Islamistischer Terror in Indonesien Drei Familien, drei Anschläge

Eine islamistische Terrorserie erschüttert die indonesische Metropole Surabaya - verantwortlich sind offenbar drei radikale Familien. Auch mehrere Kinder sollen zu Angriffen gezwungen worden sein.

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Innerhalb von 24 Stunden ist die indonesische Millionenstadt Surabaya von drei Terroranschlägen erschüttert worden. Dabei wurden nach Angaben des Polizeichefs der Provinz Ostjava 25 Menschen getötet - darunter 13 Angreifer.

Was Indonesien besonders beschäftigt: Die drei Taten gehen auf das Konto von drei Familien. Sie missbrauchten sogar ihre eigenen Kinder als Selbstmordattentäter.

Am Sonntagmorgen verübten Mitglieder der Familie Oepriarto nahezu zeitgleich Anschläge auf drei Kirchen in Surabaya. Zuerst rasten die beiden Söhne der Familie - 15 und 17 Jahre alt - mit zwei Motorrädern auf den Vorhof der katholischen Marienkirche und zündeten Sprengsätze, die sie bei sich trugen. Kurz darauf setzte der Familienvater seine Ehefrau und die beiden Töchter - neun und zwölf Jahre alt - an der Diponegrokirche in Surabaya ab. Die Frau und die beiden Mädchen sprengten sich dort in die Luft. Fünf Minuten später raste der Vater, Dita Oepriarto, mit seinem mit Sprengstoff beladenen Auto in die Pfingstkirche von Surabaya.

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Terror in Indonesien: Schrecken in Surabaya

Insgesamt kamen bei dieser Anschlagsserie 18 Menschen ums Leben: Die sechs Mitglieder der Familie Oepriarto und zwölf Kirchenbesucher - unter ihnen zwei Kinder.

Wenige Stunden später explodierte mindestens eine Bombe in einer Wohnung, die sich in unmittelbarer Umgebung einer Polizeiwache in Sidoarjo befand. Sidoarjo ist ein Vorort von Surabaya und liegt nur wenige Kilometer vom Zentrum der zweitgrößten indonesischen Stadt entfernt. Bei der Detonation wurden ein Mann, seine Ehefrau und ihr ältester Sohn getötet, die beiden Töchter überlebten. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Familie Febrianto einen Angriff auf die nahegelegene Polizeistation geplant hatte, der Sprengsatz aber vorzeitig explodierte.

Polizeichef Rudi Setiawan mit Foto einiger der mutmaßlichen Täter
Antara Foto/Nanda Andrianta/ via REUTERS

Polizeichef Rudi Setiawan mit Foto einiger der mutmaßlichen Täter

Am Montagmorgen fuhren fünf Mitglieder einer weiteren Familie auf zwei Motorrädern an einen Checkpoint vor einer Polizeiwache in Surabaya. Als Beamte sie stoppten, zündeten die Angreifer Sprengsätze. Vier Angreifer kamen ums Leben, ein etwa acht Jahre altes Mädchen, das auf einem der Motorräder saß, überlebte mit schweren Verletzungen. Zudem wurden nach offiziellen Angaben sechs Zivilisten und vier Polizeibeamte verletzt.

Die Ermittler gehen von einem islamistischen Hintergrund der Terrorserie aus. Die Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) hat die Anschläge auf die drei Kirchen für sich reklamiert, zu den beiden anderen Taten hat sich die Miliz bislang nicht geäußert. Die Polizei hatte zunächst erklärt, die Familie Oepriarto habe sich dem IS in Syrien angeschlossen und sei kürzlich nach Indonesien zurückgekehrt. Diese Angabe hat Tito Karnavian, Chef der nationalen Polizei, inzwischen aber zurückgenommen.

Der 46-jährige Familienvater Dita Oepriarto soll aber laut Polizeiangaben der Chef der islamistischen Terrororganisation Jemaah Ansharut Daulah (JAD) in Ostjava gewesen sein. Die JAD ist seit 2015 in Indonesien aktiv. Ihr Name bedeutet übersetzt soviel wie: "Gruppe der Helfer des Staates" - mit Staat ist in diesem Fall der "Islamische Staat" gemeint. Über die Hintergründe der JAD ist bislang wenig bekannt. Unter Sicherheitsexperten gilt sie bislang als ein eher loser Zusammenschluss von IS-Sympathisanten in Indonesien.

Nachbarn der Familie Oepriarto berichteten dem australischen Fernsehsender ABC, sie hätten keinen Hinweis auf terroristische Verbindungen bemerkt. "Ich kannte ihn sehr lange und als ich ihn das letzte Mal traf, war alles wie immer", sagte ein Nachbar über Dita Oepriarto.

Sorge vor weiteren Anschlägen im Ramadan

Die drei Familien, die für die Terrorserie verantwortlich sind, sollen "befreundet" gewesen sein, sagte Polizeichef Karnavian. Die Väter hätten ihre Familien radikalisiert. Wie sie ihre Anschläge planten und koordinierten, ist derzeit noch unklar. Die Ermittler spekulieren, dass die Kinder eingesetzt wurden, um unverdächtig Botschaften auszutauschen. Die Polizei fahndet nun mit Hochdruck nach einer vierten Familie, die mit den Attentätern in Verbindung gestanden haben soll.

Bei der Anschlagsserie handelt es sich um den schlimmsten Terrorakt in Indonesien seit dem Anschlag von Bali im Oktober 2002. Bei dem Attentat der mit al-Qaida verbündeten Terrorgruppe Jemaah Islamiah wurden damals 202 Menschen getötet, die meisten von ihnen waren Touristen aus Australien und anderen westlichen Ländern. Im Januar 2016 hatte erstmals der IS einen Anschlag in Indonesien für sich reklamiert. Bei dem Attentat auf ein Einkaufszentrum in Jakarta wurden vier Angreifer und vier Zivilisten getötet.

