Internationaler Einsatz in Libyen Gaddafi bremst die Bomber aus

Großbritannien, Frankreich und die USA bereiten sich auf einen Kampfeinsatz in Libyen vor. Prompt stellt Diktator Gaddafi die internationale Gemeinschaft vor die nächste Herausforderung: Er erklärt überraschend eine Waffenruhe. Damit sind die westlichen Jets gestoppt - vorerst.

Reuters

Der Uno-Sicherheitsrat hat entschieden: Die am Donnerstag verabschiedete Resolution 1973 autorisiert "alle notwendigen Maßnahmen", um die libysche Zivilbevölkerung vor den Angriffen des Diktators Muammar al-Gaddafi zu schützen. Ausgeschlossen ist nur der Einsatz von Bodentruppen.

Damit können die Planspiele, die in den USA, Großbritannien und Frankreich seit Wochen laufen, nun umgesetzt werden. Die Einrichtung einer Flugverbotszone über Libyen wird nach Einschätzung von Experten ein bis zwei Wochen dauern. "Mindestens eine Woche", hatte der Oberbefehlshaber der US-Luftwaffe, General Norton Schwartz, dem Verteidigungsausschuss des US-Senats am Donnerstag gesagt.

Gaddafi reagierte am Freitag umgehend - und erklärte eine sofortige Waffenruhe (die aktuellen Entwicklungen im Liveticker hier). Die Taktik ist bekannt, mit einem ähnlichen Katz-und-Maus-Spiel narrte Iraks Diktator Saddam Hussein die Uno jahrelang. Das wird die westlich-arabische Allianz nicht daran hindern, ihre Bomber und Schiffe in Stellung zu bringen. Allerdings sind Angriffe damit wohl vorerst ausgeschlossen.

Fotostrecke

8  Bilder
Vereinte Nationen gegen Gaddafi: Bereit zum Luftschlag
US-Außenministerin Hillary Clinton sagte zu Gaddafis Überraschungsaktion: "Worte sind nicht genug. Wir müssen Taten sehen". Die seien bisher noch nicht zu erkennen. Auch der britische Premier David Cameron zeigte sich skeptisch und sagte, man werde Gaddafi an seinen Taten messen.

Armada vor der libyschen Küste

Die Allianz wird nur tätig werden, falls Gaddafi weiter gegen die Rebellen vorgeht. Sämtliche Militäraktionen wie etwa gezielte Bombardements von Gaddafis Stellungen und Nachschubwegen sind dann denkbar. Die französische Regierung teilte mit, es könne binnen Stunden losgehen. Cameron kündigte im Unterhaus an, britische Tornado- und Eurofighter-Flugzeuge würden umgehend in den Mittelmeerraum verlegt.

Die westliche Armada vor der libyschen Küste ist laut dem International Institute for Strategic Studies (IISS) bereits größer als die internationale Präsenz vor der jugoslawischen Küste in den neunziger Jahren. Ein gutes Dutzend Kriegsschiffe kreuzen vor der libyschen Küste und könnten die Gaddafi-Truppen vom Meer aus unter Beschuss nehmen. Auch mehrere Dutzend Flugzeuge stehen auf den Luftwaffenstützpunkten im Mittelmeerraum bereit, für eine Durchsetzung des Flugverbots über dem Riesenland, das rund fünfmal so groß wie Deutschland ist, müssen aber noch mehr stationiert werden.

So ist die derzeitige Situation:

