Homosexualität in Indien Oberstes Gericht legalisiert Liebe - für alle

Fast 160 Jahre lang konnten Homosexuelle in Indien für Sex bestraft werden. Das ist nun vorbei. Das Oberste Gericht hat den Paragrafen 377 gekippt - und in der Urteilsverkündung Goethe zitiert.

AFP

Von , Bangalore


Als das Urteil fiel, brach auf den Straßen der Jubel aus. In vielen großen indischen Städten regnete es heute Konfetti, Menschen fielen sich in die Arme, manche brachen in Tränen aus. Vielerorts erklangen Trommeln; Männer und Frauen schwenkten die Regenbogenflagge.

Sie feierten eine historische Entscheidung: 1,3 Milliarden Menschen - ein Sechstel der Menschheit, so viele Menschen leben in Indien - haben heute die Freiheit erlangt, zu lieben, wen sie wollen.

Homosexualität galt in Indien bislang als ein Verbrechen, das - im schlimmsten Fall - mit einer lebenslänglichen Haftstrafe bestraft werden konnte. Damit ist es nun vorbei. In einem einstimmigen Urteil kippte der Oberste Gerichtshof in Neu-Delhi den umstrittenen Paragrafen 377, unter dem gleichgeschlechtliche Liebe strafbar war.

Oberster Richter zitiert Goethe

In einem denkwürdigen Urteil nannten die Bundesrichter den Paragrafen willkürlich, unvernünftig und verfassungswidrig. Sie erklärten, es sei schwierig, die Fehler der Vergangenheit gut zu machen, aber möglich, die Weichen für die Zukunft zu stellen. Sie appellierten an Toleranz und Akzeptanz, und erinnerten an das Wesen der indischen Verfassung.

Und dann zitierte der Oberste Richter Dipak Misra auch noch ein Gedicht Goethes in Auszügen: "Ich bin, wie ich bin / So nimm mich nur hin." Die Worte wurden seitdem in Indien oft wiederholt.

Das Urteil markiert das Ende eines langen Kampfes: Mehr als 20 Jahre lang hatte eine Gruppe Aktivisten für die Legalisierung gekämpft. Saurabh Kirpal, einer der Anwälte, der die Kläger im Prozess vertrat, sagte: "Ab dem heutigen Tag gelten Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transsexuelle (LGBT) als gleichgestellte und freie Bürger dieses Landes."

Jahrelang versteckt - aus Scham und aus Angst

Vor Gericht hatten seine Klienten - mehr als zwei Dutzend Frauen und Männer - dargelegt, was es bis heute in Indien bedeute, zu lieben, wie es nicht die Mehrheit nicht tue. Auch wenn der Paragraf 377 in der Praxis nur selten zu Verurteilungen führe, seien seine Auswirkungen weitreichend. Ein älteres schwules Paar berichtete davon, wie es sich anfühlt, die Liebe zueinander jahrzehntelang zu verstecken; aus Scham vor der Gesellschaft, und aus Angst vor der Polizei.

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Indien: Homosexualität keine Straftat mehr

Es war von Fällen die Rede, in denen die Liebe zwischen zwei Männern als seelische Störung diagnostiziert wurde - und auch so behandelt wurde. Das Land schulde der LGBT-Gemeinschaft "eine Entschuldigung", sagte eine Richterin. Ein enormer Satz in einem konservativen Land.

Gerade in ländlichen Gegenden ist Homophobie verbreitet. Gleichgeschlechtlich liebende Männer und Frauen werden diskriminiert und bedroht. Das Tabu ist groß. Daran wird auch eine neue Rechtsprechung nichts ändern. Aber sie löst bei vielen Hoffnungen auf eine freiere Gesellschaft aus. Auf Twitter teilten viele Inder ihre Freude.

In einem Fünf-Sterne-Hotel in Delhi, dessen Besitzer schwul ist, tanzten die Angestellten zur Feier des Tages:

Vor allem religiöse Gruppen hatten gegen eine Abschaffung des Paragrafen protestiert. Dabei ist der Hinduismus, Indiens größte Religionsgemeinschaft, in seinem Ursprung durchaus tolerant gegenüber Sexualität eingestellt. Davon zeugen Tempelanlagen und historische Texte.

Tatsächlich wurde erst im 19. Jahrhundert - unter britischer Herrschaft - Homosexualität verboten. Paragraf 377 ist ein fast 160 Jahre altes Überbleibsel aus kolonialen Zeiten. Die gegnerische Seite im Prozess stellten in diesem Fall drei christliche Organisationen. Sie argumentierten, gleichgeschlechtliche Liebe verletze religiöse Gefühle.

Aber auch darauf gaben die Richter in ihrem Urteil eine Antwort, die noch weitreichende Konsequenzen für andere Minderheiten im Land haben könnte: "Die Meinung der Mehrheit kann nicht über die Grundgesetze des Einzelnen entscheiden."



insgesamt 5 Beiträge
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Libtard 06.09.2018
1. Es gibt sie noch...
...die Siege der Vernunft über Engstirnigkeit und Intoleranz!
peppi59 06.09.2018
2. Das macht Mut
dass ein so großes und bevölkerungsreiches Land Menschen verschiedener sexueller Orientierung gleichberechtigt. Super! Vielleicht erkennen auch die jetzt noch homophoben Länder, dass sexuelle Orientierung genetisch oder wie auch immer dem Menschen immanent ist und kein Zeichen von Krankheit, Schwäche, Abartigkeit oder ähnlichem Unsinn. Hoffentlich kommt dies Einsicht überall.
niska 06.09.2018
3.
Das ist ja mal wirklich, zur Abwechslung, eine sehr gute Nachricht.
stagedoor 06.09.2018
4. Freiheit
Die Freiheit des einzelnen und aller Menschen. Wohl das höchste Gut. Auch wenn manche Menschen an manchen Orten das noch nicht verstanden haben, ist dies doch eine wunderbare Nachricht.
SPONgeBoy 07.09.2018
5. Bitte mehr...
... von diesen positiven Nachrichten aus aller Welt und herzlichen Glückwunsch an einsechstel der Weltbevölkerung, die durch dieses weise und zukunftsweisende Urteil nun keine Scham, Nöte oder gar Repressalien mehr erfahren müssen!
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