Integration in Israel "Eine Bedrohung für den jüdischen Staat"

Sarrazin ist überall: Auch Israel streitet heftig über Integrationspolitik. Legalen Einwanderern wie äthiopischen Juden schlägt blanker Rassismus entgegen, illegalen "Gastarbeitern" droht Abschiebung - mancher hält sie für eine "existentielle Bedrohung des jüdischen Staats".

Von Dominik Peters

Getty Images

Berlin - Aus der ganzen Welt, aus mehr als 120 Ländern und in zahlreichen Einwanderungswellen sind in den vergangenen 62 Jahren Menschen nach Israel gekommen, um "Alijah" zu machen, den "Aufstieg", wie die Einwanderung heißt.

Der Wunsch der zionistischen Gründungsväter um Theodor Herzl, dass in Israel alle Juden leben, hat sich zwar bis heute nicht erfüllt, dennoch: Wohnten zum Zeitpunkt der Staatsgründung im Jahr 1948 etwa 650.000 Juden zwischen Jordan und Mittelmeer, sind es heute knapp fünfeinhalb Millionen - aus Europa, Amerika, Asien und Afrika.

Für die Einwanderung gelten seit jeher strenge Auflagen - ein mehrmonatiger, verpflichtender Sprachkurs ist eine davon. Doch nicht alle Einwanderungsgruppen haben Fuß gefasst im "gelobten Land". Hinter der Fassade der Mosaikgesellschaft, deren unterschiedliche Schichten durch die gemeinsame Religion zusammengehalten wird, klaffen tiefe Risse.

Nach dem "Aufstieg" kam die Ernüchterung

Besonders die äthiopischen Juden sind es, denen zum Teil blanker Rassismus entgegenschlägt. Am vergangenen Donnerstag berichtete die "Jediot Aharonot" über einen Fall, in dem ein schwarzer Soldat von seinem Vorgesetzten als "nerviger Nigger" bezeichnet wurde, im Juni wurde in der "Jerusalem Post" publik, dass ein Busfahrer in Jerusalem einer dunkelhäutigen Passagierin den Zutritt verwehrte und ihr, als sie durch die Hintertür den Bus bestieg, entgegen rief: "Ich lasse keine schwarzen Äthiopier in meinen Bus. Wer hat dich ins Land gelassen?" Der Busfahrer musste 200.000 Schekel Strafe zahlen, umgerechnet rund 40.000 Euro.

Für viele afrikanische Immigranten kam nach ihrem "Aufstieg" die Ernüchterung. Die meisten Einwanderer kamen mit den Operationen "Moses" und "Salomon" 1984 und 1991 ins Land. Damals gab es heftige Debatten darüber, ob sie überhaupt Juden seien: Die "Beta Israel", wie sich die äthiopischen Juden selbst nennen, stammen gemäß einer Legende aus der biblischen Verbindung zwischen König Salomo und der Königin von Saba ab. Manche sehen in ihnen auch den verlorenen Stamm Dan, einen der zwölf Stämme Israels aus dem Alten Testament.

Die Frage ihres religiösen Status ist mittlerweile geklärt, doch an den Lebensbedingungen hat sich dadurch nichts verändert. Viele äthiopische Juden müssen am Rand der israelischen Gesellschaft leben - als demographischer Puffer an der Peripherie. Die Arbeitslosigkeit ist überdurchschnittlich hoch. Diejenigen, die einen Job haben, verdienen sich ihr Geld meist nur als Reinigungskräfte oder Sicherheitsleute. In Politik, Wirtschaft und Armee sind die "Beta Israel" wie kaum eine andere Einwanderergruppe unterrepräsentiert. Die Chance, durch Fleiß und Ehrgeiz in der Schule es später einmal zu schaffen und in der schillernden Mittelmeermetropole Tel Aviv oder andernorts einen gutbezahlten Job zu bekommen, ist gering.

Städtische Schulen weigern sich, äthiopische Kinder aufzunehmen

Wie die Tageszeitung "Haaretz" am vergangenen Montag berichtete, hatten sich ein Dutzend äthiopisch-stämmiger Juden bei der Stadtverwaltung von Petah Tikva ("Tor zur Hoffnung"), einer Stadt in der Nähe von Tel Aviv, dafür eingesetzt, dass ihre Kinder nicht nur eine, hauptsächlich von schwarzen Kindern besuchte, religiöse Schule besuchen dürften, sondern auch andere Einrichtungen in der Stadt.

Die örtlichen Behörden weigerten sich. Die meisten Anträge wurden, nach Angaben der "Haaretz" mit der Begründung abgelehnt, man könne andere Schulen nicht "zwingen" äthiopische Kinder aufzunehmen.

Gegen solche und ähnliche Entscheidungen demonstrieren die "Beta Israel" seit Jahren. Ohne großen Erfolg. Aber: sie können demonstrieren - im Gegensatz zu den Gastarbeitern, die sich illegal im Land aufhalten und deren Kinder zum Teil abgeschoben werden sollen. Für sie, so scheint es, bleibt das Tor zur Hoffnung verschlossen.

