Internationale Presse zur Sexismusdebatte: Der Dirndl-Aufschrei

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Gerät auch im Ausland in die Kritik: FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle

Rainer Brüderle und seine Anzüglichkeiten gegenüber einer "Stern"-Reporterin sind auch im Ausland angekommen. Ein paar Kommentatoren wundern sich über den deutschen Sexismus-Aufschrei, in Schutz nimmt den FDP-Mann aber niemand. Österreich streitet derweil über ein handfesteres Problem: Po-Grabscher.

Wer die internationale Presse in diesen Tagen nach Berichten über Rainer Brüderle durchkämmt, dem fallen zwei Dinge auf: Erstens, der Sexismus-Fauxpas des FDP-Spitzenpolitikers ist auch im Ausland angekommen. Und zweitens, die Diskussion wird häufig breiter abgebildet als über die bloßen Anzüglichkeiten Brüderles.

In Österreich widmet sich die TV-Nachrichtensendung ZIB 24 gleich zweimal der Causa Brüderle. Einmal wird der FDP-Mann mit den Worten angetextet: "Ein Mann, der gerne lacht, gerne Wein trinkt und gerne Komplimente verteilt." Wenige Tage später schwappt die Debatte in die österreichische Politik: Die Traditionsparteien SPÖ und ÖVP diskutieren anlässlich des Brüderle-Vorfalls über Po-Grabschen und ob der Griff zum Hinterteil künftig als Delikt ins Strafrecht aufgenommen werden soll. So wünscht es sich zumindest die sozialdemokratische Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Graz hingegen argumentiert: "Das Gesäß ist per Definition kein Geschlechtsorgan."

New York Times: "Outcry" über Dirndl-Spruch

Normalerweise gehen auch die Nachbarn aus den Niederlanden gerne auf deutsche Debatten ein - entweder um sich amüsiert zu wundern oder um eine eigene nationale Diskussion zu beginnen. Im Fall von Brüderle gibt es nur spärliche Reaktionen. Die liberale Tageszeitung "De Volkskrant" veröffentlichte eine Reportage vom Neujahrsempfang der FDP mit dem Titel "Deutsche Liberale stehen hinter 'Sexist'". Auch hier bleibt es nicht bei dem Einzelfall Brüderle: "In dem Land, in dem eine Frau die größte politische Macht hat (Bundeskanzlerin Angela Merkel), gibt es immer noch eine ungleiche Behandlung zwischen Männern und Frauen. Im gleichen Job, zeigten Untersuchungen, bekommen Frauen bis zu 20 Prozent weniger Lohn."

Auch die "New York Times" greift die ungleichen Löhne in Deutschland auf, konzentriert sich aber in einem Report auf die Aufschrei-Proteste, die sich über den Kurznachrichtendienst Twitter entwickelten. Die Berlin-Korrespondenten der Zeitung schreiben, "Mr. Brüderle" hätte mit seinem Dirndl-Spruch den "Groll der Frauen hierzulande" auf sich gezogen. Tausende Frauen hätten persönliche Erniedrigungen und Belästigungen auf Twitter geteilt - unter dem Hashtag "aufschrei" - "German for 'outcry'".

"Lustgreis" Brüderle - eine neue Belastung für die FDP

Die Berlin-Korrespondentin der spanischen Zeitung "La Voz de Galicia" meint: "Die liberale Welt schien endlich wieder in Ordnung zu sein, bis eine Journalistin den politischen Veteranen als 'Lustgreis' brandmarkte. Ein Sex-Skandal? Nicht wirklich, aber die Anschuldigungen haben in jedem Fall eine Debatte ausgelöst, die den Wahlkampf 'belebt'." Die Korrespondentin prognostiziert, dass Brüderle eine neue Belastung für die ohnehin angeschlagene FDP werden könnte.

