Indien Mit Sonia Gandhi in der Achterbahn

Menschen drohen sich umzubringen, enttäuschte Wähler randalieren in den Städten, massenhaft treten Funktionäre aus der Kongresspartei aus, doch Sonia Gandhi ließ sich nicht umstimmen. Nun ist Ex-Finanzminister Singh zum Regierungschef ernannt worden. Doch nach dem gloriosen Wahlsieg steht Gandhis Partei vor einem Desaster.

Von Alexander Schwabe


Neu-Delhi: Anhänger von Gandhis Kongresspartei fordern die Wahlsiegerin auf, als Premierministerin anzutreten
AFP

Neu-Delhi: Anhänger von Gandhis Kongresspartei fordern die Wahlsiegerin auf, als Premierministerin anzutreten

Neu-Delhi - In einem cremefarbenen Sari mit blauen Rändern saß Sonia Gandhi vor den Abgeordneten ihrer Partei. Tränen liefen ihr die Wangen hinunter, als ein Genosse nach dem anderen sie anflehte, ihre Entscheidung rückgängig zu machen und Premierministerin zu werden. Vergebens. Der Schock sitzt tief - nicht nur bei ihren Parteifreunden. Vor dem Parlament, vor ihrem Haus und in den Straßen indischer Städte spielen sich dramatische Szenen ab.

Es kam zu Protestmärschen und Sitzstreiks. Mit brennenden Reifen blockierten Demonstranten etliche Kreuzungen und legten den Verkehr lahm. Mitglieder und Wahlhelfer stürmten am Morgen die Zentrale der Kongresspartei in der Nachbarschaft von Gandhis Wohnhaus in Delhi. Sie brachen Türen und Fenster ein und forderten die Vorsitzende auf, ihre Verzichtsentscheidung rückgängig zu machen. Am Nachmittag war die Menge auf 2000 Menschen angewachsen.

Der Vorsitzende der RJD-Partei, Laloo Prasad Yasdav versucht Gandhi (l.) zu ermutigen
AFP

Der Vorsitzende der RJD-Partei, Laloo Prasad Yasdav versucht Gandhi (l.) zu ermutigen

Die Wut der Wähler war zusätzlich hochgekocht, als gestern bekannt wurde, dass der frühere Finanzminister Manmohan Singh, 71, Premierminister werden soll. Vor dem Anwesen der Gandhis in der Hauptstadt kletterte ein Mann auf das Dach seines Autos, hielt sich mit der einen Hand eine selbst gebastelte Waffe an die Schläfe und schwang mit der anderen einen Stock durch die Luft, um sich Menschen vom Leib zu halten, die ihn zu beruhigen suchten. "Holt Sonia Gandhi!", schrie er, "sagt ihr, dass ich mich töten werde, wenn sie nicht Premierministerin wird." Schließlich gelang es, ihn zu entwaffnen.

Trotz des Aufruhrs blieb Gandhi auch heute bei ihrer Haltung. Selbst der massenhafte Rücktritt führender Funktionäre ihrer Partei und der gewalttätige Protest Tausender enttäuschter Anhänger stimmten sie nicht um. Die Kongresspartei schlug am Nachmittag Singh als neuen Ministerpräsident vor. Am Abend indischer Zeit wurde er von Präsident Abdul Kalam zum Regierungschef ernannt.

Die Armen im Stich gelassen

Randale in Srinagar: Mitglieder der Kongresspartei verbrennen Fotos von Politikern der bisher regierenden BJP-Partei
AP

Randale in Srinagar: Mitglieder der Kongresspartei verbrennen Fotos von Politikern der bisher regierenden BJP-Partei

Indiens Kongresspartei steht wenige Tage nach dem überraschenden Wahlsieg vor einem Scherbenhaufen. Ihre Anhänger haben eine Achterbahnfahrt der Gefühle hinter sich. So sehr der gloriose Sieg über die regierende nationalistische Hindu-Partei von Premierminister Atal Bihari Vajpayee die Anhänger der Kongresspartei jubeln ließ, so tief sitzt nun der Frust über die Kapitulation Sonia Gandhis. Mit dem Bekanntheitsgrad der Gandhi-Nehru-Dynastie im Rücken war sie die Hoffnungsträgerin vieler Armer - rund ein Drittel der Bevölkerung muss von weniger als einem Dollar pro Tag leben. Sie fühlen sich nun von ihr im Stich gelassen.

