Wahlkampf in Indien Radikale Hindus schüren Hass auf Muslime

Der Hindu-Nationalist Narendra Modi könnte der nächste Ministerpräsident Indiens werden - und das macht Muslimen Angst. Denn seine politische Heimat ist eine radikale Kampftruppe, die den Islam verteufelt und Mitglieder im Nahkampf trainiert.

SPIEGEL ONLINE

Aus Faridabad berichtet Ulrike Putz


Es ist kurz nach sechs Uhr morgens, der Himmel über der Millionenstadt Faridabad ist noch fahl, als die Uniformierten angreifen: In zwei Reihen rücken 50 Männer auf dem kümmerlichen Rasen des kleinen Parks vor, lassen Schlagstöcke durch die Luft sausen, knüppeln auf unsichtbare Gegner ein.

Der Kinderarzt Balkrishna Bansal schaut wohlwollend zu: Er ist eine Art Politkommissar der Raschtrija Swajamsewak Sangh (Hindi für Nationale Freiwilligenorganisation, kurz RSS), der Organisation, die dieses allmorgendliche Kriegsspiel betreibt. "Wir trainieren hier allein zu Verteidigungszwecken", beteuert Bansal. Seltsam nur, dass alle Übungen auf Angriff ausgelegt sind.

Die RSS wurde bereits 1925 gegründet, als radikal-hinduistischer Kampfverband mit Sympathien für die Rassenlehre der deutschen Nazis. Berüchtigt ist sie spätestens seit 1948, als das RSS-Mitglied Nathuram Godse den Vater der indischen Unabhängigkeitsbewegung, Mahatma Gandhi, erschoss. Gandhi war dem religiösen Fanatiker zu säkular und zu nachsichtig gegenüber den Muslimen in Indien.

Die RSS wurde in den folgenden Jahren zwar mehrfach verboten, konnte aber stetig wachsen. Ende 2013 hatte sich der Verein mit 40.000 Ortsgruppen über ganz Indien ausgebreitet.

Beobachter sind besorgt. Denn die RSS macht offen Front gegen Säkularismus und den Islam und hetzt Menschen in Indien gegen Muslime auf. Die Worte des spirituellen Führers der RSS, M.S. Golwalkar, werden auch heute noch in jeder ihrer Ortsgruppen rezitiert: Nicht-Hindus in Indien "müssen sich den Hindus total unterwerfen, dürfen nichts fordern, verdienen keine Privilegien, keine Vorzugsbehandlung und noch nicht mal Bürgerrechte", schrieb Golwalkar schon 1938.

Enormen Mitgliederzulauf durch Personenkult um Narendra Modi

So indoktriniert erzählen die RSS-Mitglieder in Faridabad denn auch, dass alles Übel Indiens von den etwa 150 Millionen Muslimen im Land ausgehe. "Die vermehren sich ungebremst, entsetzlich ist das", sagt Pradeep Kumar, der an einer örtlichen Hochschule Elektronik unterrichtet und die morgendlichen Wehrsportübungen leitet.

Allein in den vergangenen drei Monaten sind wieder 2000 neue Shakas dazugekommen, Nachbarschaftsverbände, die die kleinsten Einheiten der RSS bilden. Alte Shakas sind zu neuem Leben erwacht. Der Personenkult um Narendra Modi, der neuer Premier des Landes werden könnte, hat der Organisation im In- wie Ausland neue Aufmerksamkeit und einen enormen Mitgliederzulauf eingebracht.

Modi ist das berühmteste Mitglied der RSS, zurzeit noch Ministerpräsident des westindischen Bundesstaates Gujarat. Er hat sehr gute Chancen, aus den noch bis Mitte Mai andauernden Parlamentswahlen in Indien als Sieger hervorzugehen. Viele Inder der Mittelklasse preisen ihn als Modernisierer. Säkulare, christliche und muslimische Gruppen aber fürchten das Erstarken hinduistisch-nationalistischer Kräfte im Land, sollte er gewinnen.

Wie eng die RSS mit Modis Partei, der BJP, verzahnt ist, verschleiern beide Organisationen gern. Politische Analysten in Indien warnen, beide seien austauschbar. Vidya Subrahmaniam, die für die Zeitung "The Hindu" schreibt, urteilte jüngst, die RSS habe die volle Kontrolle über die BJP übernommen. Amulya Ganguli, ein bekannter politischer Analyst, schrieb, Modi beuge sich offensichtlich dem Diktat der RSS. Auch wenn die Freiwilligenorganisation immer beteuere, unpolitisch zu sein, sei das ganz klar nicht der Fall.

Fahnenappell, zackige Kommandos, zum Schluss der Treueschwur

Gefährlich könnte es werden, wenn die Kampftruppe Ressentiments beispielsweise gegen Muslime kanalisiert und das in Gesetze der BJP-Partei einfließt. Die RSS etwa prangert den Kinderreichtum der Muslime an. "Wenn jeder Muslim nur eine Frau haben darf, wäre doch schon viel gewonnen", sagt Kumar.

Der Frühsport, zu dem sich die Ortsgruppe jeden Morgen versammelt, endet mit einem Fahnenappell. Zackige Kommandos - betont rückwärtsgewandt auf Sanskrit -, strammstehende Männer mit zum Gruß vor der Brust angewinkeltem Arm, zum Schluss der Treueschwur: "Für immer verneigen wir uns vor dir, oh Vaterland."

Jeder Inder sei eigentlich Hindu, sagt Kinderarzt Bansal. Muslime und Christen seien nur vom rechten Weg abgekommen, seit sich ihre Vorfahren vor Jahrhunderten hätten missionieren lassen. Andersgläubige Inder müssten nur ihren inneren Hindu entdecken und ihrer angenommenen Religion abschwören, dann werde es in Indien auch nicht mehr zu Pogromen gegen Muslime kommen.

Ausschreitungen in denen damals schon von Modi regierten Bundesstaat Gujarat, bei dem 2002 mehr als tausend Muslime starben (der SPIEGEL berichtete), sind bis heute ein hochsensibles Thema im andauernden Wahlkampf: Welche Rolle Modi bei den Gewalttaten spielte, bliebt ungeklärt. Die USA und die EU verweigerten ihm 2005 die Einreise, weil er für "schwere Einschränkung der Religionsfreiheit" in seinem Bundesstaat verantwortlich sei.

Distanziert hat sich Modi von dem Massaker nie, stattdessen hat er die Opfer noch 2013 schwer beleidigt, als er sagte, er empfinde durchaus Trauer für sie. So, "als habe man mit dem Auto einen Welpen überfahren".



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