Indien, Pakistan und Bin Laden Erzfeinde im Krieg der Worte

Die Tötung Bin Ladens heizt den Konflikt zwischen Indien und Pakistan wieder an. Die indische Armee vermutet weitere Top-Terroristen im Nachbarland - und prahlt, man könne sie bei eigenen Kommandoaktionen nach US-Vorbild töten. Für diesen Fall aber droht Pakistan mit harter Vergeltung.

Aus Abbottabad berichtet

REUTERS

Es ist als Ausdruck der Stärke gemeint - und als unverhohlene Drohung gegen den benachbarten Erzfeind: Indien hat angedeutet, ähnlich wie die USA mit eigenen Spezialkräften auf pakistanischem Boden zu handeln, sollte Islamabad von Indien gesuchte Terroristen nicht fassen und ausliefern.

Indiens Armeechef V. K. Singh sagte, die indischen Streitkräfte seien "kompetent genug", um einen Einsatz wie die Amerikaner in Abbottabad durchzuführen - US-Elitesoldaten hatten in der Garnisonsstadt in einer spektakulären Kommandoaktion Qaida-Chef Osama Bin Laden getötet . "Sollte es erforderlich werden, sind alle drei Teilstreitkräfte zu einer solchen Aktion in der Lage", sagte der General in der nordindischen Stadt Lucknow. Indiens Luftwaffenchef P. V. Naik erklärte, sein Land habe "gewiss die Fähigkeit", "einen chirurgischen Schlag wie in Abbottabad" zu führen.

Neu-Delhi hat nach dem Schlag gegen Bin Laden eine Liste mit Namen von Terroristen vorgelegt, die sich nach indischen Erkenntnissen in Pakistan aufhalten sollen - darunter Dawood Ibrahim, den Indien für mehrere Anschläge verantwortlich macht und der Indiens Staatsfeind Nummer eins ist. Pakistan hat bislang bestritten, dass diese Männer sich im Land aufhalten. "Das glauben die in Islamabad doch wohl selbst nicht", sagte ein indischer Offizier aus Neu-Delhi SPIEGEL ONLINE am Telefon. "Nach der Aktion gegen Bin Laden sollte jeder wissen, dass sich in diesem Land die meistgesuchten Terroristen der Welt aufhalten." Pakistan sollte "sich selbst die Peinlichkeit ersparen, zu behaupten, die Gesuchten lebten nicht in dem Land".

Auch der indische Innenminister Palaniappan Chidambaram sagte, er glaube den pakistanischen Beteuerungen nicht. "Die Tatsache, dass Bin Laden in einem großen Haus in Abbottabad lebte, rechtfertigen Indiens Standpunkt, dass Terrorismus nicht beseitigt werden kann, ohne die sicheren Häfen [für Terroristen] in Pakistan zu beseitigen."

Islamabad droht mit scharfer Reaktion

Pakistans Armeechef Ashfaq Parvez Kayani reagierte scharf auf die Drohungen und warnte Indien, das Militär würde "sehr stark reagieren", sollten indische Streitkräfte in pakistanisches Territorium eindringen. Auch Außenstaatssekretär Salman Bashir erklärte, Pakistan würde militärisch antworten, sollte Indien eine Aktion nach US-Vorbild umsetzen. "Es wäre eine Katastrophe, sollte irgendein Land glauben, es könnte dem amerikanischen Beispiel folgen", sagte er am Donnerstag in einer Pressekonferenz, ohne Indien zu nennen.

Das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Indien und Pakistan steht damit vor einer neuen Belastungsprobe.

Pakistan war zuvor bereits mit harschen Tönen auf Distanz zu den USA gegangen und hatte Washington vor weiteren Aktionen gewarnt. In einer Konferenz mit seinen Kommandeuren erläuterte Armeechef Kayani zudem einen Plan: Es habe eine Entscheidung darüber gegeben, dass die USA "die Stärke ihres militärischen Personals in Pakistan auf ein Minimum" reduzieren müssten. Wer diese Entscheidung getroffen habe, ließ der General offen. Sollte die Souveränität Pakistans erneut verletzt werden, werde dies "schlimme Konsequenzen" haben, sagte er in Rawalpindi. "Jede weitere Aktion dieser Art wird zur Folge haben, dass die militärische und geheimdienstliche Zusammenarbeit mit den USA überprüft wird." Die Zitate wurden von der Presseabteilung der Armee verbreitet.

