Von Hasnain Kazim, Islamabad
Die Bombe zerstört eine Schule, damit Soldaten das Gebäude nicht mehr als Unterschlupf nutzen können. Vermummte stürmen eine Polizeistation, stehlen Waffen und töten 17 Beamte. Andernorts wird ein Polizist geköpft, das soll Macht und Kampfeswillen demonstrieren. Ein Zug mit rund 500 Passagieren wird entführt, nur mit Mühe gelingt es Sicherheitskräften, die Terroristen zu vertreiben und die Geiseln zu befreien. Busse und Lastwagen brennen, Bewaffnete errichten Straßensperren auf Autobahnen. Das sind nur wenige Beispiele aus einer Fülle von Überfällen im vergangenen Vierteljahr.
Indien wird von neokommunistischen Rebellen angegriffen. Seit vier Jahrzehnten kämpfen die Maoisten für mehr Gerechtigkeit für die Armen und Entrechteten, für die - Dalits genannten - Unberührbaren und die Adivasis, die Ureinwohner Indiens, in den wenig bis gar nicht entwickelten Regionen des Landes. Doch seit Indiens Regierung Mitte Juni ihre "Operation Green Hunt" angekündigt und die Kommunistische Partei Indiens (CPI-M) verboten hat, nimmt der Terror drastisch zu.
Allein in diesem Jahr wurden bislang knapp tausend Menschen von den sogenannten Naxaliten getötet. Paramilitärs und Polizisten sollen die Radikalen nun besiegen, Beobachter rechnen noch im November mit dem Beginn der Offensive. Das Militär soll sich aus dem Konflikt heraushalten, Innenminister Palaniappan Chidambaram will deshalb auch nicht von einem "Krieg" sprechen, sondern nur von einer "Konfrontation".
Militär: "Ein langer, blutiger Kampf"
Die maoistische Bewegung geht auf einen Bauernaufstand im Jahr 1967 gegen Großgrundbesitzer im westbengalischen Dorf Naxalbari zurück. Im Laufe der Jahre gewannen die Naxaliten mit jeder Offensive gegen sie durch die wechselnden Regierungen in Neu-Delhi mehr Anhänger. Inzwischen zählen sie indischen Geheimdiensten zufolge etwa 50.000 Mitglieder und 20.000 Kämpfer in 20 der 28 indischen Unionsstaaten. Nepal und China würden die Rebellen mit Waffen ausrüsten. "Es ist kein kleines regionales Problem, sondern ein großes, gesamtindisches", sagt ein ranghoher Offizier im indischen Verteidigungsministerium SPIEGEL ONLINE. "Wir müssen etwas dagegen tun, und ich befürchte, es wird ein langer, blutiger Kampf."
Der Konflikt hat die bittere Ursache, dass Indiens wirtschaftlicher Aufstieg in den vergangenen 20 Jahren über einem Viertel seiner Einwohner rein gar nichts gebracht hat: Die Zahl der Inder, die von weniger als einem Dollar pro Tag leben müssen, liegt nach Uno-Angaben bei etwa 300 Millionen - kaum weniger als noch vor einem Vierteljahrhundert. Weltweit ist die Zahl der Menschen, die unter dieser Armutsgrenze leben, dagegen von 1,5 Milliarden auf etwa 970 Millionen gefallen.
Es verwundert also kaum, dass viele Inder von den etablierten politischen Parteien und vom demokratischen System enttäuscht sind. Als 2004 die regierende hindu-nationalistische Partei BJP mit ökonomischen Erfolgen für ihre Wiederwahl warb, unterlag sie überraschend gegen die linke Kongresspartei - Analysten hatten nicht mit der Wut der unzufriedenen Landbevölkerung gerechnet, die vom "shining India", vom "glänzenden Indien", wie der Slogan der BJP lautete, nichts mitbekommen hatte.
Doch auch von der Kongresspartei halten viele Arme wenig, da auch diese sich ihrer Meinung nach vor allem für die Belange der Reichen einsetzt. Stattdessen gewinnen Parteien am linken Rand Sympathien - so auch die Maoisten, die Premierminister Manmohan Singh regelmäßig als Bedrohung für die innere Sicherheit bezeichnet. "Wenn die Linksextremisten weiterhin in jenen Regionen Erfolg haben, in denen natürliche Ressourcen lagern, wird das sicher Auswirkungen auf das Investitionsklima haben", sagte er im Sommer im Parlament in Neu-Delhi.
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