Indiens Dossier zum Mumbai-Terror: "Lass dein Telefon an, wir wollen Schüsse hören!"

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Anklage gegen das Nachbarland: Mit einem Dossier will Indien die Verbindungen der Attentäter von Mumbai nach Pakistan beweisen. Das Material, vor allem Telefonmitschnitte, gibt einen erschreckenden Einblick in die Stunden des Blutbads - und in die eiskalte Logik der Hintermänner.

Ein Jahr nach den Anschlägen: Kerzen und Gebete in Mumbai Fotos
AP

Berlin - Im Oberoi-Hotel in der indischen Metropole logieren schon wieder die ersten Touristen, auch anderswo in Mumbai ist von den verheerenden Anschlägen vom 27. November vergangenen Jahres nur noch wenig zu sehen. Stellwände versuchen die Schäden und Einschusslöcher zu verbergen. Die Stadt müht sich, nach den blutigen Angriffen im November 2008 irgendwie zur Normalität zurückzufinden.

Gleichwohl tobt zwischen Indien und dem Nachbarland Pakistan noch immer ein erbitterter Streit, wer die Gruppen von Angreifern gesteuert hat. Indien beschuldigt seit den Anschlägen militante Gruppen aus Pakistan, welche die Attentate geplant haben sollen. Zwischen den Zeilen heißt es auch immer wieder, der pakistanische Geheimdienst ISI hätte bei der Planung der Attacken seine Finger im Spiel gehabt.

Nach wochenlangen Verbalattacken hat Indien nun ein umfangreiches Dossier vorgelegt, das die Verwicklung von Pakistanern in die Anschläge beweisen soll. Auch wenn das dicke Paket, das Anfang der Woche auch ausländischen Diplomaten vorgelegt wurde, keine brandneuen Beweise enthält, gibt es weitere erschreckende Einblicke in die tödlichen Stunden vom November 2008.

Passend zu dem Dossier, das die Tageszeitung "The Hindu" komplett im Netz veröffentlichte, bekräftigte Indien seine Drohungen. Die Regierung in Neu Delhi halte sich alle Optionen offen, um Terrorgruppen unschädlich zu machen, sagte Verteidigungsminister A. K. Antony. Erneut warf der Politiker dem Nachbarland vor, die Hintermänner nicht zu verfolgen. Indien hingegen werde "alles" tun, um die Versäumnisse auszuräumen.

Befehle über Handy und Blackberry

Es sind vor allem die Telefongespräche während der Angriffe, die die Verbindung der Attentäter nach Pakistan untermauern sollen. Demnach wurden die vier Gruppen, die in Mumbai das Blutbad anrichteten, nicht nur von Pakistan aus nach Indien entsandt, sondern während der Attacken mehr oder minder live von Militanten aus dem Nachbarland gesteuert. Alle Angreifer waren damals mit Mobiltelefonen ausgestattet, einige hatten über ihre Blackberrys auch E-Mail-Kontakt nach Pakistan.

Die Gespräche am Telefon geben einen Eindruck, wie kaltblütig die mutmaßlichen Chefs der Operation offenbar ihre Teams koordinierten. "Die Geiseln sind nur nützlich, so lange ihr nicht beschossen werdet", so einer der abgefangenen Befehle an einen der Angreifer, der mit einem Militanten in Pakistan sprach. Kurz darauf wies er den Angreifer an, die Geiseln bei Gefahr "sofort" umzubringen.

Der Angreifer antwortet kurz und klar auf die Befehle: "Ja, das sollten wir so machen, mit Gottes Willen."

Mit dem Dossier, das am Montag auch Pakistans Regierung übergeben wurde, will Indien zwei Ziele erreichen: Endlich soll die Welt anerkennen, das die wahren Täter noch immer unbehelligt in Pakistan sitzen. Zudem will Indien auch vom Ausland mehr Unterstützung bei dem Versuch bekommen, den Nachbarn massiv unter Druck zu setzen. Vor allem die USA werden dabei eine wichtige Rolle spielen.

Fotos vom Fischkutter

Neu-Delhi verlangt von Islamabad die Auslieferung von 40 Verdächtigen sowie die Zerstörung von Lagern von Lashkar-e-Toiba. Konservative Politiker in Neu-Delhi verlangen, Indiens Luftwaffe solle die Camps selbst zerstören, wenn Pakistan dies nicht tue. In dem Dossier wird auch umfangreich geschildert, wie sich Indien diplomatisch bemüht hat, Pakistan zu mehr Härte zu überzeugen.