Ein US-Kommando war in der Nacht zu Montag mit Hubschraubern aus Afghanistan in die nordpakistanische Stadt Abbottabad geflogen, hatte dort Osama Bin Laden getötet und war anschließend wieder nach Afghanistan zurückgekehrt. Die pakistanische Regierung musste später einräumen, nicht in die Aktion eingeweiht gewesen zu sein. Die US-Helikopter seien an einer Stelle über die Grenze geflogen, die vom Radar nicht erfasst werde, hieß es.

Auch Außenstaatssekretär Bashir warnte vor "desaströsen Konsequenzen", sollte Washington eine solche Aktion wiederholen. US-Präsident Barack Obama hat jedoch klargemacht, er werde wieder einen solchen Einsatz befehlen, sollte man auf diese Weise einen hochrangigen Terroristen erwischen können.

"Wir haben aus unseren Fehlern gelernt"

Regierung, Armee und der Geheimdienst ISI stehen seit dem nächtlichen US-Einsatz blamiert da: Entweder waren sie Komplizen des Qaida-Chefs und meistgesuchten Menschen der Welt oder inkompetent - so lautet der Vorwurf aus dem Ausland, aber auch aus der eigenen Bevölkerung. Der Verdacht steht im Raum, dass Bin Laden Unterstützung von Teilen der Armee oder pakistanischen Behörden hatte.

Das Establishment flüchtet sich in aggressive Rhetorik: Die Tötung Bin Ladens sei "sicher ein Erfolg, zu dem auch der ISI mit der Lieferung von wichtigen Informationen beigetragen" habe, aber man wäre "gerne von den USA eingebunden worden", sagte ein hochrangiger Armeeoffizier SPIEGEL ONLINE in Abbottabad. "Wie die Amerikaner vorgegangen sind, war eine Aktion in Rambo-Manier. Sie haben unsere Souveränität auf nicht tolerierbare Art missachtet."

Bislang hatte die Regierung in Islamabad stets behauptet, Bin Laden und andere hochrangige Terroristen hielten sich nicht auf pakistanischem Boden auf. Nach der Tötung Bin Ladens mitten in der Garnisonsstadt Abbottabad heißt es jetzt aus Armee und Geheimdienst, man wolle die Entschlossenheit im Anti-Terror-Kampf unter Beweis stellen. "Wir haben aus unseren Fehlern gelernt", sagte ein Geheimdienstmann. "Sollten Taliban-Chef Mullah Omar und Qaida-Vize Aiman al-Sawahiri sich in Pakistan aufhalten, werden wir sie aufspüren und fassen." Nach Erkenntnissen des US-Geheimdienstes CIA und anderen westlichen Nachrichtendiensten leben diese Männer in Nordpakistan, in der Stadt Quetta oder in der südpakistanischen Hafenmetropole Karatschi.

Laut einem Bericht der "Washington Post" hat der US-Geheimdienst CIA Bin Laden über Monate in seinem Rückzugsort Abbottabad ausspioniert. Ein kleines CIA-Team habe den Komplex von einem konspirativen Haus aus observiert, berichtete die Zeitung unter Berufung auf US-Regierungsbeamte. Die Agenten hätten sich auf pakistanische Informanten und andere Quellen gestützt. Ziel sei es gewesen, sich ein Bild über die Bewohner des Hauses und deren Tagesabläufe zu machen, sagten die US-Beamten demnach.

