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Indischer Spitzenkandidat Modi: Muslime befürchten Triumph des Teeverkäufers

Aus Indirapuram berichtet Ulrike Putz

Mega-Wahl in Indien: Der Hoffnungsträger aus Gujarat Fotos
DPA

Im Wahlkampf beflügelt Narendra Modi den Traum vieler Inder vom Wohlstand für alle. Er hat beste Chancen, neuer Premier des Landes zu werden. Doch sein Wahlsieg könnte gefährliche Konflikte provozieren.

"Bharat Mata ki Jai!" röhrt der Kandidat ins Mikrofon. "Heil dir, Mutter Indien!" 50.000 Menschen jubeln: Sie haben sich von dem Wahlkampfauftritt Narendra Modis ein mitreißendes Spektakel erhofft, und der aussichtsreiche Anwärter auf das Amt des indischen Ministerpräsidenten erfüllt die Erwartungen.

Nach der längst zum Markenzeichen gewordenen Begrüßung folgt eine feurige Ansprache, scharf gewürzt mit Modis volkstümelnder Mischung aus Patriotismus, Tradition und Religion. Vor allem aber verspricht Modi das, was 814 Millionen indischen Wahlberechtigten am meisten am Herzen liegen dürfte: wirtschaftlicher Aufschwung und Wohlstand für jeden.

Die Kulisse für Modis Auftritt in Indirapuram, einem Vorort Neu-Delhis, passt zum Thema: Links der ganz in Orange gehaltenen Bühne liegt ein mit dorischen Säulen verziertes Einkaufszentrum. Um den Konsumtempel scharen sich neue, aber schon bröckelnde Apartmentblöcke, in denen Betuchtere der 300 Millionen Angehörigen der indischen Mittelschicht leben.

Die meisten Schaulustigen, die per Bus aus den ländlicheren Gebieten des Wahlbezirks zu Modis Veranstaltung gekarrt wurden, können es sich noch nicht leisten, hier zu wohnen. Doch das soll sich ändern: Der Hindu-Nationalist ist der Hoffnungsträger derer, die dazugehören wollen.

Sie werden den Kandidaten der Indischen Volkspartei Bharatiya Janata Party (BJP) den Prognosen nach in den am 7. April beginnenden und in neun Etappen bis zum 12. Mai abgehaltenen Wahlen zum neuen Ministerpräsidenten Indiens machen.

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Größte Wahl der Welt: Indiens Erstwähler
Dann soll er das "Wunder von Gujarat" wiederholen: Seitdem Modi vor 13 Jahren in seiner Heimatprovinz das Amt des Ministerpräsidenten übernahm, ist die Wirtschaft dort im Schnitt um zehn Prozent jährlich gewachsen. Im Rest Indiens hingegen ist das Wirtschaftswachstum seit den Boom-Jahren um die Jahrtausendwende um die Hälfte zurückgegangen. Die Rupie verliert stetig an Wert.

"Modi weiß, wie es geht", schwärmt Sandeep Mugdal, der in Modis Wahlkampfteam Werbe-SMS für junge Wähler organisiert. "Er macht es Investoren leicht, er schafft Jobs, er ermutigt Leute wie er zu sein: hart zu arbeiten und sich den Weg nach oben zu bahnen." In Gujarat sei das Wasser sauber, und es gebe 24 Stunden Strom am Tag, sagt der 32-Jährige. "Das kann der Rest von Indien auch. Wir müssen nur unser Potential wecken."

Wahlen für das indische Parlament haben in der Vergangenheit allerdings schon öfter für Überraschungen gesorgt. 2004 zum Beispiel wurde die BJP in letzter Minute von der Kongresspartei mit Sonia Gandhi an der Spitze ausgebootet. Diesmal gilt es, bis zum letzten Wahltag zu kämpfen.

Kokettieren mit der einfachen Herkunft

Von seinen Wurzeln her ist Modi der strikte Widerpart des Führers der mit der BJP konkurrierenden Kongresspartei, Rahul Gandhi. Gandhi wurde als Großenkel von Indiens erstem Ministerpräsidenten, Jawarharlal Nehru, und Enkel der ersten weiblichen Regierungschefin, Indira Gandhi, in eine Dynastie reicher Politiker hineingeboren. Der Vegetarier und Yoga-Fan Modi ist als Sohn eines kleinen Lebensmittelhändlers in einem Kaff im westlichen Bundesstaat Gujarat aufgewachsen und arbeitete als Laufbursche für einen Teeverkäufer, um sein späteres Politikstudium zu finanzieren. Seine Gegner nennen ihn deshalb gern abfällig einen "Chaiwallah", Teeverkäufer. Modi hat die Beleidigung längst in einen Ehrentitel umgemünzt, die seine Volksnähe beweisen soll.

