Präsidentenwahl in Indien Duell der Unberührbaren

Ein Votum mit Signalwirkung: Zwei Kandidaten aus der niedrigsten Kaste Indiens treten im Parlament in Neu-Delhi bei der Wahl zum neuen Präsidenten an. Die Unberührbaren werden noch immer diskriminiert.

REUTERS; Getty Images/ Hindustan Times

Von , Bangalore


Indien im Jahr 2017: Ein Friseur aus einem Dorf im Süden berichtet in der Zeitung, wie er einem Unberührbaren ausnahmsweise die Haare geschnitten habe. Tage später musste er seinen Laden schließen. Die anderen Kunden kamen nicht mehr - sein Laden galt nun als schmutzig.

Unberührbarkeit gehört zu den größten Sünden Indiens: Es ist der Glaube, dass es Menschen gibt, die unrein sind, weil ihre Vorfahren traditionell niedere Arbeiten ausgeführt haben, sei es Toiletten zu reinigen oder Kühen die Haut abzuziehen. Nach diesem Denken darf nicht einmal der Schatten eines Unberührbaren auf ein Mitglied einer höheren Kaste fallen. Er könnte ihn beschmutzen.

Jahrhundertelang wurden die Unberührbaren brutal unterdrückt. Auch wenn sich die Situation - vor allem in den großen Städten - gebessert hat: Bis heute werden Dalits, wie sich Indiens Unberührbare selbst nennen, diskriminiert. Was sich derzeit in der indischen Politik ereignet, ist also durchaus eine Sensation: Zwei Dalits kämpfen in der größten Demokratie der Welt am Montag bei der Abstimmung im Parlament in Neu-Delhi um das höchste Amt im Staat.

Auch wenn der Präsident Indiens ähnlich wie der deutsche Bundespräsident nur eine geringe tatsächliche Macht hat, gilt das Votum als ein wichtiges Signal: Es wäre erst das zweite Mal in der Geschichte des Landes, dass ein Dalit in den Rashtrapati Bhavan einzieht, Indiens Präsidentenpalast. Kocheril Raman Narayanan war in den Neunzigerjahren ein Staatschef aus der Gruppe der Unberührbaren.

Die rund 5000 Abgeordneten mussten sich also zwischen Ram Nath Kovind und Meira Kumar entscheiden. Das Ergebnis soll am Donnerstag bekannt gegeben werden:

  • Der 71-jährige Kovind ist der Kandidat der hinduistischen Regierungspartei Bharatiya Janata Party (BJP). Sein Sieg gilt als sicher, da die BJP über eine komfortable Mehrheit im Unterhaus verfügt. Kovind stammt aus einem Dorf in Uttar Pradesh, ist der Sohn eines Bauern und wuchs in einer Familie mit neun Kindern auf. Seit Ende der Siebzigerjahre ist der studierte Anwalt in der Politik, seit 1991 Parteimitglied, zuletzt als Gouverneur des Bundesstaats Bihars, wo er allerdings wenig auffiel. Kovind soll wie Premierminister Narendra Modi der RSS nahestehen - einer Organisation, die eine hindu-nationalistische Agenda verfolgt.
  • Meira Kumar, die Kandidatin der Opposition, ist ebenfalls eine langjährige Parlamentarierin und frühere Ministerin. Bis 2014 war sie Parlamentspräsidentin. Sie ist die Tochter eines berühmten indischen Freiheitskämpfers.

Der Lebenslauf beider Kandidaten zeigt zwar, dass es in Indien möglich ist, es von ganz unten nach ganz oben zu schaffen. Heißt das aber auch, dass das Land seine Ungleichheiten überwunden hat?

Leider nicht. Ähnlich wie seinerzeit bei Barack Obamas Wahl zum ersten schwarzen Präsidenten der USA gilt auch in Indien: Dass ein Vertreter einer Minderheit nach oben gelangt, ist nicht die Regel, sondern noch immer die Ausnahme.

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Indien: Entscheidung zwischen zwei Dalits

Das Ausmaß der Diskriminierung zeigt zum Beispiel eine Studie der University of Maryland. Die Forscher befragten mehr als 42.000 Haushalte in Indien: 27 Prozent von ihnen gaben an, Unberührbaren einen schlechteren Platz zuzuweisen, ihnen etwa nicht zu erlauben, vom selben Geschirr zu essen - dabei ist die Anwendung dieser alten Gebräuche offiziell verboten. Die echte Quote liegt daher wahrscheinlich weitaus höher. Andere Untersuchungen zeigen, dass Kinder von Unberührbaren in der Schule kein Mittagessen bekommen, weil die anderen Schüler glauben, sie könnten sich anstecken.

