Internationale Pressestimmen "In mehreren Dimensionen falsch gedacht"

Die Kommentare in den internationalen Zeitungen zum deutschen Atomausstieg könnten kaum unterschiedlicher ausfallen. Von Pionierrolle und Vorbild ist die Rede, aber auch von taktischem Kalkül und Wählerfang. Vor allem konservative Blätter warnen nun vor Umweltzerstörung. Lesen Sie eine Auswahl:

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"Neue Zürcher Zeitung", Schweiz: "Deutschland bekommt den grundlegenden und etwas beschleunigten Umbau der Energieversorgung, den Kanzlerin Merkel seit der Reaktorkatastrophe von Fukushima anstrebt. Von einer fundamentalen Wende in der Energiepolitik kann allerdings keine Rede sein. Auch die christlich-liberale Regierung hat den unter Gerhard Schröder beschlossenen Atomausstieg nie grundsätzlich in Frage gestellt. Gefordert - und im letzten Herbst nach erbitterten Debatten beschlossen - wurde lediglich eine Verlängerung der Laufzeiten. International gesehen spielt Deutschland nun allerdings eine Pionierrolle. Als erste und bisher einzige wichtige Industrienation setzt das Land in so kurzer Zeit auf eine nuklearfreie Energieversorgung und unternimmt dazu einen Effort nationalen Zuschnitts, der viel kosten wird."

"La Stampa", Italien: "Déjà vu in Berlin. Zum zweiten Mal in elf Jahren hat Deutschland am Montag beschlossen, bis zum Jahr 2022 alle seine Kernkraftwerke abzustellen. Die von Angela Merkel angekündigte "Wende" kopiert dabei nahezu wortwörtlich das von ihrem Vorgänger Gerhard Schröder im Jahr 2000 fixierte Ziel. Dieses Ziel hatte die Kanzlerin doch erst vor sieben Monaten annulliert, als ihre Regierung die Laufzeit der Meiler bis 2036 verlängerte. Nun kehrt die Bundesrepublik also dahin zurück, die erste große Industrienation zu sein, die sich auf den Weg macht in eine Zukunft ohne Kernkraft. Und empfiehlt sich als Modell für andere Länder."

"Independent", Großbritannien: "Die Regierung Merkel hat ein Problem gelöst, da die Kernkraft in weiten Kreisen unbeliebt ist, und hat gleichzeitig ein neues Problem geschaffen. Wie soll die Energie ersetzt werden? Deutschland hat schon zahlreiche alternative Energiequellen entwickelt, dennoch müsste man wohl die Kohle entwickeln, auch wenn in teure "saubere" Kohlekraftwerke investiert wird. Die (britische) Koalitionsregierung fördert zurzeit die Entwicklung einer neuen Generation von Atomkraftwerken. Viele Liberaldemokraten bleiben jedoch skeptisch und könnten die Entscheidung Deutschlands zum Anlass nehmen, neue Überlegungen einzufordern. Dafür könnte es in der Tat gute politische und wirtschaftliche Gründe geben. Doch Entscheidungen über die britische Energieversorgung sind zu wichtig, um auf die Schnelle getroffen zu werden."

"Le Figaro", Frankreich: "Die Kehrtwende Angela Merkels bei der zivilen Nutzung der Atomenergie ist spektakulär. Der Grund dafür ist der Durchbruch der Grünen im Land. Es ist ein taktisches Kalkül mit Blick auf die Bundestagswahl 2013. Angesichts des Einbruchs ihres liberalen Koalitionspartners FDP setzt Merkel auf ein Bündnis mit den Grünen. Diese politische Weichenstellung wirkt sich auf ganz Europa aus. Unser Kontinent verzichtet für viele Jahre auf jede Unabhängigkeit der Energieversorgung. Es heißt, nun würden zwangsläufig erneuerbare Energien gefördert und es werde überall nach Möglichkeiten gesucht, Energie zu sparen. Großartig! Natürlich soll man auf neue Technologien setzen - aber aus gutem Grund und ohne die Kosten eines überstürzten Ausstiegs aus einem so schwergewichtigen Industriezweig zu vergessen."

"Der Standard", Österreich: "Natürlich war Fukushima nicht wirklich der Grund für Merkels Kehrtwende. Die Kanzlerin ist bekanntlich Physikerin. Sie wusste genau, dass die deutschen AKWs nach Fukushima nicht unsicherer waren als zuvor. Die Katastrophe in Japan war nur der Anlass für ihre 180-Grad-Wende. Denn Merkel hatte ihr Volk zunächst schlicht unterschätzt. Dieses wollte keine Verlängerung der Atomlaufzeiten. Es bescherte den Grünen bei einer Reihe von Landtagswahlen Traumgewinne. (...) Merkel hatte weniger Angst um die deutschen Kernkraftwerke als vielmehr um ihre eigene Restlaufzeit. Sie wollte den Grünen den Wind aus den aufgeblähten Segeln nehmen."

