Industriepark in Nordkorea: Ein bisschen Frieden, ein bisschen Business

Handelszone Kaesong in Nordkorea: Arbeiten beim Feind Fotos
DPA/ Yonhap

Täglich pendeln Hunderte Südkoreaner in die Handelszone von Kaesong. Doch die liegt im verfeindeten Nordkorea. Trotz allen Kriegsgebrülls laufen dort die Geschäfte friedlich weiter - weil beide Seiten profitieren. Das Wettrüsten der Nachbarn nehmen die Arbeiter mit Humor.

Pjöngjang/Seoul - Die koreanische Halbinsel stürzt von einer Krise in die nächste. Südkorea protzt mit einem gewaltigen Manöver, zusammen mit den Amerikanern. Nordkorea droht dem Süden mit Vernichtung, werkelt an seinem Atomprogramm und kappt nach und nach die spärlichen Verbindungen zum Nachbarn. Kurz: Die Region ist in Aufruhr. Die komplette Region? Nicht ganz. Im Industriegebiet Kaesong nördlich der demilitarisierten Zone herrscht friedliche Betriebsamkeit. Südkoreaner überqueren den schwer bewachten Übergang, als gäbe es keinerlei diplomatische Spannungen.

Allein am Montag besorgten sich 842 Personen einen Passierschein. Beäugt werden sie von bewaffneten Soldaten in Tarnkleidung. Doch das ist der Normalzustand. An diesem Grenzübergang ist wenig von der militärischen Eskalation der vergangenen Wochen und Monate zu spüren.

"Heute sind zwar mehr Soldaten da als sonst. Aber es sind auch mehr Fahrzeuge, die die Grenze überqueren", sagte die südkoreanische Arbeiterin Kim Soo Yeon der Nachrichtenagentur Reuters.

123 Firmen aus Südkorea sind hier angesiedelt, zehn Kilometer nördlich der demilitarisierten Zone. Sie beschäftigen mehr als 50.000 Arbeiter aus dem verfeindeten Norden. Doch beim Blick auf die Arbeitslöhne vergessen offenbar selbst patriotische Geschäftsleute ihre Abneigungen gegen den Nachbarn. Im Schnitt verdienen die Fabrikarbeiter umgerechnet 128 US-Dollar im Monat. Davon behält das Regime sogar noch einen Teil ein. In den vergangenen Jahren hatten die Vereinten Nationen immer wieder eine Untersuchung der Arbeitsbedingungen gefordert.

Seit dem Jahr 2004 entstehen in der 66 Quadratkilometer großen Wirtschaftszone vor allem einfache Produkte: Kleidung, Schuhe, Plastikuhren. Südkorea will durch die niedrigen Lohnkosten vor allem mit China konkurrieren können.

Für Hunderte Südkoreaner - die vor allem in leitenden Posten tätig sind - hat sich trotz der politischen Spannungen wenig an ihrem Pendlerleben geändert. Park Heung Jin lässt in der Industriezone Schuhe herstellen. Er sagt: "Man könnte meinen, dass viele Südkoreaner Angst vor Übergriffen oder Geiselnahmen haben. Aber die Leute hier wissen, wie wichtig Kaesong für Nordkorea ist. Deshalb haben sie Vertrauen."

Tatsächlich ist die Industriezone für die überschaubaren Handelsbeziehungen beider Länder von großer Bedeutung. Laut Südkoreas wichtigster Nachrichtenagentur Yonhap erreichte das Handelsvolumen der streitenden Nachbarn im Jahr 2012 den Rekordwert von 1,97 Milliarden Dollar. Südkoreanische Waren im Wert von 896,26 Millionen Dollar (plus 13,4 Prozent im Vergleich zu 2010) wurden in den Norden verschickt. In entgegengesetzter Richtung waren es sogar 1,07 Milliarden (plus 19,3 Prozent).

"Der Süden ist kein echter Gegner mehr"

Nahezu der komplette Warenverkehr wurde über Kaesong abgewickelt. Für das isolierte Regime in Pjöngjang ist die Wirtschaftszone einer von wenigen Devisenbringern. Auch von den Sanktionen der Uno gegen die aufstrebende Atommacht Nordkorea ist das Areal weitgehend ausgenommen.

Entsprechend entspannt sehen viele Vertreter des Südens die Situation. "Kaesong ist die letzte Festung. Wenn diese geschlossen wird, ist auch das letzte Band zwischen Norden und Süden zerschnitten", sagte Park Soo Jin von der Regierung in Seoul.