Vergangenes Jahr brachte sich der Student und Aktivist Rohith Vemula in der Stadt Hyderabad um. Kommilitonen berichteten später, wie er systematisch von Professoren und Studenten drangsaliert wurde. In der Stadt Una gingen hunderttausende Dalits auf die Straße, nachdem Hindu-Nationalisten vier der Unberührbaren zu Tode geprügelt hatten. Auch dieses Jahr kam es wieder zu Protesten, zuletzt im Bundestaat Uttar Pradesh. Dort hatten Mitglieder einer hohen Kaste nach einem Streit die Häuser mehrerer Dalits in Brand gesteckt.

Vorfälle wie diese haben die Dalit-Gemeinde, die immerhin 17 Prozent der Bevölkerung ausmacht, skeptisch werden lassen, ob die Regierung von Premier Modi tatsächlich für ihre Rechte kämpft. Die Nominierung von Kovind als Kandidaten ist daher ein kluger Schachzug. Es ist vor allem ein Signal der Regierung an potentielle Wähler: Wir nehmen eure Sorgen ernst.

"Es muss entweder ein Dalit sein oder eine Frau"

Der künftige Präsident könnte die Diskriminierung zum Thema seiner Amtszeit machen. Die Parteien machen aber derzeit kein Geheimnis daraus, dass es ihnen bei der Wahl ihrer Kandidaten weniger um die Eignung ging als um die Herkunft. Das Magazin "India Today" zitierte ein BJP-Parteimitglied: Bei der Wahl des Kandidaten sei ihnen klar gewesen: "Es muss entweder ein Dalit sein oder eine Frau."

Wer auch immer Indiens 14. Staatschef wird, ist also ein Quotenpräsident. Das dürfte wohl auch der Kandidatin Kumar klargeworden sein. Die Opposition hat sie allem Anschein nach vor allem deshalb ausgesucht, um nach der Nominierung Kovinds ebenfalls einen Dalit präsentieren zu können.

Es mache sie traurig, dass Indien im Jahr 2017 noch immer nach alten Linien denke, beklagte sie auf einer Pressekonferenz und fragte: "Haben Kovind und ich keine andere Qualifikation?"



insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
DieButter 17.07.2017
1.
Eine Sensation ist das nicht. Das gab es schließlich alles schon mal in Indien.
tomxxx 17.07.2017
2. Eher bedenklich...
das Signal könnte durchaus ´sein, dass gut organisierte Minderheiten letztendlich die einflussreichste Bevölkerungsgruppe darstellen. Alle anderen teilen sich auf, nur die Minderheit hält zusammen. Je nachdem, ob die Minderheit wirklich diskriminiert wird oder sich nur über eine vermeintliche Diskriminierung definiert, kann es da zu deutlichen Spaltungen in der Gesellschaft und Parallelgesellschaften führen. Unterm Strich: dass was man hier in Indien beobachtet (obwohl das Kastensystem schon Extrem-Rassismus ist), gibt es hier genauso... eine gute Moderation kann den Unterschied zwischen Bürgerkrieg und positiver Weiterentwicklung ausmachen...
jotha58 17.07.2017
3. welch ein Anachronismus,
aber bis heute wird es so gelebt. Ganz interessant ist, dass die Firma, für dich arbeite auch in Indien ein joint venture hat. Diese Firma gehört einem der Unberührbaren und der wartet nur darauf mal einen Brahmanen in die Finger zu bekommen. Nein, solange dieses Kastensystem gelebt wird, wird Indien nicht aus dem Knick kommen und ist von derm Status die größte Volkswirtschaft der Welt sein zu wollen meilenweit entfernt.
123Valentino 17.07.2017
4. Es ist ....
So, wenn religiöse Dogmatiker, in diesem Fall die hinduistischen National Faschisten, Macht ausüben, werden Frauen, Kasten und nicht Hindus nicht nur diskriminiert, in Indien ist es gefährlich, eine Frau zu sein, in Indien ist es gefährlich ein Muslem zu sein. In diesem Zusammenhang, über die größte Demokratie der Welt zu sprechen ist Unsinn.
espet3 17.07.2017
5.
So lange in Indien das Kasten wesen Praxis ist, ist Indien auch keine richtige Demokratie.
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