Integration in Schweden Warme Jacken am Flughafen

Lotsen für Neuankömmlinge, geringe Arbeitslosigkeit, guter Verdienst: In Schweden geht es Migranten gut, weil man Integration dort anders versteht als im Rest Europas. Nämlich nicht nur als Verpflichtung des Einwanderers, sondern auch als Bringschuld der Gesellschaft.

DPA

Von , Stockholm


Eine gute Autostunde südlich der schwedischen Hauptstadt Stockholm liegt Trosa - eine kleinstädtische Bilderbuchidylle, deren rote Holzhäuschen Jahr für Jahr auch dem "Inga Lindström"-Filmteam des ZDF als Kulissen dienen. Trosa gehört zur Provinz Södermanland, in der bereits Dutzende Filme des deutschen Traums vom bodenständigen Glück blonder Menschen gedreht worden sind. Doch natürlich ist das eine Illusion.

In Wirklichkeit verzeichnet Södermanland - im Verhältnis zur Einwohnerzahl - die größte Einwanderung des gesamten Königreiches. Und die Gemeinde Trosa landete unlängst in der Spitzengruppe eines landesweiten Integrationsrankings. Vor allem in einer Disziplin lag das pittoreske Örtchen ganz vorn: Hier haben die meisten Migranten nicht nur eine Arbeit - sie verdienen auch annähernd so viel wie ihre schwedischen Mitbürger. Das ist selbst im traditionell integrationsfreundlichen Schweden ungewöhnlich. Trosa ist ein Modell.

Morgens um sieben klingelt bei Amanual Harboy der Wecker. Zum Frühstück isst der Eritreer Joghurt und Fruchtmüsli. "Ein typisches Junggesellenessen", sagt er und lacht entschuldigend. Die Familie des 51-Jährigen wartet immer noch in Asmara auf die schwedische Einreiseerlaubnis. Harboy bewohnt eine kleine Wohnung im sogenannten Millionenprogramm von Arnö, südlich von Trosa. Millionenprogramme nennt man die grauen Betonsiedlungen, die in den siebziger Jahren überall in Schweden errichtet wurden - große in Stockholm, kleine in Södermanland. Wer hier wohnt, ist Ausländer oder arm. Meistens beides.

Amanual Harboy ist einer von drei Mentoren, die einen wichtigen Bestandteil des Modells von Södermanland ausmachen: Sie sollen dabei helfen, Einwanderer besser und zügiger in die schwedische Gesellschaft zu lotsen. Dazu halten sie Kurse in ihrer Muttersprache ab. 60 Unterrichtsstunden. Außer Tigrinya, eine der beiden Mehrheitssprachen Eritreas, sprechen die Mentoren auch Somali und Arabisch - damit erreichen sie fast sämtliche Flüchtlinge, die nach Södermanland kommen.

Harboy findet die Schweden aufgeschlossen - wenn man sie denn versteht

"Schweden verstehen", beschreibt Harboy seinen Auftrag, "das ist gar nicht so leicht! Wir müssen natürlich das politische System erklären, Demokratie und so", sagt er beflissen. "Aber die alltäglichen Spielregeln hier sind wichtiger." Er macht eine Pause. Dann: "Du glaubst mir das vielleicht nicht", sagt er, "aber viele von uns glauben, dass die Schweden spinnen."

Neulich war Harboy mit einer 15-köpfigen Männergruppe aus Eritrea in der kleinen Poliklinik. Die Männer sollten eine Hebamme treffen, die einen Vortrag über das schwedische Beschneidungsverbot vorbereitet hatte. "Wir also rein in den Raum, eine ältere Dame im weißen Kittel begrüßt uns, dann geht auch schon das Licht aus." Laut lachend erzählt Harboy, was passierte, als die Hebamme das erste Dia zeigte: "Es war das Nacktfoto einer Frau! Es war mucksmäuschenstill. Einige waren schockiert. Die Jüngeren hielten sich die Hände vor den Mund, weil sie das Bild für Porno hielten. Die alte Hebamme verstand überhaupt nicht, was los war, und ich musste das aufklären."

Harboy kann sich beim Erzählen kaum halten. Es ist sein zweites Leben hier. Von 1980 bis 1996 war er schon einmal in Stockholm. Bis 2008 war er ins gerade unabhängig gewordene Eritrea zurückgekehrt. Jetzt ist er in Södermanland.

Er findet die Schweden aufgeschlossen - wenn man sie denn versteht.