Muslime zittern vor Modis möglichem Wahlsieg

Schon als Schüler trat Modi der paramilitärischen, extremistischen Hindu-Organisation Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) bei, aus der 1980 die BJP hervorging. Mit seiner antimuslimischen Rhetorik galt er innerhalb der Partei als Hardliner, schaffte es aber später, sich das Image eines Wirtschaftsreformers und Modernisierers zu geben.

Seine Rolle bei antimuslimischen Ausschreitungen in Gujarat im Jahr 2002, bei denen bis zu 2000 Menschen ermordet wurden, ist nie geklärt worden. Die Europäische Union und die USA belegten ihn damals mit Einreiseverboten. Sie wurden erst jüngst aufgehoben.

Muslimische Gruppen fürchten angesichts Modis möglichem Wahlsieg das Erstarken hinduistisch-nationalistischer Kräfte im Land. Die mit der BJP konkurrierende Kongresspartei schürt diese Angst, um die Stimmen der großen Minderheiten Indiens auf sich zu vereinen. Neben den geschätzt 180 Millionen Muslimen leben in Indien viele andere religiöse und ethnische Minderheiten mit Millionen Mitgliedern.

Westliche Diplomaten in Neu-Delhi warnen davor, dass Modi - selbst wenn er als künftiger Ministerpräsident moderatere Töne anschlagen sollte - eine Figur sei, an der sich Konflikte entzünden könnten. Ein westlicher Diplomat sagte SPIEGEL ONLINE: "Es könnte durchaus sein, dass die Wahl Modis Terror von Extremisten an den Rändern des Spektrums auslösen könnte."

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1. ....
zoli8oy 08.04.2014
ähnlich, wie in der ukraine. das volk will etwas, das der westen nicht will und schon wird derjenige madig gemacht.
2. Hoffnung
r-dami 08.04.2014
Wenn er das Land zum Wachstum verhilft, wäre das für grosse Teile Indians grossartig. Was Muslime angeht, wissen wir, dass Ämter Menschen verändern, weil alle auf dich schauen. Ein Provinzpolitik kann sich vielmehr erlauben, was ein Präsident oder Ministerpräsident eines Landes nicht erlauben kann und darf.
3. Mittelklasse in Indien
muffti 08.04.2014
indien 800 millionen arme, 400 millionen mittelklasse, der rest reicher als wir uns vorstellen können. man stelle sich doch mal vor die 800 millionen werden in zukunft allen ein auto fahren können......... (nicht das ich den wunsch der armen bevölkerung nicht verstehen kann auch zur mittelklasse zu gehören)
4. Ein westlicher Diplomat...
hansgustor 08.04.2014
... Will also das alles beim Alten bleibt. Kastensystem, Armut, Diskriminierung.
5. komischer Ton
jjcamera 08.04.2014
Zitat von sysopDPAIm Wahlkampf beflügelt Narendra Modi den Traum vieler Inder vom Wohlstand für alle. Er hat beste Chancen, neuer Premier des Landes zu werden. Doch sein Wahlsieg könnte gefährliche Konflikte provozieren. http://www.spiegel.de/politik/ausland/indien-wahlen-bjp-spitzenkandidat-modi-ist-favorit-a-962668.html
Die Angst vor Terror und vor "gefährlichen Konflikten", die von Minderheitsgruppierungen ausgehen, sollte ein Wahlergebnis nicht beeinflussen, oder etwa doch? Ihr Artikel liest sich jedenfalls so, als würde hier ein verwirrter, rechtsextremer Demagoge versuchen, die Inder in die Irre zu führen.
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Fläche: 3.166.414 km²

Bevölkerung: 1213,370 Mio.

Hauptstadt: Neu-Delhi

Staatsoberhaupt:
Pranab Mukherjee

Regierungschef: Narendra Modi

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