Die fast 60-stündige Terrorserie, die am Abend des 27. November mit Schüssen auf das bei Touristen beliebte "Leopold Café" begann, war laut den Erkenntnissen der indischen Ermittler das Werk eines zehnköpfigen Kommandos. Ursprünglich waren nach Aussagen des verhafteten Terroristen Azam Amir Kasav 32 junge Männer von der im pakistanischen Teil Kaschmirs ansässigen Terrororganisation Lashkar-e-Toiba in Camps trainiert worden, um die Anschläge in Mumbai auszuführen.

Bislang bestritt Pakistan, dass Kasav pakistanischer Staatsbürger sei - er sei "staatenlos", hieß es. Am Mittwoch nun bestätigte die pakistanische Informationsministerin Sherry Rehman, dass der verhaftete Terrorist doch Pakistaner sei. Dies hätten Ermittlungen der pakistanischen Sicherheitskräfte ergeben. Es habe so lange gedauert, dies zu überprüfen, da Kasav in den Datensätzen der pakistanischen Behörden nicht zu finden war.

Kasav ist einer jener zehn Männer, die indischen Ermittlungsergebnissen zufolge am Ende des Drills von den Terror-Drahtziehern ausgesucht wurden, um die Anschläge auszuführen. Nach Angaben der indischen Sicherheitskräfte wurden neun von ihnen während der Gefechte mit Polizei und Militär getötet, nur Kasav überlebte.

Ziel der Terroristen waren westliche Touristen, vor allem Amerikaner, Briten und Israelis. Augenzeugen berichteten, die Bewaffneten hätten ihre Opfer gezielt nach ihrer Nationalität gefragt. Dies habe darüber entschieden, ob die Opfer getötet oder freigelassen wurden.

"Lasst euch nicht lebend fangen"

Wirklich neu sind die Details des Dossiers aus Neu-Delhi indes nicht - vielmehr illustrieren sie die indische These, dass die Angreifer Fußsoldaten waren, die ihren Anweisungen aus Pakistan folgten. So enthält das Papier Fotos, die auf einem Fischkutter gemacht wurden, mit dem die Terroristen von Pakistan nach Indien fuhren. Eine Limonadenflasche aus Karatschi, der pakistanischen Hafenmetropole, Pistolen aus pakistanischer Herstellung und Hygiene-Produkte, ebenfalls made in Pakistan, sind zu sehen.

Wie in einem Drehbuch erzählt das Dossier von der Planung der Anschläge - vor allem aber, wie die Hintermänner ihr Werk live per TV verfolgten und ihren Kämpfern per Mobiltelefon Anweisungen gaben. "Alles ist im Fernsehen zu sehen, ihr müsst den maximalen Schaden anrichten", so einer der Anrufer, "hört nicht auf zu kämpfen und lasst euch nicht lebend fangen". Als im TV die ersten Polizeitrupps vor einem der Hotels zu sehen war, gab er dann den Befehl, Granaten aus den Fenstern zu werfen.

Immer wieder wollten die Berater der jungen Attentäter auch wissen, wie die Operation vorangeht. So fragte einer der Anrufer einen Angreifer im Hotel "Taj Mahal", ob das Hotel bereits brenne. Man habe Matratzen für ein Feuer präpariert, antwortete der Angreifer. Etwas später, diesmal telefonierte ein Berater mit einem Angreifer im Oberoi-Hotel, wollte der junge Mann wissen, ob er Frauen schonen solle. Die Antwort, laut Dossier kam sie aus Pakistan, ist eiskalt und klar: "Töte sie!"

Bei der Operation per Telefon die gesamte Zeit dabei zu sein, war für die mutmaßlichen Hintermänner in Pakistan offenbar von höchster Priorität. "Lass dein Telefon an", brüllte so einer der Berater einen jungen Angreifer an, "wir wollen die Schüsse hören". Die letzte Konversation registrierten die Geheimdienste am späten Abend. "Bruder, ihr müsst kämpfen", feuert darin einer der unbekannten Berater den Kämpfer an, "das ist eine Prestigefrage für den Islam."

Eine Folge des Dossiers ergab sich bereits sehr schnell. Nach mehreren Dementis gestand Pakistan am Mittwoch, dass der überlebende Attentäter tatsächlich Pakistani ist. Gleichwohl betonte die Regierung, sie ermittle selber unermüdlich nach weiteren Hintermännern der Anschläge. Öffentliche Anschuldigungen seien da wenig hilfreich.

Das Dossier jedenfalls dürfte den pakistanischen Behörden neuen Stoff bieten, sofern sie denn ermitteln wollen. Auch wenn die Berater der Attentäter meist nur mit Tarnnamen genannt werden, dürfte es nicht zu schwer sein, sie zu identifizieren.

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