Europaparlament Kein Platz für "religiös aufgeladene" Kunst

Eine Installation zu den gemeinsamen Wurzeln von Christen, Juden und Moslems begeistert in Dänemark das Publikum. Doch vor dem Europaparlament in Brüssel darf sie nicht stehen. Warum nicht?

Abgeordnete des Europaparlaments (in Straßburg): "Schlechte Erfahrungen mit Ausstellungen sensiblen Inhalts"
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Abgeordnete des Europaparlaments (in Straßburg): "Schlechte Erfahrungen mit Ausstellungen sensiblen Inhalts"

Von , Brüssel


Wenn es darum geht, die Meinungsfreiheit zu verteidigen, sind die EU-Parlamentarier in Brüssel und Straßburg in der Regel ganz vorne mit dabei.

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Heft 38/2015
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Nach den Anschlägen auf das französische Satiremagazin "Charlie Hebdo" hielten etliche im Plenum Schilder mit der Aufschrift "Je suis Charlie" in die Höhe. Parlamentspräsident Martin Schulz fand große Worte und auch die Schwüre der Fraktionschefs Manfred Weber und Gianni Pitella fielen feierlich aus. "Wir Europäer werden immer unsere Werte der Presse- und Meinungsfreiheit, der Toleranz und des gegenseitigen Respekts verteidigen", hieß es.

Hinter verschlossenen Türen dagegen ist es mit der Bereitschaft, der Meinungsfreiheit zur Geltung zu verhelfen, nicht ganz so weit her, wie sich am vergangenen Dienstag zeigte.

Da tagte das Parlamentspräsidium und auf der Agenda stand eine heikle Angelegenheit. Der dänische Abgeordnete Bendt Bendtsen hatte sich bereits vor Monaten an Parlamentspräsident Schulz gewandt. Er würde gern die Installation "Die Kinder Abrahams" für einige Wochen in Brüssel präsentieren. Auch einen Ort hatte der findige Abgeordnete bereits im Kopf: auf dem weitläufigen Platz vor dem mächtigen Parlamentsgebäude, da würde es doch gut passen.

"Children of Abraham" ist kein islamfeindliches Werk, der Künstler, Jens Galschiøt, gehört nicht zu Religionskritikern, denen es nur darum geht, Tumulte zu provozieren.

Jens Galschiøt/ Art In Defence Of Humanism

Die Installation umfasst 14 dreieinhalb Meter hohe Buchstaben, die sich im Kreis zu dem Wort "Fundamentalism" formen. Darunter, im Sockel, sind Bildschirme eingelassen, auf denen 600 Zitate aus Koran, Bibel und der Thora abwechselnd erscheinen. "Eine Kunstinstallation über die Dogmen des Monotheismus" nennt Galschiøt sein Werk.

"Das sendet das falsche Signal"

Dem Parlamentspräsidium ist das egal. Die Installation soll nicht auf den Parlamentsplatz. Der Grund, so Schulz laut Teilnehmern des internen Treffens: Auf dem offenen Platz könne das Parlament nicht für die Unversehrtheit des "religiös aufgeladenen" Kunstwerks garantieren. Schulz' Präsidiumskollegen, darunter auch Abgeordnete von CDU und den Grünen, waren der gleichen Ansicht. Einzig Alexander Graf Lambsdorff hielt dagegen. "Das sendet das falsche Signal", sagte der FDP-Mann, notfalls müsse man eben für ausreichenden Schutz sorgen.

Zumal über Attacken auf die Installation bislang nichts bekannt ist. Lange war die Skulptur im dänischen Silkeborg Bad in der Nähe von Aarhus zu sehen, ohne Zwischenfälle. Im nächsten Frühjahr soll "Kinder von Abraham" vor dem Rathaus in Kopenhagen aufgestellt werden. Natürlich ebenfalls öffentlich zugänglich.

Die Zitate, die Galschiøt bringt, sind abgewogen. Sicher, viele Sätze aus dem Koran befremden, aber auch manches Bibelzitat scheint wie aus der Zeit gefallen. Im Koran, das weiß man, heißt es über die Ungläubigen: "Ergreifet sie und tötet sie, wo immer ihr sie auffindet". Aber auch in der Bibel finden sich harsche Worte: "Sie strotzen vor Unrecht, Bosheit. Wer es so treibt, den Tod verdient".

"Schlechte Erfahrungen mit Ausstellungen sensiblen Inhalts"

Daneben finden sich auch positive Sätze auf den Bildschirmen. "Wer Gutes vollbringt, soll Besseres als das erhalten", heißt es beispielsweise im Koran. Die Installation zeigt eine ganze Reihe solcher Zitate, Galschiøt nennt sie "helle" Sätze.