"Svenska Dagbladet", Schweden: "Deutschland hat den Weg gewählt. Weg mit der Atomkraft. (...) Das ist in mehreren Dimensionen falsch gedacht. Der Strom wird teurer, Arbeitsplätze werden verschwinden, und die Wirtschaft wird geschwächt. Ohne dass das einen Gewinn für die Umwelt bringt. Und Deutschlands Entscheidung berührt nicht nur die Deutschen. Ganz Europa bekommt die Auswirkungen zu spüren. (...) Alle Hoffnungen knüpfen sich nun an eine noch nicht erfundene Technologie. (...) Mit dem deutschen Ausstieg aus der Atomkraft drohen Umweltzerstörung und Unsicherheit."

"La Repubblica", Italien: "Es ist vollbracht. Erstmals beschließt eine große Industrienation - Deutschland ist die Nummer eins in Europa und die Nummer vier in der Welt - den Ausstieg aus der Atomenergie. (...). Die Aussichten auf ein Gelingen dieses Schrittes sind gut - die Mehrheit der Bürger steht dahinter. Und seit im Jahr 1998 der lange Abschied von der Atomkraft (mit der rotgrünen Koalition) begann, hat sich die Energieeffizienz der deutschen Industrie um 48 Prozent erhöht. Derweil distanzierte das "Made in Germany" auf den Weltmärkten in der Wettbewerbsfähigkeit um Lichtjahre konkurrierende Länder wie das zur Atomkraft verurteilte Frankreich."

"Die Presse", Österreich: "Dabei können noch nicht einmal die Umweltschützer ihren "Sieg über die Atomindustrie" so richtig auskosten. Denn einerseits wird die geforderte Energiewende in Deutschland noch auf sich warten lassen. Bis ausreichend Windräder gebaut und Leitungen verlegt sind, um die Leistung der AKW zu kompensieren, müsste das Land mehr als einen kalten Winter überstehen. Stattdessen wird Deutschland vorerst wohl Milliarden in die Hand nehmen, um Gas- und Kohlekraftwerke zu bauen. Damit wird das Land künftig weit über 60 Prozent seines Stroms aus fossilen Energieträgern beziehen. Eine Hiobsbotschaft für jeden Klimaschützer."

ler/dpa

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bielefelder73 31.05.2011
1. Ex-Industrieland Deutschland ?
Es bleibt abzuwarten, ob Deutschland nach der Energiewende überhaupt noch ein Industrieland sein wird, oder ob nicht wichtige Industriezweige wegen der hohen Energiekosten abwandern werden. Die Bedrohung ist groß und wird meines Erachtens von der Politk (insbesondere von den Grünen) nicht ernst genug genommen.
wolfgangl, 31.05.2011
2. was bleibt?
Zitat von sysopDie Kommentare in den internationalen Zeitungen zum deutschen Atomausstieg könnten kaum unterschiedlicher ausfallen. Von Pionierrolle und Vorbild ist die Rede, aber auch von taktischem Kalkül und Wählerfang. Vor allem konservative Blätter warnen nun vor Umweltzerstörung. Lesen Sie eine Auswahl: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,765831,00.html
Was bleibt den Konservativen denn? Sie haben sich immer dem althergebrachten verschrieben, ohne das Neue zu akzeptieren. Die Wähler sind da deutlich vortschritlicher. Das einzige, was die Konservativen mehr fürchten, als das Neue, ist der Machtverlust. Ich hoffe, dass sie bei den nächsten Bundestagswahl grandios untergehen werden!
freqnasty, 31.05.2011
3. ...
Ja, jetzt geht den Atomfreunden der Stift, weil die ganze dämliche Propaganda sich bald als das erweisen wird, was sie ist, und diese Leute ihren Bürgern eine Menge zu erklären haben werden, wenn die größte europäische Volkswirtschaft vormacht, wie es ohne Kernkraft geht.
heinerz 31.05.2011
4. Distanziert
Zitat von sysopDie Kommentare in den internationalen Zeitungen zum deutschen Atomausstieg könnten kaum unterschiedlicher ausfallen. Von Pionierrolle und Vorbild ist die Rede, aber auch von taktischem Kalkül und Wählerfang. Vor allem konservative Blätter warnen nun vor Umweltzerstörung. Lesen Sie eine Auswahl: http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,765831,00.html
Warum lautet die Überschrift eigentlich nicht: "Made in Germany" distanziert das zur Atomkraft verurteilte Frankreich, wie es in dem Artikel von La Repubblica, Italien heißt?
bunterepublik 31.05.2011
5. Meinung
Ich bin der Meinung von La Reppubblica. Deutschland wagt und wird hoffentlich gewinnen. Es ist ein riskantes Spiel, aber wenn alle dahinter stehen und die Energiewende aufgeht, kann Deutschland wirklich ein Vorbild werden...und wirtschaftlich extrem profitieren. Schlimm wird es nur, wenn es schief gehen sollte....dann wird Deutschland einen immensen Rückschlag erleiden... Und auch diese Option muss bedacht werden....
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