Niemand weiß, wie viele Kriegsflüchtlinge und Wirtschaftsimmigranten legal oder illegal in Israel leben, Schätzungen gehen von bis zu 300.000 aus. Sie kamen Mitte der Neunziger, als immer mehr Palästinenser wegen der Terroranschläge keine Papiere mehr bekamen, um auf dem Bau, den Märkten oder als Hilfskräfte in Sozialeinrichtungen zu arbeiten. Aber die Arbeitskräfte wurden weiterhin benötigt, und so kamen Philippiner, Thailänder und zuletzt auch Sudanesen nach Israel.

Sie leben in Tel Aviv, in dem heruntergekommenen Neve Scha'anan ("Friedenau") im Süden der Stadt, oder nahe Eilat, am Golf von Aqaba.

Ganz Israel hat in den vergangenen Wochen und Monaten in heftigen Debatten darüber diskutiert, ob Kinder von Gastarbeitern, die illegal im Land sind, dort aber aufgewachsen sind, bleiben dürfen. Bis Anfang August hieß es, rund 1200 Kinder stünden vor der Abschiebung durch das zuständige Innenministerium unter der Führung Eli Yishais von der religiösen Shas-Partei. Mittlerweile hat man sich zwar darauf geeinigt, dass 800 von ihnen in Israel bleiben dürfen - weil ihre Eltern einstmals legal ins Land eingereist waren und dann die Dauer ihrer Aufenthaltserlaubnis überschritten haben. Die anderen 400 Kinder jedoch sollen Israel verlassen.

Doch viele Israelis sind dagegen. Woche für Woche protestieren sie gegen die Abschiebung und haben prominente Unterstützer. Der Historiker Tom Segev sagte in der "New York Times": "Wir sind eine Nation von Flüchtlingen. Jetzt müssen wir uns für die 400 einsetzen." Auch der Friedensnobelpreisträger Eli Wiesel setzt sich für die Kinder ein, genau wie Aliza Olmert, die Frau des ehemaligen Ministerpräsidenten und Sara Netanjahu, die Frau des derzeitigen Regierungschefs.

Sie hatte jüngst einen Brief an den Innenminister geschrieben, indem sie ihn "aus ganzen Herzen" und "als Mutter von zwei kleinen Söhnen" darum bat, dass die Kinder bleiben dürfen. Doch Yishai bleibt stur. Bisher. Er sieht in den Kindern der einst legal eingewanderten und nun illegalen Gastarbeiter eine "existentielle Bedrohung für den jüdischen Staat."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 147 Beiträge
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Seite 1
fatherted98 08.09.2010
1. sehr interessant...
Zitat von sysopSarrazin ist überall: Auch Israel streitet heftig über Integrationspolitik. Legalen Einwanderern wie äthiopischen Juden schlägt blanker Rassismus entgegen, illegalen "Gastarbeitern" droht Abschiebung - mancher hält sie für eine "existenzielle Bedrohung des jüdischen Staats". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,715510,00.html
Hmm...ich dachte immer Rassismus sei ein rein Deutsches Problem. Wenn man die Foren zu diesem Thema hier durchliest ist es überall auf der Welt besser als in Deutschland....und jetzt so etwas auch noch über Israel zu hören...das erstaunt aber doch sehr!
durchblick 08.09.2010
2. gleich
Zitat von sysopSarrazin ist überall: Auch Israel streitet heftig über Integrationspolitik. Legalen Einwanderern wie äthiopischen Juden schlägt blanker Rassismus entgegen, illegalen "Gastarbeitern" droht Abschiebung - mancher hält sie für eine "existenzielle Bedrohung des jüdischen Staats". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,715510,00.html
Das "auserwaehlte Volk" scheint nicht besser oder schlechter zu sein als der Rest von uns - gut zu wissen!
nookiex6 08.09.2010
3. es gibt keine Integration
Es gibt keine Integration nur Assimilation. Es gibt eine sehr schoene grafik die klar zeigt wie juedische siedlungen expandieren und Palestinische staedte und doerfer abgeschnitten werden und langsam ersetzt werden. Es ist eine schande das unsere regierung und die welt zuschaut. Aber man kann das gleiche ueber die Arabische Union sagen, die sich nicht mal bei solch themen einig zeigen kann.
Schwarzwälder, 08.09.2010
4. Integration
Jede Integration braucht eine gemeinsame Basis und eine gemeinsame Perspektive für beide Seiten. Das ist in Israel genauso, wie in Deutschland. Letztlich ist nur die Frage, wo diese Basis ist ("nur" Anerkennung des Gesetzes oder gemeinsame Kultur oder anderes?) und ob die Immigranten bereit sind, diese auch anzuerkennen. Wenn ja, ist alles in Butter.
avollmer 08.09.2010
5. Xenophobie und Unbehagen gegenüber dem Fremden ...
Xenophobie und Unbehagen gegenüber dem Fremden gibt es in allen Gesellschaften. Das relativiert nicht, das rechtfertigt nicht, das erklärt nur die Mechanismen. Zu diesen Mechanismen gehören auch Medienberichte wie dieser. Was sagt er aus über die Rezeption des Sarrazinschen Buches? Was sagt er aus über die Wahrnehmung Israels durch Dominik Peters? Was sagt er über die Unterschiede zwischen xenophoben Deutschen und xenophoben Israelis? Was sagt er aus über die autochthone Bevökerung des israelischen Staatsgebiets, die größtenteils vertrieben wurde?
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