Bevor es zu den Gewaltausbrüchen und den Massendemonstrationen kam, hatten die Szenen, die sich in Neu-Delhi abspielten, etwas von jenen indischen Seifenopern, die sich in Asien so phantastisch verkaufen. Alles schien klar: Die Wahlsiegerin wurde von der Kongresspartei als Regierungschefin nominiert, getragen von einer breiten Allianz hätte sie gestern von Präsident Abdul Kalam mit der Regierungsbildung beauftragt und bereits heute vereidigt werden sollen.

Dann kam alles anders: Kalam erteilte der Witwe des früheren Regierungschefs Rajiv Gandhi wider Erwarten keinen Auftrag zur Regierungsbildung. Er trug ihr vielmehr auf, weitere Belege dafür zu bringen, dass sie über eine parlamentarische Mehrheit verfüge, obwohl sie mit der Unterstützung einiger Linksparteien auf eine komfortable Mehrheit bauen konnte. Angefeindet von den Nationalisten ("Indien zählt mehr als eine Milliarde Menschen. Warum soll ausgerechnet eine 57-jährige Katholikin aus Italien das mehrheitlich hinduistische Volk führen?") gab sie deprimiert auf.

Angst vor dem Schicksal ihres Mannes

"Der Posten des Premierministers war nicht mein Ziel", teilte sie der verblüfften Menge mit, "ich folge meiner inneren Stimme, die mir heute sagt, dass ich diesen Posten demütig ablehnen muss". Daraufhin wurde sie ebenso anrührend aufgefordert, das Amt anzutreten, denn, so der Parlamentarier Mani Shankar Aiyei mit gebrochener Stimme, "die innere Stimme des indischen Volkes sagt, sie müssen Ministerpräsidentin werden".

Familie Gandhi (Sonia in Blumen, Rahul (l.) und Priyanka): Sorge um die Mutter
AP

Familie Gandhi (Sonia in Blumen, Rahul (l.) und Priyanka): Sorge um die Mutter

Bis jetzt ist unklar, was den Ausschlag für den Rückzieher Gandhis gab. War es die rüde Stimmungsmache der bisherigen Regierungspartei BJP gegen Gandhis italienische Herkunft? Die im Piemont als Sonia Maino geborene Frau war 1983 eingebürgert worden, ein Jahr bevor ihre Schwiegermutter Indira von einem Sikh-Extremisten erschossen wurde, acht Jahre bevor deren Sohn, Sonias Ehemann Rajiv, von einer tamilischen Selbstmordattentäterin getötet wurde.

War es die Angst vor einem Linksrutsch - Gandhi hatte die Unterstützung zweier kommunistischer Parteien - , die Präsident Kalam veranlasste, die designierte Premierministerin nicht mit der Nachfolge des abgewählten, doch durchaus erfolgreichen Atal Behari Vajpayee zu betrauen.

War es der Einfluss ihrer beiden Kinder, Rahul, 33, und Priyanka, 32, die fürchteten, ihrer Mutter könnte dasselbe Schicksal wie dem Vater und der Großmutter widerfahren? Oder scheute sie letztlich davor zurück, das mächtigste Amt über ein Milliardenvolk zu übernehmen, weil sie mit ihrer Wahl nicht ernsthaft gerechnet hatte? Bei ihrem Verzicht sagte Gandhi, sie habe das Amt nie angestrebt. Und früher gab sie zu Protokoll: "Ich hatte nie Lust, in die Politik zu gehen."



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