Integration Wenn der Imam zweimal klingelt

Jedes Jahr kommen muslimische Prediger für vier Jahre aus der Türkei nach Deutschland. Neuerdings werden die Imame in der Türkei in Vorbereitungskursen gebrieft - sie sollen ihren Landsleuten bei der Integration in Deutschland helfen.

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Ankara – Zwei Deutsche, Günter Neuhaus und Pater Dr. Felix Körner, sitzen in einem Restaurant über den Dächern Ankaras und diskutieren über das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen. Neuhaus und Körner kennen sich von den Vorbereitungskursen für islamische Prediger, die vom türkischen Amt für Religiöse Angelegenheiten und von der Deutschen Botschaft angeboten werden. Neuhaus ist im Goethe Institut in Ankara verantwortlich für die Durchführung der Deutschkurse, der Jesuiten-Pater gehört zum Programm im Landeskundeunterricht.

Teilnehmer des letzten Imamkurses in Ankara: "Sehr zurückhaltende, feine Menschen"
Ferda Ataman

Teilnehmer des letzten Imamkurses in Ankara: "Sehr zurückhaltende, feine Menschen"

Seit 2002 gibt es eine intensive Vorbereitung für die Beamten, die im Auftrag des türkischen Staates in Deutschland eingesetzt werden. Da knapp drei Millionen Türken im Ausland leben, rief das Amt für Religionsangelegenheiten 1985 die "Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion" (DITIB) ins Leben. Man wollte verhindern, dass die im Ausland lebenden Türken ihre Seelsorge bei islamistischen Organisationen finden. DITIB ist der größte muslimische Dachverband in Deutschland. Jedes Jahr entsendet der türkische Staat Imame nach Deutschland in DITIB-Moscheen.

Die Mitglieder der türkischen Moscheevereine im Ausland stammen meist aus einfachen Familien und suchen Hilfe bei ihren Predigern. Doch die oftmals aus anatolischen Provinzen rekrutierten Prediger konnten bis vor kurzem kaum Deutsch und waren mit dem Alltag in Deutschland selbst überfordert. Um das zu ändern, werden die Imame jetzt besser vorbereitet und bekommen Integrationsbotschaften mit auf den Weg.

Vor wenigen Monaten ist der sechste Vorbereitungskurs für fünfzig Imame, die über Deutschland verteilt werden, zu Ende gegangen. Es seien "sehr zurückhaltende, feine Menschen" gewesen, berichtet Günter Neuhaus, der Leiter der Sprachkurse im Goethe Institut. Jeder Imam erhalte hier 380 Stunden Deutsch - sowie zwanzig Stunden Landeskundeunterricht.

In den Landeskundestunden lernen die Imame etwas über deutsche Traditionen und Bräuche, aber auch welche Diskussionen sie in Deutschland erwarten: Ehrenmorde, Zwangsehen, Gewalt in der Ehe. Und der Jesuiten-Pater Körner lädt die Imame jedes Mal in seine Kirche in Anakara ein. Die Imame fänden es "hochspannend, einen Kollegen von der anderen Seite" kennenzulernen, so Körner.

Integration wird Thema in der Türkei

"Das Thema Integration ist in der Türkei angekommen", sagt Neuhaus. Der türkische Ministerpräsident äußerte mehrfach, dass die Integration der Türken in Deutschland auch ein Anliegen der Türkei sei. Und Neuhaus berichtet, dass sich das Bildungsniveau der Imame in den Kursen in den letzten Jahren gesteigert habe. Am Anfang seien die Kursteilnehmer auffällig "lernungewohnt" gewesen. Neuerdings setzt das Amt für Religiöse Angelegenheiten ein Grundstudium der Theologie voraus. Das mache sich bemerkbar.

Dr. Ali Dere ist Leiter der Abteilung für Auslandsbeziehungen im Amt für Religiöse Anlegenheiten. Er spricht Deutsch und kennt sich aus in dem Land, für das er muslimische Prediger aussucht. In einem dreistufigen Verfahren werden die Imame für die einzelnen Bereiche sorgfältig ausgewählt. Schließlich haben Imame in Deutschland "einen völlig anderen Job als in der Türkei", sagt er.

Um die Imame an die einzelnen Moscheegemeinden weiterzuleiten, führe das Amt eine Karteikarte über jede Moschee in Deutschland mit ihren Eigenschaften, so Dere. Mit "jede Moschee" meinte der gelehrte Theologe die 870 von 2500 Moscheegemeinden, die DITIB angehören.

Erstmals werden Frauen nach Deutschland entsandt

"Die beiden weiblichen Imame im Deutschkurs schnitten viel besser ab, als die Männer", resümiert Neuhaus den letzten Jahrgang und lächelt. Tatsächlich ist es das erste Mal, dass zwei Frauen vom Amt für Religiöse Angelegenheiten nach Deutschland geschickt werden. "Es sollen in Zukunft mehr werden", erklärt Ali Dere. Geplant sei mindestens ein weiblicher Imam in jedem deutschen Bundesland. "Frauen können in die Familien hineingehen und sich ganz gezielt um die Belange von Frauen kümmern", so Dere.

Das Amt für Religiöse Angelegenheiten versteht sich selbst als Aufklärungsinstrument für die Gleichstellung von Mann und Frau. Allein in den letzten zehn Jahren habe man in der Türkei die Zahl der weiblichen Imame von 30 auf 250 erhöht. Man sei aufgeschlossen für Neues.

Die Vorbereitungskurse für Imame stehen tatsächlich in vieler Hinsicht für eine Wende. Die Kurse, die die Imame zu Integrations-Katalysatoren umfunktionieren sollen, finden viel Zuspruch. Auch die Französische Botschaft habe sich im Amt für Religiöse Angelegenheiten gemeldet und wolle das deutsche Imam-Vorbereitungsmodell adaptieren. Pater Körner ist überzeugt, "die Imam-Kurse sind Teil eines neuen Konzepts".

Keine Ausbildungsmöglichkeiten in Deutschland

Dennoch gibt es auch Probleme: Die Imame kommen im Rotationsprinzip für vier Jahre nach Deutschland. Dann, wenn sie sich eingelebt haben, müssen sie zurück. Die Gründe dafür liegen im türkischen Beamtenwesen und im deutschen Aufenthaltsrecht für Ausländer.

Und bislang gibt es keine Lehrstühle für islamische Theologie an deutschen Hochschulen. Möchte man aber den Hinterhofislam ausmerzen, kann die Ausbildung von Imamen im Ausland nur eine mittelfristige Lösung sein.

Die Schwierigkeit, Imame in Deutschland auszubilden, liegt zum Teil im deutschen Bildungswesen: Die theologischen Fakultäten müssten in jedem Bundesland einzeln geschaffen werden. Dabei stellt sich – ähnlich wie beim islamischen Religionsunterricht für Schulen - die Frage, wer die Lehrpläne mit welchen Inhalten entwirft.

Auch Pater Körner im Restaurant in Ankara ist davon überzeugt, dass Deutschland eine theologische Ausbildung für Imame in Deutschland ermöglichen muss. Das Zusammenleben in Deutschland biete spannende Möglichkeiten für das tiefere Verständnis zwischen Christen und Muslimen. Er spricht sogar von einer "weltbedeutenden Chance", wenn es in Deutschland gelingt, Islamisch-Theologische Fakultäten zu errichten. Günter Neuhaus nickt, auch, wenn sein Arbeitgeber, das Goethe Institut von den Kursen in Ankara profitiert.



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