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bunterepublik 06.05.2011
1. Pakistan
Pakistan ist ein bekannter Hort für Kriminelle und Terroristen... Die indische Position ist für mich absolut nachvollziehbar... Jegliche Aggression ging bisher von Pakistan aus... Pakistan ist eben ein von Anfang an fehlkonstruierter Staat, der nur vom Hass gegen Indien und dem Islam zusammengehalten wird.... Man kann froh sein, dass Ostpakistan (Bangladesh) sich aus diesem Joch mit indischer Unterstützung befreien konnte...in Bangladesh sieht man, dass der Islam nicht nur den radikalen zentralasiatisch arabisch geprägten Islam (Afghanistan, Iran, Pakistan usw.) umfasst, sondern es islamische Lebensalternativen gibt...wie auch in Malaysia und Indonesien....
Satiro, 06.05.2011
2. °
Zitat von sysopDie Tötung Bin Ladens heizt den Konflikt zwischen Indien und Pakistan wieder an. Die Armee in Neu Delhi vermutet weitere Top-Terroristen im Nachbarland - und prahlt, man könne sie bei eigenen Kommandoaktionen nach US-Vorbild*töten. Das aber dürfte eine scharfe Reaktion nach sich ziehen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,761035,00.html
Ja ja aber nicht mit den alten russischen Hubschraubern, über welche die Inder verfügen. Alternative: Mit Flugdrachen oder Paraglidern einschweben! PS Die indische Armee wird von Sikhs kommandiert. Alles sehr liebe Leute nur dass ich unter denen auffallend viele Aufschneider und Geschichtenerzähler kennengelernt habe, ............Zufall ?
Layer_8 06.05.2011
3. Jay Hind, lol
Zitat von sysopDie Tötung Bin Ladens heizt den Konflikt zwischen Indien und Pakistan wieder an. Die Armee in Neu Delhi vermutet weitere Top-Terroristen im Nachbarland - und prahlt, man könne sie bei eigenen Kommandoaktionen nach US-Vorbild*töten. Das aber dürfte eine scharfe Reaktion nach sich ziehen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,761035,00.html
Nun, Indien sollte sich nicht zuviel herausnehmen, und den 'Zwerg' Pakistan nicht reizen. Der hat nämlich Minderwertigkeitskomplexe gegenüber Indien, obwohl Indien China als Hauptgegner in Asien betrachtet. Dort würden sie allerdings nicht so große Töne spucken. Brandstiftung in dieser Weltgegend hats schon genug gegeben.
AKI CHIBA 06.05.2011
4. Indien ist wohl eine Republik....
Zitat von bunterepublikPakistan ist ein bekannter Hort für Kriminelle und Terroristen... Die indische Position ist für mich absolut nachvollziehbar... Jegliche Aggression ging bisher von Pakistan aus... Pakistan ist eben ein von Anfang an fehlkonstruierter Staat, der nur vom Hass gegen Indien und dem Islam zusammengehalten wird.... Man kann froh sein, dass Ostpakistan (Bangladesh) sich aus diesem Joch mit indischer Unterstützung befreien konnte...in Bangladesh sieht man, dass der Islam nicht nur den radikalen zentralasiatisch arabisch geprägten Islam (Afghanistan, Iran, Pakistan usw.) umfasst, sondern es islamische Lebensalternativen gibt...wie auch in Malaysia und Indonesien....
....aber ob es eine bunte Republik ist, darf bezweifelt werden. Trotz aller sozialer Verwerfungen aber funktionieren die demokratischen Mechanismen einigermaßen. Seit Gandhis Ableben hat sich die pakistanisch-islamische Aggression gegen den riesigen Nachbarn gerichtet - man hat ja die Bombe. Da haben sie Recht. Ob aber die süd-ostasiatischen Alternativen des Islam so positiv gesehen werden können, wird sich weisen. Der Prophet hat auch dort den Weg gewiesen.
webwiese, 06.05.2011
5. Erneuter schwerer Fehler der USA
Auslöser der neuerlichen Agressionen zwischen Indien und Pakistan ist der arrogante Militäreinsatz der USA. Treu dem Motto "Ich darf alles, was ich will" führt die Militärmacht einen Kriegseinsatz auf fremden Territorium durch, ohne die Regierung Pakistans darüber wenigstens zu informieren. Es ist kein Wunder, dass Indien sich ein gleiches Recht zuschreiben will. Besser wäre die Beobachtung Bin Ladens gewesen und Pakistan zu informieren, damit pakistanische Einheiten alleine oder mit den USA handeln könnte.
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