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12. September 2015, 07:43 Uhr

Europaparlament

Kein Platz für "religiös aufgeladene" Kunst

Von , Brüssel

Eine Installation zu den gemeinsamen Wurzeln von Christen, Juden und Moslems begeistert in Dänemark das Publikum. Doch vor dem Europaparlament in Brüssel darf sie nicht stehen. Warum nicht?

Wenn es darum geht, die Meinungsfreiheit zu verteidigen, sind die EU-Parlamentarier in Brüssel und Straßburg in der Regel ganz vorne mit dabei.

Nach den Anschlägen auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" hielten etliche im Plenum Schilder mit der Aufschrift "Je suis Charlie" in die Höhe. Parlamentspräsident Martin Schulz fand große Worte und auch die Schwüre der Fraktionschefs Manfred Weber und Gianni Pitella fielen feierlich aus. "Wir Europäer werden immer unsere Werte der Presse- und Meinungsfreiheit, der Toleranz und des gegenseitigen Respekts verteidigen", hieß es.

Hinter verschlossenen Türen dagegen ist es mit der Bereitschaft, der Meinungsfreiheit zur Geltung zu verhelfen, nicht ganz so weit her, wie sich am vergangenen Dienstag zeigte.

Da tagte das Parlamentspräsidium und auf der Agenda stand eine heikle Angelegenheit. Der dänische Abgeordnete Bendt Bendtsen hatte sich bereits vor Monaten an Parlamentspräsident Schulz gewandt. Er würde gern die Installation "Die Kinder Abrahams" für einige Wochen in Brüssel präsentieren. Auch einen Ort hatte der findige Abgeordnete bereits im Kopf: auf dem weitläufigen Platz vor dem mächtigen Parlamentsgebäude, da würde es doch gut passen.

"Children of Abraham" ist kein islamfeindliches Werk, der Künstler, Jens Galschiøt, gehört nicht zu Religionskritikern, denen es nur darum geht, Tumulte zu provozieren.

Die Installation umfasst 14 dreieinhalb Meter hohe Buchstaben, die sich im Kreis zu dem Wort "Fundamentalism" formen. Darunter, im Sockel, sind Bildschirme eingelassen, auf denen 600 Zitate aus Koran, Bibel und der Thora abwechselnd erscheinen. "Eine Kunstinstallation über die Dogmen des Monotheismus" nennt Galschiøt sein Werk.

"Das sendet das falsche Signal"

Dem Parlamentspräsidium ist das egal. Die Installation soll nicht auf den Parlamentsplatz. Der Grund, so Schulz laut Teilnehmern des internen Treffens: Auf dem offenen Platz könne das Parlament nicht für die Unversehrtheit des "religiös aufgeladenen" Kunstwerks garantieren. Schulz' Präsidiumskollegen, darunter auch Abgeordnete von CDU und den Grünen, waren der gleichen Ansicht. Einzig Alexander Graf Lambsdorff hielt dagegen. "Das sendet das falsche Signal", sagte der FDP-Mann, notfalls müsse man eben für ausreichenden Schutz sorgen.

Zumal über Attacken auf die Installation bislang nichts bekannt ist. Lange war die Skulptur im dänischen Silkeborg Bad in der Nähe von Aarhus zu sehen, ohne Zwischenfälle. Im nächsten Frühjahr soll "Kinder von Abraham" vor dem Rathaus in Kopenhagen aufgestellt werden. Natürlich ebenfalls öffentlich zugänglich.

Die Zitate, die Galschiøt bringt, sind abgewogen. Sicher, viele Sätze aus dem Koran befremden, aber auch manches Bibelzitat scheint wie aus der Zeit gefallen. Im Koran, das weiß man, heißt es über die Ungläubigen: "Ergreifet sie und tötet sie, wo immer ihr sie auffindet". Aber auch in der Bibel finden sich harsche Worte: "Sie strotzen vor Unrecht, Bosheit. Wer es so treibt, den Tod verdient".

"Schlechte Erfahrungen mit Ausstellungen sensiblen Inhalts"

Daneben finden sich auch positive Sätze auf den Bildschirmen. "Wer Gutes vollbringt, soll Besseres als das erhalten", heißt es beispielsweise im Koran. Die Installation zeigt eine ganze Reihe solcher Zitate, Galschiøt nennt sie "helle" Sätze.

Ein Sprecher von Parlamentspräsident Schulz betonte, man habe nichts gegen den Inhalt der Installation. Allerdings habe man in der Vergangenheit "schlechte Erfahrungen mit Ausstellungen sensiblen Inhalts" gemacht.

EU-Parlamentarier Bendtsen ist trotzdem empört. "Es ist eine Schande, dass Präsident Schulz es ablehnt, die Skulptur aufzustellen. Das Europäische Parlament muss der Hort der Meinungsfreiheit in Europa sein." Abgeordnete anderer Parteien unterstützen den Dänen bei seinem Anliegen, darunter der deutsche Grüne Reinhard Bütikofer. Auch Künstler Galschiøt gibt sich zuversichtlich: "Sie haben nicht mal in China verhindern können, dass ich meine Kunstwerke ausstelle."

Übrigens: in der gleichen Sitzung bewilligte das Parlamentspräsidium 43 neue Stellen für Marine Le Pen und die Rechtspopulisten im Europäischen Parlament.

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