  • Großbritannien hat zwei Fregatten vor der libyschen Küste, die "HMS Westminster" und die "HMS Cumberland". Auf Malta stehen "Chinook"-Hubschrauber und Aufklärungsflugzeuge bereit. Die ersten Luftangriffe würden wohl "Tornado"-Bomber fliegen, die gerade aus Schottland und Norfolk ins Mittelmeer verlegt werden. Auch der Einsatz von Jets vom Typ Eurofighter "Typhoon" ist wahrscheinlich. Sie könnten vom sizilianischen Sigonella abheben - keine 500 Kilometer von Tripolis entfernt. Auch die Nato-Basis Souda auf Kreta gilt als möglicher Startplatz.
  • Frankreich hat mehrere Stützpunkte an der Mittelmeerküste und auf Korsika. Außerdem liegt der Flugzeugträger "Charles de Gaulle" mit 35 Kampfflugzeugen vom Typ "Rafale" und "Super-Etendard" im Mittelmeer.
  • Belgien kündigte an, sechs F-16-Bomber schicken zu wollen.
  • Spanien bot Flugzeuge und Schiffe sowie die Nutzung der Flughäfen Rota und Morón in Andalusien an.
  • Auch Italien bot seine Stützpunkte an.
  • Die USA haben zwei Geschwader mit insgesamt 40 F-16-Flugzeugen im italienischen Aviano stationiert. Vor der libyschen Küste kreuzen der Hubschrauberträger "USS Kearsage" mit 22 Schwenkrotorflugzeugen vom Typ V-22 "Osprey" und fünf "Harrier"-Senkrechtstartern. Dazu kommen drei Zerstörer, ein amphibisches Landungsschiff und das Atom-U-Boot "USS Providence" mit "Tomahawk"-Marschflugkörpern an Bord. Die neuen F-22 "Raptor" Stealth Fighter könnten zum ersten Mal zum Kampfeinsatz kommen. Sie müssten allerdings erst aus Virginia nach Italien verlegt werden. Auch Drohnen vom Typ "Predator" und "Raptor" stünden bereit. Einen Flugzeugträger haben die USA nicht vor Ort. Die "USS Enterprise" ist gerade auf dem Weg vom Roten Meer in den Golf von Aden und entfernt sich damit von Libyen.
  • Zwei arabische Länder wollen bei der Überwachung der Flugverbotszone helfen. Eins ist Katar, der andere Name ist noch nicht offiziell bekannt. Experten tippen auf die Vereinigten Arabischen Emirate. Libyens Nachbar Ägypten, der eine große Luftwaffe unterhält, scheint sich hingegen mit Waffenlieferungen an die Rebellen in Bengasi begnügen zu wollen.

Was, wenn die Rebellen nun wieder auf Tripolis vorrücken?

Ob Gaddafi sich ernsthaft von dieser Drohkulisse hat beeindrucken lassen oder ob er nur auf Zeit spielt, werden die nächsten Tage zeigen. Ein wichtiges Ziel hat der Diktator bereits erreicht: Die Ölstadt Ras Lanuf haben seine Truppen zurückerobert. Zumindest hat die Uno-Resolution den bedrängten Rebellen in Bengasi die erwünschte Atempause verschafft, um sich besser zu organisieren. Aus Sicht der westlichen Regierungen wäre es ideal, wenn sie nicht eingreifen müssten. Von Anfang an hatten sie betont, dass die Rebellion am besten eine rein libysche Angelegenheit bliebe.

Fotostrecke

11  Bilder
Lichtblick für Libyen: Jubel über Uno-Entscheidung
Sollte Gaddafi seine Offensive gegen die Rebellen fortsetzen, würde die internationale Allianz wohl mit gezielten Luftangriffen auf seine Stellungen reagieren, um seinen Vormarsch nach Bengasi aufzuhalten. Vom militärischen Standpunkt her gilt dies am sinnvollsten.

Was aber tut die internationale Gemeinschaft, wenn die Rebellen unter dem Schutz der Waffenruhe nun wieder auf Tripolis vorrücken? Gibt sie Feuerschutz, um Gaddafi zu stürzen? Dass Gaddafi gehen muss, haben alle westlichen Regierungschefs wiederholt gefordert. Aber die Uno-Resolution erwähnt nur den Schutz von Zivilisten - nicht den Sturz des Diktators.

Wenn westliche Luftangriffe mit einer Rebellenoffensive kombiniert würden, könnten die Gaddafi-Gegner ähnlich erfolgreich sein wie die afghanische Nordallianz mit Nato-Luftunterstützung beim Sieg gegen die Taliban vor zehn Jahren, sagt Ben Barry, ein Experte des IISS und früherer Brigadegeneral der britischen Armee. Aber wollen Obama, Cameron und Sarkozy derart aktiv Partei ergreifen?

Wie stark ist die libysche Luftabwehr?

Vorerst werden sie sich wohl mit der Einrichtung der Flugverbotszone begnügen - einer gewaltigen logistischen Herausforderung. Libyen sei 35-mal größer als Bosnien, gibt Douglas Barrie vom IISS zu bedenken. Ein Flugverbot erfordere daher mehr Ressourcen als der Bosnien-Einsatz von 1993 bis 1995. Allerdings könnten die Alliierten ihre Überwachung nur auf die Küste und vielleicht sogar auf einzelne Gegenden wie die Region um Bengasi beschränken. Eine präventive Bombardierung der libyschen Luftabwehrstellungen ist laut Barrie nicht unbedingt notwendig: Man könne auch erst mal abwarten, ob die Gaddafi-Truppen überhaupt schießen.