In Indonesien leben rund 200 Millionen Muslime - mehr als in jedem anderen Staat der Welt. Mehrere Hundert hatten sich in den vergangenen Jahren dem IS angeschlossen. Gemessen an der Bevölkerungszahl sind das deutlich weniger als etwa aus Deutschland und vielen anderen Staaten.

Staatspräsident Joko "Jokowi" Widodo hat nach den Anschlägen angekündigt, seine Sicherheitsbehörden würden alle militanten Islamistennetzwerke zerschlagen. Sein Sicherheitsminister Wiranto will nun im Eiltempo ein verschärftes Anti-Terrorgesetz durchdrücken.

Die Behörden haben überall auf der Hauptinsel Java die Sicherheitsvorkehrungen verschärft. Am Dienstag beginnt der islamische Fastenmonat Ramadan. Der Monat ist nicht nur eine Zeit der spirituellen Einkehr und Besinnung für Hunderte Millionen Muslime - für den IS ist es ein Monat des Terrors. In den vergangenen Jahren haben IS-Terroristen mehrfach verheerende Anschläge in den Tagen des Ramadan verübt: 2015 in Tunesien und Kuwait, 2016 in Orlando und Istanbul, 2017 in Pakistan und Afghanistan.

Nach der Terrorserie von Surabaya fürchtet Indonesiens Regierung in diesem Jahr ein ähnliches Schreckensszenario.

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Heinrich52 14.05.2018
1. Liberaler Islam
Die Familien welche die Terroranschläge verübt hatten kamen aus Syrien und waren Anhänger der IS. Indonesien ist das größte islamische Land und ist das einzige Land das Glaubensfreiheit hat. Nach dem Terroranschlägen ist der Präsident sofort nach Surabaya gefolgen und hat in der Sachlage Anschlag gekümmert. WEiter gab er an das Parlament den Auftrag härtere Gesetze gegen Terrismus zu beschließen. Was auch erfreulich ist, dass viele Imane und islamische gesitliche Führer diese Anschläge verurteilt haben. Indonesien ist ein Vorzeige Staat in denen viele Völker mit unterschiedlichen Glaubensrichtungen friedlich zusammen leben. Aber der radikale Islam nimmt drastisch zu, denn in den Städten regieren immer mehr Christen auch chinesischer Herkunft. Das können die islamischen Fumadmentalisten nicht akzeptieren. Der Staat hat die radikale islamische Partei zu den Wahlen ausgeschlossen und verboten. Nächstes Jahr sind wieder Wahlen. Diese Anschläge sind die vorboten. Es ist bekannt dass die Muslime kleine Kinder politisch ausnutzen. Das hat man in Indonesien schon einige Male gesehen.
sr.pablo 14.05.2018
2. Bitte?
"...Indonesien ist ein Vorzeigestaat..."? Das wage ich zu bezweifeln. Da werden Leute wegen Blasphemie angeklagt und verurteilt! Dort herrscht jetzt also Inquisition. Genauso wie beim Nachbarn Pakistan. Dort sind Verurteilungen wegen Blasphemie an der Tagesordnung. Und das haben ausschließlich Muslime durchgedrückt. Wo war sie denn da? Die vernünftige, friedliche muslimische Mehrheit? Es gibt sie sehr wahrscheinlich gar nicht.
g.eliot 14.05.2018
3.
Zitat von sr.pablo"...Indonesien ist ein Vorzeigestaat..."? Das wage ich zu bezweifeln. Da werden Leute wegen Blasphemie angeklagt und verurteilt! Dort herrscht jetzt also Inquisition. Genauso wie beim Nachbarn Pakistan. Dort sind Verurteilungen wegen Blasphemie an der Tagesordnung. Und das haben ausschließlich Muslime durchgedrückt. Wo war sie denn da? Die vernünftige, friedliche muslimische Mehrheit? Es gibt sie sehr wahrscheinlich gar nicht.
Sie beziehen sich vermutlich auf den Fall, in welchem der damalige Gouverneur von Jakarta 2016-17 in einer Wahlkampfrede für seine Wiederwahl als Gouverneur von Jakarta einen Satz aus dem Koran zitierte, um seine Opponenten zu diskreditieren. Die Anklage war vor allem politisch motiviert, denn Gouverneur Basuki Tjahaja Purnama ist nicht nur ein Christ, sondern auch ein Chinese, eine Kombination, wegen welcher seine erste Wahl zum Gouverneur schon von vornherein bei vielen Indonesiern viel Wiederstand und Unmut erregt hatte. Nicht nur ist es äußerst selten, dass ein Christ in Jakarta zu einem prominenten politischen Amt gewählt wird, doch in Kombination mit chinesischer Abstammung ist es eine große Seltenheit. Basuki wurde zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Wie wäre das Urteil wohl in Saudi-Arabien oder im Iran ausgefallen? Der Fall war für Indonesien beschämend, aber bisher zum Glück auch selten. Also "werden Leute" ist schon eine erhebliche Übertreibung. Also bitte, Butter bei die Fische. Indonesien ist nicht perfekt, es ist auch kein Vorzeigeland, dafür ist das Land mit seinem weitläufigen, aus Tausenden Inseln bestehenden Riesengebiet, so groß wie Europa, viel zu komplex und wegen seiner Hunderten unterschiedlichen Ethnien zu „diverse“, aber das Land ist wesentlich liberaler als die meisten mehrheitlich muslimischen Länder und kämpft tapfer für die Erhaltung der Toleranz und Gleichberechtigung der Religionen seiner Bürger.
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