Das glaubt auch der paneuropäische Nachrichtensender Euronews mit Sitz in Lyon. Er fragt auf seiner deutschsprachigen Seite gar: "Brüderle - ein deutscher Strauss-Kahn?" Im Text heißt es, dass der FDP-Politiker und der ehemalige Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) zwar wenig, aber doch zumindest eines gemeinsam hätten: "Wie schon bei Strauss-Kahn vermuten einige auch hinter den Anschuldigungen gegen den gerade gekürten FDP-Spitzenkandidaten Brüderle nun politisches Kalkül." Außer von ein paar Parteikollegen würde Brüderle in Deutschland jedoch von kaum jemandem verteidigt. Als Beispiel dafür gelte auch der Kommentar von Patricia Dreyer, Chefin vom Dienst bei SPIEGEL ONLINE.

Kaum jemand verteidigt Brüderle ernsthaft

Die französische Internetzeitung Rue 89 erinnert die Brüderle-Debatte aus einem anderen Grund an die Affäre Dominique Strauss-Kahns. Auch damals hätten plumpe sexistische Bemerkungen wie "troussage de domestique" (etwa: "Bespringung eines Dienstmädchens") eine Diskussion über Sexismus entfacht. In Frankreich kamen die Worte allerdings zuerst von Journalisten. So hatte der Gründer der Zeitschrift "Marianne", Jean-François Kahn, versucht, den Ex-IWF-Chef nach seiner Verhaftung zu verteidigen. Strauss-Kahn sei doch "nur" eine "Unbedachtheit" unterlaufen: "das Rock-Hochziehen bei einer Bediensteten". Der Kommentar führte zu einer Anti-Sexismus-Petition in der Zeitung "Le Monde".

Die Tageszeitung "Le Figaro" sagte über Brüderle in einem sonst weitgehend nüchternen Artikel, die FDP habe einen Fraktionschef, der "zu sehr Charmeur" sei.

Selbst auf der Seite des libanesischen "Daily Star" findet man die Nachricht von einer "Dirndl-Witzelei" eines "deutschen Parlamentsabgeordneten", die zu einer Debatte über Sexismus geführt hätte. Die Diskussion entfache "in einem Land, dessen mächtigste politische Figur eine Frau ist" und in dem beide Geschlechter normalerweise fair miteinander umgingen - viel fairer als in Italien oder Frankreich. Der Text stammt von der französischen Nachrichtenagentur AFP. Der "Daily Star" entschied sich jedoch dafür, die Meldung zu bringen. Im Libanon werden Frauen vor dem Gesetz und im täglichen Leben gegenüber Männern stark diskriminiert.

