Interner CIA-Folterbericht "Wir werden deine Kinder umbringen"

Die CIA wehrte sich mit Klauen und Zähnen. Trotzdem wurde jetzt ein interner Bericht veröffentlicht, der die Foltermethoden des Geheimdienstes kritisch dokumentiert. Er enthüllt neue schreckliche Einzelheiten - und dürfte den Streit um Bushs Erbe in der Regierung Obama vertiefen.

Chalid Scheich Mohammed: Dem mutmaßlichen Chefplaner der 9/11-Anschläge drohte die CIA, seine Kinder zu töten
dpa

Chalid Scheich Mohammed: Dem mutmaßlichen Chefplaner der 9/11-Anschläge drohte die CIA, seine Kinder zu töten

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Hamburg - Der Gefangene schwieg. Also griff der Verhörleiter zu anderen Methoden: "Wir können deine Mutter hier reinholen", warnte er seinen Gegenüber, "wir können deine Familie hier reinholen." Die unterschwellige Drohung: Um den Verdächtigen zum Reden zu bringen, scheue man auch nicht davor zurück, dessen Verwandte "sexuell zu missbrauchen" - vor seinen Augen.

Dieses bedrohliche Szenario spielt nicht in einem überzogenen Action-Film, sondern in der Realität. In der Realität des CIA. Es findet sich auf Seite 42 eines internen Untersuchungsberichts, mit dem der US-Geheimdienst schon 2004 versucht hat, die eigenen, umstrittenen Verhörmethoden bei mutmaßlichen Terroristen kritisch zu dokumentieren und der jetzt, mit fünf Jahren Verspätung, endlich publik gemacht wurde.

Der fragliche Häftling war Abd al-Rahim al-Naschiri, der in das Attentat auf das Kriegsschiff "USS Cole" verwickelt gewesen sein soll. Um den Araber Ende 2002 zum Reden zu bringen, habe der CIA-Mann auch mit einer halbautomatischen Feuerwaffe herumgefuchtelt. Als das immer noch nichts bewirkt habe, habe er eine Bohrmaschine nahe an Al-Nashiris nackten Körper gehalten und mehrfach aufgedreht. Immerhin, fügt der Bericht lakonisch hinzu: Er habe ihn damit "nicht berührt".

Der inkriminierte CIA-Beamte stritt die Vorwürfe zwar ab. Doch allein deren detaillierte Ausführung in einem hauseigenen Dokument lässt auf einen wohlbegründeten Verdacht schließen - zumal es sich um keinen Einzelfall handelt.

Noch peniblere Behandlung erfuhr demnach Chalid Scheich Mohammed, der mutmaßliche Chefplaner der 9/11-Anschläge, der 2003 in Pakistan gefasst worden war. Dem habe der Vernehmungsbeamte schlichtweg gedroht: "Wir werden deine Kinder umbringen." Ob es sich bei diesem martialischen Vernehmer um einen CIA-Agenten handelte oder den Mitarbeiter einer Privatfirma - diesen Hinweis ließ die Spionagebehörde geschwärzt.

Mit der Veröffentlichung des internen Reports wurde am Montag ein weiteres Kapitel der unendlichen Geschichte um die CIA-Folter geschrieben - eine Geschichte, die Präsident Barack Obama belastet wie der mit teurer Erbsteuer belastete Nachlass eines ungeliebten Onkels. Zwar waren die makabren Höhepunkte des Berichts schon vorab durchgesickert. Das nimmt dem Konvolut selbst aber kaum etwas von seinem Horror.

Berichte schockieren erneut

Sicher, sie dürften keinen mehr überraschen, diese haarsträubenden Ausführungen - zu viel ist längst bekannt über die CIA-Folterprogramme unter George W. Bush. Trotzdem schockieren sie aufs Neue, so amtlich schwarz auf weiß, trotz einer gewissen öffentlichen Abstumpfung. Und sie bescheren Obama damit ein neues Reizthema, das sich der Präsident in seiner einzigen Sommerurlaubswoche wohl lieber erspart hätte.

Denn hinter dieser Veröffentlichung steckt politisch viel Zündstoff. Lange wurde darum gerungen, intern und öffentlich. Die Bürgerrechtsgruppe ACLU hat die Offenlegung schließlich gerichtlich erzwungen, die CIA kam dem widerwillig nach, indem sie zunächst ein weitgehend geschwärztes Papier herausrückte.

Erst eine weitere richterliche Anordnung hat nun am späten Montag das Dokument in seiner jetzigen Form zutage gefördert - 109 Seiten plus Anlagen. Und auch das nur unter allergrößter Gegenwehr des Geheimdienstes. CIA-Chef Leon Panetta soll einen Tobsuchtsanfall bekommen haben: Im Weißen Haus habe es vorigen Monat ein "Brüllduell voller Obszönitäten" geben, meldete ABC News, und Washington spekulierte genüsslich von einem baldigen Abgang des treuen Obama-Vasallen.

