Internationale Presse "Hinrichtung einer Marionette"

In der internationalen Presse wurde die Hinrichtung Saddams vielfach kritisiert. Auszüge aus den Kommentaren.


"Corriere della Sera" (Italien): "Das Erhängen Saddam Husseins schließt auf furchtbare Weise eine Geschichte, von der wir gehofft hatten, sie könnte ein anderes Ende haben. Furchtbar wie (...) jedes Todesurteil, aber auch, weil dies das tragische Abenteuer der Irak-Krieges mit diesem düsteren Vorfall verknüpft, der auf dem Gewissen aller lasten wird. (...) Der Tod Saddam Husseins kann nur auf eine Weise nützlich sein: Wenn er vor allem im Westen zu einer solchen Missbilligung führt, dass damit die Internationale Gemeinschaft davon überzeugt wird, dass ein solcher Vorfall nicht wiederholt werden kann. Nie wieder. Unter keinen Umständen. Um nichts auf der Welt."

"La Repubblica" (Italien): "Er wurde als Marionette geboren, die von Washington gebaut und bewegt wurde, um im Kalten Krieg gegen die (...) iranischen Ayatollahs benutzt zu werden. Und Saddam Hussein ist auch als Marionette gestorben, an derselben amerikanischen Kordel hängend, die ihn zuvor auf den Füßen hielt und ihm letztlich das Genick gebrochen hat. Die Geschichte Saddam Husseins reicht von geheimen Finanzierungen über den freundlichen Händedruck Donald Rumsfelds in Bagdad bis hin zu seiner in Auftrag gegebenen Erhängung. (...) Eine kriminelle Marionette ist gestorben, die zerbrochen und weggeworfen wurde ... Aber auch wenn Saddam tot ist: Der "Vietnak", wie der Konflikt mittlerweile mit einem bitteren Wortspiel genannt wird, bleibt."

"NZZ am Sonntag" (Schweiz): "Saddams Tod nach Abschluss erst eines einzigen von mindestens einem Dutzend Verfahren wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit droht die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit abrupt zu beenden. An einer ordentlichen Aufarbeitung der düsteren Geschichte haben weder die Vereinigten Staaten noch die in der irakischen Politik heute dominierenden Schiiten ein Interesse gezeigt. (...) Dass durch den Tod des Despoten vorbereitete Verfahren gegen Saddam überflüssig werden, mögen viele Opfer wie eine zweite Bestrafung empfinden. Wenn der irakische Staat seine Bürger nicht in die Lage versetzt, ihre Leiden zu Protokoll zu geben, und wenn der Staat die Schuldigen nicht ordentlich zur Verantwortung zieht, dann hat dieser Staat verloren. Die Bilder von blutigen Anschlägen verdrängen heute schon die Erinnerung an die Unerbittlichkeit und die Grausamkeit der Saddam-Herrschaft. Jetzt ist Saddam Hussein Geschichte. Sein zerstörerisches Erbe ist es noch lange nicht."

"Sunday Telegraph" (Großbritannien): "Nur die naivsten Beobachter können denken, dass die Hinrichtung Saddams an sich dem Irak Frieden bringt. Allein schon die riesige Autobombe, die am selben Tag in der Schiiten-Stadt Kufa explodierte, hat solche Hoffnungen zerstört. Die konfessionsgebundene Gewalt im Irak ist weder durch die Regierung, noch durch die Koalitionstruppen eindämmbar. Was der Untergang Saddams allerdings langfristig bewirken könnte, das ist die Spaltung zwischen jenen Sunniten, die loyal zu Saddams Baath-Regime blieben und jenen Extremisten, die ein islamisches Kalifat errichten wollen."

"The Observer" (Großbritannien): "Saddams Tod wird kaum irgendwelche Auswirkungen auf die verschiedenen Aufstände haben, die das Land aufreiben. Die daran Beteiligten kämpfen nicht für die Erinnerung an einen gestürzten Diktator, sondern für ihre Zukunft. Präsident Bush nannte die Hinrichtung "einen Meilenstein auf dem Weg zur Demokratie", aber es ist schwer zu erkennen, wie dies möglich sein soll, ohne dass das Weiße Haus seine Strategie im Irak radikal ändert. Es wird immer klarer, dass Bush und seine engsten Berater die Empfehlungen der Irak-Studiengruppe unter dem früheren Außenminister James Baker rundheraus ablehnen. Das ist bedauerlich."

"Le Monde" (Frankreich): "Wenn man zu dem Grundsatz steht, die Todesstrafe abzulehnen, wie es in der gesamten Europäischen Union der Fall ist, dann kann es dabei keine Ausnahmen geben. Außergewöhnliche Umstände mit zu berücksichtigen, hieße den Grundsatz selbst zu unterhöhlen. (Der französische Präsident) Jacques Chirac hat das wohl verstanden und will angesichts einer Öffentlichkeit, die immer noch von dem Gesetz der Vergeltung angezogen wird, die Abschaffung der Todesstrafe in der Verfassung Frankreichs verankern. US-Präsident George W. Bush weiß weder, warum er seine 140.000 Soldaten im Irak lassen soll, noch, wie er sie dort herausholen kann. Er hat die Hinrichtung des Saddam Hussein als eine "wichtige Etappe auf dem Weg zur Demokratie" begrüßt. Das ist eine Auffassung von Demokratie. Unsere ist es nicht."

als/dpa

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