Ein Sprecher von Parlamentspräsident Schulz betonte, man habe nichts gegen den Inhalt der Installation. Allerdings habe man in der Vergangenheit "schlechte Erfahrungen mit Ausstellungen sensiblen Inhalts" gemacht.

EU-Parlamentarier Bendtsen ist trotzdem empört. "Es ist eine Schande, dass Präsident Schulz es ablehnt, die Skulptur aufzustellen. Das Europäische Parlament muss der Hort der Meinungsfreiheit in Europa sein." Abgeordnete anderer Parteien unterstützen den Dänen bei seinem Anliegen, darunter der deutsche Grüne Reinhard Bütikofer. Auch Künstler Galschiøt gibt sich zuversichtlich: "Sie haben nicht mal in China verhindern können, dass ich meine Kunstwerke ausstelle."

Übrigens: in der gleichen Sitzung bewilligte das Parlamentspräsidium 43 neue Stellen für Marine Le Pen und die Rechtspopulisten im Europäischen Parlament.

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Peter Müller ist Korrespondent im Brüsseler Büro des SPIEGEL.

E-Mail: Peter_Mueller@spiegel.de

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insgesamt 30 Beiträge
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Seite 1
skylarkin 12.09.2015
1.
Hoppla, vor meiner Haustür aber bitte keine Meinungsfreiheit, wenn auch nur das kleinste Risiko besteht, dass das zu Konflikten oder Demonstrationen führen kann. Wie scheinheilig!
heinzpeter0508 12.09.2015
2. Es ist unverständlich was für ein Hype
in unserer ach so aufgeklärten Zeit immer noch über Religionen gemacht wird. Bibel und Koran, „zusammengeschusterte Werke“, wie es der Autor Christopher Hitchens nennt. Die Menschen, wenn sie geistig dazu überhaupt in der Lage sind, sollten sich mehr mit den wissenschaftlichen Grundlagen der menschlichen Evolution befassen, statt von „fairy tale stories“ ihr Leben so stark beeinflussen lassen. Auch Richard Dawkins, Evolutionsbiologe und Professor in Oxford macht klare Aussagen zur Entstehung des Lebens, folgend Charles Darwin’s Evolutionstheorie. Mit mehr Humanismus und weniger Religion wäre die Menschheit besser dran. Wieviel Leid und Tod haben die christlichen Religionen in der Vergangenheit gebracht, genauso wie heute der Islam. Eine Wahrheit dazu sei noch von Karl Marx zitiert, „Religion ist Opium fürs Volk“. Es war der Humanismus und die Aufklärung, die schlussendlich mehr Frieden nach Europa brachten. Die Religion machte sich dann die humanistischen Ideale zu eigen, und nicht umgekehrt.
manni.baum 12.09.2015
3. religiös aufgeladen
die Beurteilung als "religiös aufgeladen" ist sehr subjektiv, ABER auf einem Parlamentsplatz hat auch "normale" religiöse Kunst nicht zu stehen.
Martin Franck 12.09.2015
4. Das falsche Signal
Das falsche Signal wäre es die Meinungsfreiheit einzuschränken. Zwar gibt es Religionsfreiheit, aber durch diese werden keine bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten beschränkt. Wer sich also von Mohammed-Karikaturen, Papst-Satiren oder jüdischen Witzen stört, die weder zum Hass aufstacheln, zu Gewalt- oder Willkürmaßnahmen auffordern, oder beschimpfen, böswillig verächtlich machen oder verleumden, der hat in Europa nichts verloren. Was wäre, wenn sich Pastafari (die Anhänger des fliegenden Spaghettemonsters) darüber aufregen würden, wenn Nudeln vor dem Parlamentsgebäude dargestellt würden? Gerade als Europapolitiker sollte man demonstrieren, dass Religion kein Freibrief ist, Meinungen einzuschränken.
alohas 12.09.2015
5.
Bei aller Liebe zur Kunst, aber die Message dieser Installation ist einfach zu billig. Der ewige Schnulz um die vermeintlichen Gemeinsamkeiten der sogenannten „Buchreligionen“, sowie die Feststellung, dass sowohl im Koran als auch in der Bibel aus heutiger Sicht problematische Aussagen stehen, ist nicht gerade ein revolutionärer Gedanke und wird an dem Konflikt zwischen den Glaubensrichtungen, der seit Jahrhunderten besteht, nichts ändern. Entscheidend ist doch, wie die Religion gelebt wird und da gibt es eben schon mal Unterschiede. Wer glaubt, dass das entsprechende Buch von Gott höchstpersönlich verfasst wurde, neigt natürlich dazu, genau das zu leben, was in der „Heiligen Schrift“ geschrieben steht und wird sich zeitgemäßen Interpretationen eher verweigern.
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