Inside Qaida 9/11-Planer rechnet mit Osama Bin Laden ab

Bisher geheime Aussagen des Terror-Planers Chalid Scheich Mohammed gewähren Einblicke ins Innenleben der Qaida und liefern neue Erkenntnisse über die Anschläge vom 11. September. Über Bin Laden äußert sich der Scheich wenig schmeichelhaft: Der sei geschwätzig, arrogant und machtgierig.

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Berlin - Wer in den letzten Jahren Gelegenheit hatte, mit Chalid Scheich Mohammed zu reden, konnte viel erfahren. Wie im Lehrbuch beschrieb er seinen Weg zum Erfolg. "Einfachheit war der Schlüssel zum Erfolg", so der Kuweiter. Man müsse lediglich klare Machtstrukturen in einer Organisation haben, niemand dürfe sich der Befehle erwehren. Zudem sei Diskretion entscheidend. "Wenn vier Menschen von einer Operation wissen, ist es gefährlich; wenn zwei es wissen, ist es gut; wenn nur einer es weiß, ist es am besten", so der mittlerweile als KSM weltweit bekannte Terrorist.

Terror-Chef Osama bin Laden: Details zum 11. September beim Gebet
AP/ Al-Jazeera

Terror-Chef Osama bin Laden: Details zum 11. September beim Gebet

Das Geschäft, von dem KSM berichtete, hatte nur ein Ziel - den Tod von möglichst vielen Amerikanern. Mehrere Jahre plante der Mann, der seit Jahren an einem geheimen Ort von US-Behörden festgehalten und verhört wird, an dem Plot für den 11. September 2001. Am Ende konnte er nur eine abgespeckte Version seiner Idee, die er gemeinsam mit dem Terror-Chef Osama Bin Laden ausgeheckt hatte, verwirklichen. Gleichwohl schafften es drei Piloten, ihre Ziele in New York und Washington zu treffen. Mehr als 3000 Menschen starben bei dem Angriff.

Bisher wusste man über die Aussagen von KSM wenig. Immer wieder hatten sich die US-Behörden geweigert, ihre durch sogenannte innovative Fragetechniken gewonnenen Erkenntnisse preiszugeben. US-Zeitungen berichteten mehrmals, dass KSM nach folterähnlichen Methoden schlussendlich eine Art Lebensbeichte abgelegt habe. Als jedoch die Richter in den beiden Hamburger Terror-Prozessen nach den Vernehmungen fragten, bekamen sie am Ende eine abstrakte Zusammenfassung, die für den Prozess kaum brauchbar war.

Diese Haltung hat sich nun geändert. Völlig überraschend haben die US-Behörden für den Prozess gegen den Terror-Verdächtigen Zacarias Moussaoui 58 Seiten mit Aussagen von KSM freigegeben. Erstmals hat so die Öffentlichkeit die Möglichkeit, in das Innenleben der al-Qaida zu sehen und etwas mehr über die Planung der Anschläge vom 11. September zu erfahren. Gleichwohl geben die Dokumente vor allem Einblicke in das ganz persönliche Innenleben der al-Qaida und den dauerhaften Machtkampf zwischen KSM und Osama Bin Laden.

Besorgt über die Indiskretion seines Chefs: Khalid Scheich Mohammed.
AP

Besorgt über die Indiskretion seines Chefs: Khalid Scheich Mohammed.

Gegenüber den US-Ermittlern sparte der Scheich nicht mit Kritik an seinem Chef. Durch seine Geschwätzigkeit habe dieser den Plot des 11. September mehrmals massiv gefährdet. So predigte er im Sommer 2001 vor Anhängern im berüchtigten al-Faruk-Camp nahe der afghanischen Stadt Kandahar, sie sollten für den "Erfolg einer wichtigen Operation von 20 Märtyrern beten". KSM und Mohammed Atef, ebenfalls weit oben in der Qaida-Hierarchie, stockte der Atem. Zu diesem Zeitpunkt waren die Todes-Piloten bereits in der Ausbildung in den USA. Nur der kleinste Verdacht hätte sie auffliegen lassen können.

Folglich berieten die beiden Top-Funktionäre sehr schnell ihre weitere Taktik. Beide waren "besorgt über den Mangel an Diskretion und drängten Bin Laden deshalb, keine weiteren Kommentare über den Plot zu machen", so die Dokumente der US-Behörden. KSM war diese Diskretion sehr wichtig. Deshalb hatte er laut der Papiere den Ägypter Mohammed Atta ausgewählt und ihm für die Operation weitgehende Handlungsfreiheit gewährt. Jeder Beteiligte habe nur das wissen sollen, was er dringend benötige, beschrieb er seine Taktik gegenüber den US-Beamten.

Qaida-Prinzip: wer zahlt, hat Recht

Die Dokumente lassen auch erkennen, dass sich zwischen KSM und Bin Laden ein regelrechter Machtkampf abspielte. Lange vermied es KSM beispielsweise, den in der Qaida üblichen Schwur auf den Führer abzulegen, um seine Unabhängigkeit zu wahren. Zudem folgte er bestimmten Befehlen Bin Ladens nicht, da er mit den Entscheidungen - in einem Fall sogar der Auswahl von Todes-Piloten - nicht einverstanden war. Seine Flexibilität sei jedoch eingeschränkt gewesen, gestand KSM ein - schließlich habe Bin Laden stets für alles gezahlt.

Gleichwohl bestand Bin Laden bei mehreren Gelegenheiten auf seinen eigenen Willen, sagte KSM in der Haft. So habe er Wochen gebraucht, ihn von der Idee abzubringen, den Plot sehr schnell auszuführen. Erst wollte Bin Laden bereits zum Jahrestag eines anderen Anschlags loslegen, dann wieder hatte er von einem Besuch des israelischen Politikers Ariel Sharon erfahren und war versessen auf den Gedanken, während seiner US-Visite zuzuschlagen.

Ebenso habe Bin Laden lange darauf gedrängt, lieber kleinere Flugzeuge zu benutzen, deren Handling man leichter erlernen könne. KSMs Plan mit den großen Passagier-Jets sei "nicht realisierbar", sagte ihm Bin Laden am Anfang. Erst im Oktober 2000 habe er sich schließlich auf die später realisierte Version eingelassen.

Auch über die Highjacker selber hatten KSM und Bin Laden mehrfach Streit. Ausführlich schilderte er in der Haft, dass der Qaida-Chef unbedingt zwei enge Vertraute als Anführer auf die tödliche Mission schicken wollte. KSM hingegen argumentierte, die beiden wüssten "kaum, wie sie in einer westlichen Gesellschaft wie den USA funktionieren sollten". Er wollte lieber im Westen erfahrene Männer wie Atta als Anführer. Am Ende setzte er sich durch, da Bin Ladens Kandidaten unzuverlässig wurden.

So interessant die Aussagen sind, so wenig klar ist ihre Entstehung. Deutlich ist in den Papieren vermerkt, dass KSM "im Angesicht der Nationalen Sicherheit nicht persönlich oder per Video-Link für eine Aussage zu Verfügung steht". Auch sei eine Vernehmung durch das Gericht nicht möglich. Allerdings weisen die Behörden daraufhin, dass die Vernehmungen "unter Umständen gemacht wurden, die dafür geschaffen seien, wahrhaftige Aussagen aus dem Zeugen herauszuholen". Den Verdacht der Folter schließt dieser Satz jedenfalls keineswegs aus.



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