Im Reichstag herrscht Political Correctness

Schweden ist das einzige skandinavische Land, in dem bislang keine rechte Protestpartei im Parlament sitzt, während zuletzt jeder sechste Däne und jeder dritte Norweger sein Kreuzchen bei den Ausländerhetzern und Islamophoben machte. Einzig die Schwesterpartei der deutschen Liberalen, die "Folkpartiet" und ihr Parteivorsitzender Jan Björklund, versuchen, mit dem Wunsch nach Sprachtests und der Forderung, "Forderungen an Einwanderer zu stellen", Kapital aus der auch im Land der Elche latenten Xenophobie zu schlagen. Ansonsten herrscht wie in Berlin Political Correctness.

Jeder siebte Schwede ist eingewandert. Seit der ersten großen Migrationswelle in den sechziger Jahren hat sich das Land mehr und mehr zum Ziel für Auswanderer in aller Welt entwickelt. Heute kommen prozentual sogar doppelt so viele Menschen hierher wie in die USA. Die meisten von ihnen sind Flüchtlinge und deren Angehörige. Vor 40 Jahren war das anders.

"Bei uns lief's prima", sagt Mustafa Can über seine Integration in Schweden. "Aber man nannte das nicht so." Der heute 40-jährige Kurde kam zu Beginn der siebziger Jahre als kleiner Junge mit seinen Eltern aus der Türkei nach Schweden und wuchs im westschwedischen Industriestädtchen Skövde auf. "In meiner Generation Einwanderer gibt es Piloten und Medizinprofessoren", sagt er. "So gesehen sind wir mehr als integriert."

insgesamt 261 Beiträge
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PHPeter, 19.09.2010
1. Und weil das so toll klappt in Schweden
steht Malmö am Rande eines Bürgerkrieges, weil die Moslems die Stadt mit beispiellosem Terror überziehen und z.B. Rettungswagen nicht mehr ohne Polizeischutz ausrücken können. Auch die Vergewaltigungsrate hat sich dank moslemischer Täter in den letzten Jahren versechsfacht. Willkommen in der Hölle. Wenn das erfolgreiche Integration ist, wie sieht dann gescheiterte aus ???
Breen 19.09.2010
2.
Wie sehr das alles den autochtonen Schweden gefällt, wird die heutige Wahl zeigen. Die Massenmedien ächten natürlich politisch korrekt die bösen "Sverigedemokraterna", aber die dortigen Kommentarbereiche lassen den Schluß zu, das unsere nordischen Leidensgenossen den Schuß nun mittlerweile auch gehört haben.
carioca, 19.09.2010
3. Soviel Unterstützung für Einwanderer gab's in D noch nie!
Die schlechte Integration in D kann wohl kaum an mangelnder Unterstützung von Seiten der Deutschen liegen. Soviel Hilfsangebote, iNtegrationskurse usw. gab es noch nie. Integration ist eben eine Einbahnstraße und nur wenn das die Einwanderer kapieren, kommen auch nur die, die wirklich Deutschland schätzen, und nicht die die Hartz4 abstauben wollen. Es ist die natürlihe menschliche Psyche: Wenn ich einem Kind alles hinterhertrage, wird es nicht lernen, sich anzustrengen. Ich habe lange im Ausland gelebt, u.A. in Brasilien. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass ich dort am Flughafen in Empfang genommen werde, in einen Portugiesischkurs, der obendrein umsonst ist, gesteckt werde, und so weiter. Es ist meine verdammte Pflicht, mich zu integrieren, und zu sehen wie ich zurecht komme. Ich hätte ja auch in D bleiben können. Nur so klappt es. Und wenn das nicht bald die Deutschen kapieren, wird sich das Problem immer weiter verschärfen!
NormanR, 19.09.2010
4. Nachtigall ick hör dir trapsen ....
der Artikel geht in die gleiche Richtung wie letzte Woche: das Wunder von Kreuzberg. nach dem Motto: Integration ist möglich. Klar, stimmt. Es muss halt einen Plan geben und den hatten unsere verschiedenen Regierungen nie. Auch in Dänemark werden die Menschen besser integriert von Anfang an müssen sie in Sprach und Landeskunde-Schulen gehen und ich glaube kaum, daß man sie davonkommen lässt, wenn sie abbrechen oder schwänzen!
kurtwied, 19.09.2010
5. Für alle ...
... die sich nicht weiter Märchen erzählen lassen wollen ... Rinkeby ist das Synonym für eine Gegenwelt in Skandinavien: Lange Zeit war der Vorort von Stockholm ein Sprungbrett in die schwedische Gesellschaft. Heute steht er auch für Perspektivlosigkeit und die Probleme des Multikulti. http://www.faz.net/s/RubFC06D389EE76479E9E76425072B196C3/Doc~EE827354F36514948BC5ADA664619C012~ATpl~Ecommon~Scontent.html Zustände in Schweden in einer schwedischen Doku mit deutschem Untertitel. http://www.youtube.com/watch?v=D8evdlTDz4M&feature=player_embedded
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