Völkermord in Indonesien Eine Million Tote - keine Gerechtigkeit

In Indonesiens Folterkellern starben bis zu eine Million Kommunisten, Linke, Künstler. Überlebende und Angehörige fordern 50 Jahre danach noch immer Gerechtigkeit. Doch die Täter gelten als Helden.

Aus Jakarta berichtet Till Mayer


Die Schattenmänner stehen verloren im Abseits, kaum einer beachtet sie. Trotzdem streckt einer die linke Faust in den Himmel. "Gegen die Straflosigkeit!" Was Endang Darsa ruft, schluckt der Verkehr. Mopeds, Laster, Autos rauschen an ihm vorbei. Ab und zu blickt einer hinter dem Steuer auf die alten Männer am Straßenrand. Dann springt die Ampel wieder auf Grün.

Wer oft an Indonesiens Präsidentenpalast vorbeifährt, kennt die Demonstranten. Seit Jahren stehen sie dort an jedem Donnerstagnachmittag. Ihre schwarzen Schirme mit dem weißen Aufdruck erinnern an einen verdrängten Völkermord. Zu ihren Füßen liegen Fotos der Ermordeten.

1965 töteten rechtsgerichtete Militärs und Milizen laut Schätzungen von Amnesty International bis zu eine Million Menschen, die sie für Staatsfeinde hielten: Kommunisten, Intellektuelle, Studenten, Künstler, Gewerkschafter, zudem Angehörige der chinesischen Minderheit und sogar andere Soldaten.

Endang Darsa überlebte ein Jahr Folter und fast sieben Jahre Haft. Sein "Vergehen": Er war Mitglied in der KP-nahen Jugendorganisation Pemuda Rakyat. Für die Kommunistische Partei selbst arbeitete er als Fahrer des Anführers Aidit. Einen Prozess bekam er nie. Heute sagt Endang Darsa: "Ich hatte damals einen Traum. Dass wir ein Indonesien schaffen, in dem jeder lesen und schreiben kann und in dem niemand mehr hungrig ins Bett geht. Darum war ich in der Pemuda Rakyat. War das ein Verbrechen?", fragt der alte Herr.

Nach offizieller Lesart bis heute schon. Denn das Stigma des politischen Häftlings wird Endang Darsa nicht los. Die Täter? Sie gelten offiziell immer noch als Helden, als Retter vor dem Kommunismus.

Manche wählten den Selbstmord

"Jetzt wird es Zeit für Gerechtigkeit", sagt der 73-Jährige. Jeden Donnerstag quetscht er sich in überfüllte Busse und Bahnen, um quer durch Jakarta zu seiner kleinen Demo zu gelangen. Dabei ist die Fahrt eine Tortur für ihn. Wenn der alte Mann abends wieder nach Hause zurückkehrt, tut jeder Knochen weh. "Ich bin eben kein junger Mann mehr", sagt er. Noch viel mehr schmerzt ihn jedoch, dass niemand zuhört. Nicht die Menschen auf der Straße, nicht die Regierung.

Dabei hat der drahtige alte Mann viel zu erzählen. Was es bedeutet, Nacht für Nacht in einer winzigen Zelle mit anderen Häftlingen regelrecht aufeinandergestapelt zu liegen. Kaum noch Luft zum Atmen zu haben. So lange geschlagen zu werden, bis man auch die absurdesten Anschuldigungen gesteht.

"Manche von uns haben das alles nicht mehr ausgehalten", sagt er: "Sie haben sich aus ihrem Sarong einen Strick gedreht." Endang Darsa hat Freunde auf diese Weise verloren. Dass er selbst damals nicht den Verstand verlor, wundert ihn immer noch.

Sieben Jahre Haft in zwei verschiedenen Gefängnissen folgten auf die Folter. Nach seiner Freilassung stempelten ihm die Militärs den Vermerk "politischer Gefangener" in seine Papiere und den Ausweis. "Zwei Jahre lang musste ich mir einmal pro Woche vier verschiedene Unterschriften bei Polizei und Offiziellen einholen, die Kontrolle war perfekt", sagt Endang Darsa.

Der Vermerk im Ausweis bedeutete ein lebenslanges Berufsverbot für den öffentlichen Dienst und fast alle aussichtsreichen Berufe. "Viele Firmen trauten sich nicht, ehemalige Kommunisten einzustellen. Dabei hatte ich noch Glück. Die letzten Gefangenen haben sie in den Achtzigerjahren freigelassen, der Stempel blieb bis ins Jahr 2000. Aber ich lebe."

