalisten ist in den vergangenen zehn Jahren in Indien kein einziger Mord an Journalisten aufgeklärt worden.

Die meisten Opfer sind freie, unabhängige Journalisten in Kleinstädten. Der Mord an Jagendra Singh im Sommer 2015 war besonders brutal. Er wurde in seinem eigenen Haus angezündet - vermutlich von Polizisten.

Ich verfolge diese Morde genau, weil ich selbst eine unabhängige Journalistin bin. Ich habe in diesem Jahr mehrere Monate zum Einsturz einer Brücke in Kalkutta recherchiert, bei dem 26 Menschen getötet wurden. Die Regierung verhängte eine Nachrichtensperre. Ich habe Wochen und jede Menge Glück gebraucht, um an ein paar Unterlagen zu kommen. Als meine Geschichte veröffentlicht wurde, war ich froh, dass ich wenige Tage später nach Deutschland reisen würde. Bei jedem Anruf von einer unbekannten Nummer bekam ich dennoch ein mulmiges Gefühl. Als meine Kollegin Sandhya Ravishankar Anfang des Jahres eine Investigativgeschichte über illegalen Bergbau veröffentlicht hatte, erhielt sie Drohungen.

Der Journalismus an sich gerät unter Druck

Nicht jeder Journalist teilt mein mulmiges Gefühl. "Indien hat so eine große Bevölkerung, dass wir ganz zwangsläufig in allen Listen unter den Top Ten sind", meinte ein Kollege im Sommer zu mir. Wenn wir also die Zahl der Toten in Bezug zur Einwohnerzahl setzen, sei die Lage nicht so alarmierend.

Das hat durchaus eine gewisse Logik, wenn man allein die getöteten Journalisten zum Maßstab nimmt. Aber in Indien sterben nicht nur Journalisten, auch der Journalismus selbst schwebt in großer Gefahr. Die Angriffe sind erbarmungslos - hier ein gefeuerter Chefredakteur, dort eine Anklage. Hier eine Fernsehsendung, die plötzlich eingestellt wird oder dort ein TV-Sender, der gleich ganz schließen muss.

Die meisten großen Medienunternehmen in Indien sind inzwischen stramm auf Regierungslinie. Nachdem Narendra Modi im Juli 2014 zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, kaufte Indiens reichster Mann, Mukesh Ambani, Network 18, das drittgrößte indische Medienunternehmen mit 27 Nachrichtensendern

Nicht allein die Schuld der aktuellen Politik

Im Juni dieses Jahres ließ die Regierung die Büros der Gründer von New Delhi Television (NDTV) durchsuchen. Obwohl sich die Aktion formal gegen die Gründer richtete, wurde sie als direkte Bedrohung für NDTV wahrgenommen - einen Sender, der mit der Regierung von Premier Modi kritischer umgeht als die Konkurrenz. Im September kaufte sich Ajay Singh, Chef der Fluglinie Spicejet, die Mehrheitsanteile an NDTV. Singh gehörte 2014 zu Modis Wahlkampfteam.

Zugegeben, um die Pressefreiheit in Indien stand es nie besonders gut und Modis Regierung ist nicht allein verantwortlich für die Lage. In der Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen fiel Indien schon zwischen 2010 und 2012 von Platz 105 auf Platz 131 unter 178 Staaten. Die Gründe waren die Zensur in Kaschmir und eine Politik, die die Freiheit im Internet erheblich beschnitt. Damals wurde Indien noch nicht von der BJP regiert.

Die amtierende Regierung aber versucht, den Journalismus in PR zu verwandeln. Journalisten, die die Regierung kritisieren, werden als "antinational" diskreditiert und persönlich angegriffen. Nicht einmal die Toten bleiben davon verschont. Minuten nach dem Mord an Gauri Lankesh schrieben zahlreiche Social-Media-Nutzer, die sich selbst als Unterstützer rechtsradikaler Gruppen bezeichneten, dass sie eine Kommunistin gewesen sei und den Tod verdient habe. Darunter waren auch mehrere Twitteraccounts, denen Modi folgt.


Sohini Chattopadhyay ist freie Journalistin aus Kalkutta.



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Hoschi 27.11.2017
1. Bombay,
das zu Mumbai wurde war ein deutliches Signal. Bis heute wird Indien in Deutschland oft idealisiert. Für mich war es ein sehr befremdliches Gefühl im Kino aufzustehen wenn die Nationalhymne erklingt. Nicht nur am Beginn der Vorstellung, sondern auch, wenn die Nationalhymne Teil des Filmes war. Ich liebe Indien, aber eine deutlich kritischere Betrachtung wäre meiner bescheidenen Meinung nach schon hilfreich. Eine große Nation, die großes leisten kann, trägt auch immer eine große Verantwortung. Journalism ist not a crime!
aurichter 27.11.2017
2. Nicht erst
mit diesem Gastbeitrag wird zusehends deutlicher, dass diese sogenannte größte "Demokratie" auf dem Globus lediglich Makulatur ist. Vieles in dem Land ist hochgradig suspekt, Korruption bis in jede Ritze der Verwaltung und Wirtschaft, Kastensystem, welches Menschenrechte mit Füßen tritt, groteske Unterschiede zwischen Arm und Reich, wobei Arm noch mehr als geschmeichelt ist, Unterdrückung von Frauen und Frauenrechten, Mißbrauch von Kindern, die schon in jüngsten Jahren von der reichen Schicht ausgebeutet werden, ohne Rücksicht auf das Leben dieser armen Kreaturen, Machosystem sondergleichen, Mißbrauch von Staatstätigkeiten bei Polizei und Armee usw usw usw - Sanktionen von anderen Ländern? Pustekuchen, da werden diese Korruptionsweltmeister noch hofiert, könnte ja ein zukünftiger Markt entstehen, um dort, analog China, ordentlich Reibach zu machen. Diese Hilferufe von Journalisten verhallen im Gewinnorientierten Vakuum des Kapitals im Westen. Siehe Türkei, viele Jahre Unterschiede sehe ich nicht, nur kleine Nuancen, die diese Länder unterscheidet. Das Kapital, die Reichen und nach Kastensystem Führenden haben die Rolle des Kolonialherren elegant und nachhaltig übernommen. Die Gewalt hat nur den Antreiber und Profiteur gewechselt, vom gnadenlosen Briten zum noch gnadenloseren Landsmann, der die Machenschaften der Kolonialherren ohne mit der Wimper zu zucken raffiniert übernommen hat. Weltweit werden Rechte mit Gewalt durch die Habenden gnadenlos verschoben, ob Indien, ob die USA, ob Türkei, ob China, ob Ungarn oder auch Polen, Überfall das gleiche Muster. Beschneidung von Presse- und Meinungsfreiheit sogar mit brutaler,heimtückischer, widerlicher anonymer Gewalt, die durch Geld erkauft und durchgeführt wurde bzw noch wird. Was machen Länder und die EU dagegen? Nichts, absolut nichts, alles tanzt nach der Pfeife des Geldes, der Wirtschaft, des Kapitals. Allein der Vergleich, dass dort in Indien im Verhältnis zur Bevölkerung wenig Journalisten ( und Menschenrechtler, Freiheitskämpfer, Frauenrechtlerinnen) ermordet werden, das spottet jeder Beschreibung, aber wirklich jeder! Wenn dem so ist, dann kann man von indischer Seite ja noch ein paar "Freigaben" zum Meucheln erteilen, damit die Quote passt. Widerlicher kann man den Zustand von einheimischer Seite doch nicht kommentieren. Was ist schon ein Menschenleben!
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