Die anhaltenden Spannungen nehmen manche Arbeitnehmer in Kaesong mit Humor. Schuhhersteller Park Heung Jin hat sich bei seinem letzten Besuch mit den Arbeitern vor Ort unterhalten. "Sie witzelten, der Süden sei kein echter Gegner mehr. Nun müssten sie sich halt mit den Vereinigten Staaten anlegen."

jok/Reuters

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insgesamt 20 Beiträge
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1. Intershops
brordi 12.03.2013
Das ist genau das gleiche wie die Intershops, mit den die Kommunisten im Osten Deutschlands den bösen Kapitalisten die bösen Westdevisen, wie die Deutsche Mark, abluchsen wollten. In den Intershopskonnte man all das kaufen was sonst in der DDR nicht zu kriegen war, aber nur gegen harte Währung. An die kam der Normalbürger aber nicht ran. Es sei denn durch Verwandte oder Bekannte aus dem Westen. Damit wurden die allerdings auch gleich wieder verdächtig.
2. Kommt einem irgendwie bekannt vor
Airkraft 12.03.2013
Zu Hochzeiten des "Kalten Krieges" war die DDR ja auch die verlängerte Werkbank der BRD-Industrie. Möbel, Waschmaschinen, Frnseher, Camping-Artikel, ... alles wurde in der DDR billig gefertigt. Da haben sich einige eine "goldene Nase" verdient.
3.
garfield 12.03.2013
Zitat von brordiDas ist genau das gleiche wie die Intershops, mit den die Kommunisten im Osten Deutschlands den bösen Kapitalisten die bösen Westdevisen, wie die Deutsche Mark, abluchsen wollten. In den Intershopskonnte man all das kaufen was sonst in der DDR nicht zu kriegen war, aber nur gegen harte Währung. An die kam der Normalbürger aber nicht ran. Es sei denn durch Verwandte oder Bekannte aus dem Westen. Damit wurden die allerdings auch gleich wieder verdächtig.
Na, das hinkt aber alles etwas. Kaesong ist Produktion und nicht das Gegenstück Konsum, wie es die Intershops waren. Auch werden die nordkoreanischen Arbeiter wohl kaum in Devisen bezahlt. Was sollten sie damit auch anfangen? WENN schon Vergleich, dann eher mit den über die ganze DDR verteilten Betrieben, die (auch) für den Westen produzierten. Von der Währung, in der Quelle und Co bezahlten, hatten die Arbeiter auch nichts bekommen. Und zu den Intershops: "Verdächtig" waren Westgeld-mitbringende Verwandte keineswegs. Wozu auch und wessen verdächtig? Es war ja gewollt. Die konnten praktisch gar nicht genug Westgeld dalassen. Die einzige "Schleife", die DDR-Bürger in den letzten Jahren drehen mussten, war die Vorschrift, ihr Westgeld VOR der Ausgabe in den Intershops bei der Staatsbank in sogenannte "Forum-Schecks" umzutauschen. Denn verständlicherweise wollte die DDR-Führung das Westgeld gleich haben und nicht, dass es monatelang in Schubladen schlummerte, bevor man sich, es dreimal umdrehend, schweren Herzens davon im Intershop trennte. Allerdings wurde man selten nach Hause geschickt, wenn man den Umtausch vergessen hatte und im Intershop gleich mit "echtem" Geld bezahlte. Es war wohl doch auf Dauer etwas peinlich, von den Kunden erst mal den Ausweis zu verlangen, um danach festzustellen, mit welchem Papiergeld gezahlt werden durfte.
4.
kuschkusch 12.03.2013
128 US Dollar pro Monat für einen Arbeiter?! Welch traumhafte Bedingungen für Unternehmer! Vielleicht sollten wir in Deutschland auch die Stalinisten ran lassen. In diesem Sinne, lebt eigentlich noch ein Sohn oder Enkel vom ollen Ulbricht? So eine kleine Region dort und welch eine Produktion! Respekt an Kim und seine kommunistischen Freunde. Ihr habt es echt drauf! Mit sozialistischen Grüßen an die Rotfront!
5. Stimmt...
vhe 12.03.2013
Zitat von brordiDas ist genau das gleiche wie die Intershops, mit den die Kommunisten im Osten Deutschlands den bösen Kapitalisten die bösen Westdevisen, wie die Deutsche Mark, abluchsen wollten. In den Intershopskonnte man all das kaufen was sonst in der DDR nicht zu kriegen war, aber nur gegen harte Währung. An die kam der Normalbürger aber nicht ran. Es sei denn durch Verwandte oder Bekannte aus dem Westen. Damit wurden die allerdings auch gleich wieder verdächtig.
Weiß noch, wie ich jahrelang auf einen Taschenrechner gespart hatte, bis ich die 36DM zusammen hatte. Den hab ich heut noch... Allerdings mußte man dazu nicht unbedingt Verwandtschaft im Westen haben, eine Oma im Osten reichte auch. Als Rentner durfte man streßfrei in den Westen. Einmal Begrüßungsgeld kassieren und zurück.
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