Wie stark die libysche Luftabwehr ist, können Experten nur schwer einschätzen. Auf dem Papier hat Gaddafi rund 200 sowjetische Raketenbatterien aus den siebziger und achtziger Jahren. Wie viele davon einsatzbereit sind, weiß allerdings niemand. Beim letzten Test, als die US-Luftwaffe 1986 Angriffe auf Tripolis und Bengasi flog, versagte die Abwehr kläglich. Nur eins von 45 Flugzeugen ging verloren.

Auch Libyens Fluggeschwader, vor allem sowjetische Migs und einige französische Mirage, gelten als nur bedingt einsatzfähig. Die Bombereinsätze in den vergangenen Wochen haben die Zweifel an den Fähigkeiten der libyschen Piloten verstärkt - meistens haben sie ins Leere getroffen.

Wenn Gaddafi wie einst Hussein auf einen Abnutzungskrieg mit der Uno setzt, ist mit ständigen Provokationen zu rechnen: Schüsse auf westliche Fliegerpatrouillen etwa, in der Hoffnung, dass diese zurückschießen und zivile Opfer fordern. Jeden Zwischenfall könnte Gaddafi für seine Propaganda ausschlachten.

Die Ankündigung der Waffenruhe zeigt: Gaddafi - oder sein Umfeld - war auf den Schritt der Weltgemeinschaft vorbereitet. Sie zeigt auch: Der Konflikt kann sich noch lange hinziehen.

insgesamt 91 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
PJanik, 18.03.2011
1. Worten glaube ich gar nix...
Zitat von sysopGroßbritannien, Frankreich und die USA bereiten sich auf einen Kampfeinsatz in Libyen vor.*Prompt stellt Diktator Gaddafi die internationale Gemeinschaft vor die nächste Herausforderung: Er erklärt überraschend eine*Waffenruhe.*Damit sind die westlichen*Jets gestoppt - vorerst. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,751780,00.html
... nur Taten zaehlen. Insofern sollte es jetzt kein anderes Handeln der intervenierenden Nationen geben. Zum losschlagen bereit aber noch abwartend.
mischpot 18.03.2011
2. Das Spiel ist aus
Gaddafi weiß genau das es vorbei ist und zieht den Schwanz ein. Nicht destotrotz wird er versuchen nach zubeissen. Wenn sich die Möglichkeit bietet seine korrupte Macht im Land aufrecht zu erhalten wird er alles dafür tun. Man sollte Gaddafi wie seinen Artgenossen anbieten unter zeitlich kurzem Limit ins Exil zugehen ansonsten keine Gnade zeigen, die hat er nicht verdient.
johannes61 18.03.2011
3. Sieg der Politik
Auf jeden Fall hat die internationale Gemeinschaft nun Zeit gewonnen, eine politische Loesung zu foerdern. Auch koennen nun die Hilfsorganisationen wieder arbeiten. Es gilt aber, die Augen offen zu halten, denn Gaddafi wird neue Spielchen versuchen. Provokationen koennen auf Grundlage der VN-Resolution behandelt werden, bis hin zum Einsatz militaerischer Mittel. Aber wenn es ohne abgeht, ist das zweifellos besser. Insofern ein Sieg der Politik!
Hypotheker, 18.03.2011
4. Frage ?
Warum ist der Westen seinerzeit eigentlich nicht in die DDR einmarschiert? War doch auch bitter nötig..
elbröwer 18.03.2011
5. geschicktes Monster
Libysche Probleme können nur Libyer lösen. So widerwärtig der Gaddafi jedem zivilisierten Menschen erscheint, bis vor wenigen Wochen hofierte ihn die westliche Welt. Sehr wohl wissend um die Menschenrechtsverletzungen in Libyen. Wenn der jetzt geschickt eine Waffenstillstand verkündet setzen sich alle anderen ins Unrecht. Die Legendenbildung der Araber und Moslems wird den beim geringsten Fehler des Westen zur heiligen Ikone stilisieren. Am ehesten in den feindlichen Vorstädten Frankreichs.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.