Indiens Nahostpolitik Das Yoga-Prinzip

China treibt das Projekt "Seidenstraße" voran - Indien will dagegenhalten, auch im Nahen Osten. Das Milliardenland unterhält beste Beziehungen zu Israel, Iran und Palästina. Kann das gut gehen?

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China will die Supermacht des 21. Jahrhunderts werden. Die Volksrepublik setzt zum Ausbau der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Machtstellung vor allem auf ihr Globalprojekt "Seidenstraße", das größte Entwicklungsprogramm seit dem Marshallplan. Die westliche Welt nimmt den neuen Kurs der kommunistischen Regierung in Peking mit Sorge zur Kenntnis.

Indien handelt.

Das Land mit der zweitgrößten Bevölkerung der Welt ist seit dem verlorenen Grenzkrieg im Jahr 1962 einer der erbittertsten Gegner Chinas. Die Regierung des Hindu-Nationalisten Narendra Modi will mehr sein als nur Mittelmacht mit Atomraketen - bislang mit überschaubarem politischen Erfolg. So versucht Neu-Delhi etwa seit Jahren vergeblich, einen ständigen Sitz im Uno-Sicherheitsrat zu bekommen.

Wirtschaftlich läuft es besser: Gemeinsam mit den USA, Australien und Japan bastelt Indien Medienberichten zufolge gerade an einer Alternative zu Chinas Seidenstraßenprojekt. Im Nahen Osten ist Indien schon weiter, unterhält beste Beziehungen zu Iran, Israel und Palästina.

Hafenprojekt in Iran

Vor einer Woche empfing Modi den iranischen Präsidenten Hassan Rohani in Neu-Delhi. Es war der erste Besuch eines iranischen Regierungschefs in Indien seit zehn Jahren. Wichtigster Punkt der dreitägigen Visite: Rohani und Modi unterzeichneten einen Pachtvertrag über Teile des iranischen Hafens Tschahbahar am Golf von Oman. Für 500 Millionen Dollar übernimmt Indien Teile des Hafens, der an einer der meistbefahrenen Schiffsrouten der Welt liegt.

Über Tschahbahar will Indien künftig große Teile seines Handels mit Afghanistan abwickeln - und so den Erzfeind Pakistan umgehen. Dafür baut Indiens staatliches Eisenbahnunternehmen in den nächsten Jahren auch gleich noch eine Bahnstrecke, von Tschahbahar bis an die iranisch-afghanische Grenze.

Pakistan wiederum hat nur 140 Kilometer östlich von Tschahbahar, in Gwadar, ein ähnliches Projekt mit Indiens geopolitischem Rivalen China initiiert. Beide Häfen werden künftig miteinander kooperieren.

Teheran erhofft sich von der Kooperation mit Neu-Delhi nicht nur Investitionen und Impulse für die Wirtschaft, sondern auch politische Schützenhilfe. Modi soll seinen Einfluss geltend machen, um den Nukleardeal mit den Uno-Vetomächten und Deutschland am Leben zu halten.

Pflichtbesuch in Ramallah

Der erste Staatsbesuch in diesem Jahr führte Modi Anfang Februar ins Westjordanland. Es war der erste Besuch eines indischen Regierungschefs in den palästinensischen Gebieten überhaupt. Medien in Neu-Delhi bewerteten die Reise nach Ramallah als Pflichtbesuch.

Arabische Golfstaaten sollen Modi deutlich gemacht haben, dass sie eine solche Geste nach jahrelangem Zögern erwarteten. Die indische Regierung habe eher widerwillig eingelenkt, ist aber auf das Wohlwollen der Golfstaaten angewiesen - schließlich arbeiten dort Millionen indische Gastarbeiter.

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Indiens Außenpolitik: Namaste, Salam und Shalom

Dabei reichen die Beziehungen zwischen Indien und der palästinensischen Befreiungsbewegung (PLO) lange zurück. Als erster nicht arabischer Staat erkannte Indien die PLO als Vertretung des palästinensischen Volks an, schon 1975 eröffnete die Bewegung von Jassir Arafat ein Büro in Delhi.

Doch besonders unter dem seit 2014 amtierenden Modi haben sich die Beziehungen zu den Palästinensern merklich abgekühlt. Die PLO wertet es schon als Erfolg, dass Indien im Dezember die Anerkennung von Jerusalem als israelische Hauptstadt durch die USA in der Uno-Vollversammlung verurteilte.

Shalom und Namaste

Hingegen unterhält Indien mittlerweile enge Beziehungen zu Israel. Im vergangenen Sommer reiste Modi als erster indischer Premier in den Kleinstaat, dessen Gründung sein Land beim Votum der Vereinten Nationen vor 71 Jahren noch zu verhindern versucht hatte. Für die Fotografen liefen die beiden barfuß durch das warme Mittelmeer.

Seit' an Seit': Netanyahu und Modi im Mittelmeer
REUTERS/ GPO

Seit' an Seit': Netanyahu und Modi im Mittelmeer

Die Visite wurde als "Meilenstein" beschrieben, als öffentliches Outing einer heimlichen Liebesbeziehung, die im Verborgenen seit Jahrzehnten existierte. Schließlich lieferte Israel bereits während des Kalten Krieges Waffen an Indien für den Kampf gegen China und Erzfeind Pakistan.

Im November nahm Indiens Armee dann erstmals am weltweit größten multinationalen Luftwaffenmanöver in der israelischen Negevwüste teil, ein bilaterales Spezialkräftemanöver folgte - und im Januar revanchierte sich Ministerpräsident Benjamin Netanyahu für Modis Besuch und reiste nach Neu-Delhi.

Dieser Bromance-Trip toppte das erste Treffen in seiner Inszenierung noch: Blumen wurden geworfen, rote Teppiche ausgerollt, die Kavallerie eskortierte den nicht uneitlen israelischen Premier und dessen Frau durch die Hauptstadt - und zur Begrüßung sagte Netanyahu "Namaste", Modi "Shalom". Die israelische Tageszeitung "Haaretz" sprach von einem "Public Relations Blitzkrieg".

Das Ergebnis unter anderem: Rüstungsgeschäfte in Milliardenhöhe wurden beschlossen oder angeschoben, ein Freihandelsabkommen wird diskutiert, auch die Zusammenarbeit bei der Ausbeutung israelischer Gasreserven im Mittelmeer.

Wie es scheint, hat Modi einen Weg gefunden, um mit allen Konfliktparteien in der Region zusammenzuarbeiten. "Yoga ist eine Möglichkeit, die Probleme des Nahen Ostens zu lösen", hatte er während seines Israel-Besuchs 2017 gesagt. Mit anderen Worten: aktivieren, harmonisieren, vereinen - und immer nur bilateral. Zumindest für Indien geht diese Strategie auf.

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