Irgendwie schlug sich Endang Darsa trotzdem durch, ob als Fahrer oder Zigarettenverkäufer. Mit seiner Frau betrieb er eine kleine Garküche und verkauft Gado-Gado, ein fleischloses Gericht der einfachen Leute. Seinen Kindern erzählte er lange nichts aus seiner Vergangenheit. Bis seine jüngste Tochter 2004 heiratete, ausgerechnet einen Militär.

Ein Museum voller Monstrositäten

Bis heute bekommt der 73-Jährige als ehemaliger politischer Häftling keine Rente. "Jetzt liege ich meinen Kindern auf der Tasche. Wenigstens kann ich mich nützlich machen, weil ich mich um die Enkel kümmere. Keine Rehabilitation, keine Rente. Das ist nicht gerecht, und darum werde ich nicht schweigen." Nächsten Donnerstag wird er sich wieder in den Bus quetschen, zum Präsidentenpalast fahren und die Faust in den Himmel recken.

Wer nach einer offiziellen Begründung für den Massenmord sucht, muss in einen Außenbezirk von Jakarta reisen. Die Armee hat dort ein gewaltiges Museum errichtet: das Pancasila Sakti Museum, mit einem monströsen Monument daneben. Sieben Militärs, in Eisen gegossen, blicken grimmig unter den Flügeln eines Adlers hervor. Die sechs Generäle und ein Leutnant wurden in der Nacht zum 1. Oktober 1965 bei einem Putschversuch ermordet. Die Hintergründe sind bis heute ungeklärt.

Historiker gehen aber davon aus, dass die Kommunistische Partei nicht beteiligt war.

Trotzdem nutzte der prowestliche Vizechef der Armee, Haji Mohamed Suharto, die sieben Morde für eine Hetzjagd auf die Mitglieder der damals drittgrößten KP der Welt. Der Westen sah weg, auch aus finanziellen Gründen. Dank neuer Investitionsgesetze konnten bald nach der Machtübernahme Suhartos westliche Unternehmen die Rohstoffe des Landes mit höchsten Profiten ausbeuten.

Die Karriere als Marineoffizier endete im Folterkeller

Beweise für die Täterschaft der Kommunisten liefert das Armee-Museum keine - dafür jede Menge Dioramen. In mächtigen Schaukästen werden die vermeintlichen "Verbrechen" der KP nachgestellt. Bis vor wenigen Jahren drängten sich täglich Tausende Schüler durch die Gänge. Sie betrachteten finster dreinblickende Kommunistenpuppen bei ihren vermeintlichen Schandtaten. Heute ist es ruhiger im Museum. Nur eine einzelne Schulklasse schleicht durch das mächtige Gebäude.

"Das ist wirklich ein verrücktes Museum. Nur zur Gehirnwäsche gut. Genauso wie der Propagandafilm, den sich jahrelang ganz Indonesien ansehen musste. Eine Schande ist das", sagt Suherlan Mariyoso und schüttelt den Kopf. Er war 1965 Marineoffizier - und Mitglied einer sozialistischen Studentenorganisation. "Eigentlich nur, um ein Stipendium zu bekommen. Und weil viele meiner Freunde dort auch aktiv waren", sagt der heute 78-Jährige. Trotzdem landete er in einem Folterkeller.

Der alte Mann demonstriert, was ihm dort angetan wurde. Er holt sich einen Stuhl, setzt sich rücklings darauf und steckt seine beiden nackten großen Zehen unter die Holzbeine. "Sie haben die Lehne mit aller Kraft nach unten gedrückt. Mein Gott, wie hat das geschmerzt", sagt der alte Mann.

Trotz aller Schikane hat sich Suherlan Mariyoso eine kleine Firma aufgebaut, das reicht bis heute für eine bescheidene Existenz. Doch anderen geht es schlechter: "Vergangene Woche habe ich einen alten Freund gesehen. Auch ein Opfer der politischen Säuberungsaktionen. Mit fast 80 Jahren muss er Zeitungen verkaufen, um nicht zu hungern."

Auch darum fordere Mariyoso Gerechtigkeit. Für all die Angehörigen der Ermordeten, die auf eine Rehabilitation warten: "Vergessen Sie bitte nicht: Auch nach 50 Jahren sind das immer noch Millionen."

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