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1. Österreichs Probleme
K_K_W 30.01.2013
Zitat von sysopDPARainer Brüderle und seine Anzüglichkeiten gegenüber einer "Stern"-Reporterin sind auch im Ausland angekommen. Ein paar Kommentatoren wundern sich über den deutschen Sexismus-Aufschrei, in Schutz nimmt den FDP-Mann aber niemand. Österreich streiten derweil über ein handfesteres Problem: Po-Grabscher. http://www.spiegel.de/politik/ausland/internationale-presse-ueber-sexismus-debatte-um-rainer-bruederle-a-880465.html
Ich verstehe die österreichische Ministerin nicht: Kein vernünftiger Mann käme auf den Gedanken, Frau Gabriele Heinisch-Hosek am "hintern Theil" (Goethe) anzufassen.
2. "Kaum jemand verteidigt Brüderle ernsthaft"
sappelkopp 30.01.2013
Zitat von sysopDPARainer Brüderle und seine Anzüglichkeiten gegenüber einer "Stern"-Reporterin sind auch im Ausland angekommen. Ein paar Kommentatoren wundern sich über den deutschen Sexismus-Aufschrei, in Schutz nimmt den FDP-Mann aber niemand. Österreich streiten derweil über ein handfesteres Problem: Po-Grabscher. http://www.spiegel.de/politik/ausland/internationale-presse-ueber-sexismus-debatte-um-rainer-bruederle-a-880465.html
Das mag ja bei der internationalen Presse so sein. Hier im SPON-Forum wird Brüderle ja mittlerweile zum Opfer stilisiert. Das ist geradezu lächerlich! Und es zeigt, wie wichtig die Debatte ist. Gerade auch weil einige Leute meinen "empfehlen" zu müssen, jetzt mit der Debatte aufzuhören, wir hätten wichtigere Probleme. Diese Aufforderung ist nichts anderes als eine Verharmlosung und kommt meist von anderen "Brüderles" von denen es viele Tausende in Deutschland gibt.
3.
_LiLo_ 30.01.2013
Natürlich sollte diese Debatte weitergeführt werden, immerhin ist die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen offensichtlich und ein ernst zu nehmendes Thema. Dennoch kann man nicht nur Brüderle attackieren, es geht hier um ein nationales Problem, das sich nicht nur auf einen Sündenbock reduzieren lässt. Sexismus ist ein universelles Problem, sicher nicht nur in Deutschland, und existiert in allen Berifsgruppen. Also lasst uns das Problem gemeinsam angehen und nicht nur Brüderle verurteilen.
4. Es lebe der Unterschied
katzenheld1 30.01.2013
Zitat von sappelkoppDas mag ja bei der internationalen Presse so sein. Hier im SPON-Forum wird Brüderle ja mittlerweile zum Opfer stilisiert. Das ist geradezu lächerlich! Und es zeigt, wie wichtig die Debatte ist. Gerade auch weil einige Leute meinen "empfehlen" zu müssen, jetzt mit der Debatte aufzuhören, wir hätten wichtigere Probleme. Diese Aufforderung ist nichts anderes als eine Verharmlosung und kommt meist von anderen "Brüderles" von denen es viele Tausende in Deutschland gibt.
In den verschiedenen SPON-Foren wird Herr Brüderle durchaus nicht zum Opfer stilisiert. Es wird nur – zum Glück – darauf hingewiesen, dass das mitternächtliche Geplänkel an der Bar – so wie es im Artikel beschrieben wird - ihn nicht als hemmungslosen Sexisten ausweist. Wenn eine junge, taffe Journalistin die Frage stellt, wie sich Herr B. in seinem fortgeschrittenen Alter denn so als Hoffnungsträger seiner Partei fühle, ist das durchaus unangemessen. Und zwar genau so unangemessen wie der Hinweis des alten gestandenen Politikers auf Dirndl-Tauglichkeit und das seltsame, recht prüde wirkende Angebot seiner Tanzkarte. Halten Sie das tatsächlich für eine geschlechtsbezogene entwürdigende bzw. beschämende Bemerkung? Der Furor teutonicus, den insbesondere viele Männer hier an den Tag legen, hat etwas pharisäerhaftes. Ich bin übrigens eine Frau - und nicht einer der von Ihnen verächtlich gemachten „Brüderles“.
5. Sie
burghard42 30.01.2013
Zitat von sappelkoppDas mag ja bei der internationalen Presse so sein. Hier im SPON-Forum wird Brüderle ja mittlerweile zum Opfer stilisiert. Das ist geradezu lächerlich! Und es zeigt, wie wichtig die Debatte ist. Gerade auch weil einige Leute meinen "empfehlen" zu müssen, jetzt mit der Debatte aufzuhören, wir hätten wichtigere Probleme. Diese Aufforderung ist nichts anderes als eine Verharmlosung und kommt meist von anderen "Brüderles" von denen es viele Tausende in Deutschland gibt.
machen Ihren Nicknamen alle Ehre. Natürlich ist Brüderle das Opfer,allerdings "dumm gelaufen",richtig. Was muß die (mit ihrem Leben unzufriedene) Journalistin nachts um 24 Uhr einen, seine Freizeit genießenden, Menschen (hier Brüderle) anquatschen ? Und die Dirndle Bemerkung,oder der Blick auf..... ist ja wohl eher kein Grund für einen Aufreger nach einem Jahr und zwischenzeitlichen Treffen der beiden Akteure bei div. Veranstaltungen. Da ist nichts zu verharnlosen,die Dame hätte das längst klären können ohne so einen bescheuerten Beitrag im Stern nach 12 Monaten einzustellen. Wer sitzt nun am längeren Hebel und ist glaubwürdig ? Sieht man ja an Ihnen,Sie verurteilen Brüderle,warum auch immer... Richtig: Brüderle sollte jungen Leuten in der Partei Platz machen,
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