Doch selbst die jetzt präsentierte Version des Berichts ist lückenhaft - mehr als die Hälfte des Textes ist weiterhin ausgeblendet. Völlig geschwärzt sind unter anderem die Abschnitte über die "Hintergründe" der Häftlinge, das Training der CIA-Verhörleiter, "medizinische Richtlinien" - sowie 24 durchgehende Seiten im Mittelteil.

Doch selbst der dazwischen entzifferbare Rest ist schon erschreckend - ein Dokument der Unmenschlicheit in kalter Amtssprache.

Neben den "Vorfällen" mit der Bohrmaschine und der Handfeuerwaffe, so steht da also, habe es etliche weitere "unautorisierte Techniken" gegeben. Etwa "potentiell gesundheitsschädliche Stresspositionen", "Schnitte und Blutergüsse". Sowie diverse "improvisierte Aktionen" ganz zu Beginn des CIA-Programms Anfang 2002, als die rechtlichen Eckpunkte noch nicht ausformuliert war. Beispielsweise Beinahe-Erwürgen und "simulierte Hinrichtungen" durch das Abfeuern von Waffen.

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Seite 1
geomik, 13.07.2009
1.
Zitat von sysopVerborgene CIA-Programme, Folterpraktiken, Guantanamo - US-Präsident Obama hat schwer mit dem politischen Erbe seines Vorgängers Bush zu kämpfen. Wie soll er damit umgehen?
Wie es sich für einen ordentlichen demokratischen Rechtsstaat gehört, gehören alle Betroffenen vor ein ordentliches Gericht, egal ob Präsident oder Vize! Nur wird das nie geschehen.
Hubert Rudnick, 13.07.2009
2. Offenheit, oder was macht man mit seinem Vorgänger?
Zitat von sysopVerborgene CIA-Programme, Folterpraktiken, Guantanamo - US-Präsident Obama hat schwer mit dem politischen Erbe seines Vorgängers Bush zu kämpfen. Wie soll er damit umgehen?
--------------------------------------------------------- Wenn der Präsident Obama ein offerener und aufrichtiger Mann sein will, dann müßte er auch die Politik seines Vorgängers und all die widerlichen Dinge mal anpacken die die USA in einem so schlechtem Licht in der Welt gerückt haben. Aber kann er das wirklich, oder ist er nicht auch an vielen Beschlüssen gebunden, die immer die Politiker schützt? Da aber der Präsident auch die gegeneriche Partei für die Durchsetzung seiner Ziele benötigt, so glaube ich nicht, dass er alles aufdecken und die entsprechenden Leute zur Verantwortung ziehen könne. Und vielleicht denkt er ja auch dabei an all die Dinge die er vielleicht mal durchsetzen möchte und die auch nicht immer so ganz moralisch sauber sein könnten. Für die Bürger dser USA und der geamten Welt wäre es schon mal richtig, wenn sich auch Präsidenten und ihre Handlanger für ihre verfehlte Politik und Schandtaten zu verantworten hätten. Hubert Rudnick
dionysia 13.07.2009
3. Aufklärung täte Not, um Legendenbildung und Verschwörungstheorien entgegen zu wirken
Zitat von sysopVerborgene CIA-Programme, Folterpraktiken, Guantanamo - US-Präsident Obama hat schwer mit dem politischen Erbe seines Vorgängers Bush zu kämpfen. Wie soll er damit umgehen?
Es wäre vielleicht wirklich mal ganz vernünftig, eine unabhängige Kommission des Kongresses, Licht in all diese vermeintlichen Dinge bringen zu lassen. Die jüngsten Vorwürfe einschlägiger US-Zeitungen bzgl. eines geheimen Geheimauftrags des CIA scheinen ja eher einem Verschwörungstheorie-Hollywood-Schinken eines Oliver Stone entnommen als irgendwie fundiert. Ich denke aber nicht, dass Obama wirklich an Aufklärung interessiert ist, weil das sein selbstentworfenes Bild von sich als Retter von der pitter pösen Bush-Administration zerstören könnte, wenn sich alle diese Vorwürfe am Ende als völlig haltlos heraus stellen.
Der Forkenhändler 13.07.2009
4. Menschenrechtsverachtung in höchstem Maße!
Cheney und Busch gehören vor ein Militärtribunal.
RogerT 13.07.2009
5. ein Zeichen setzen
Er könnte ein Zeichen setzen und bei beweisbaren Vorwürfen, wo Bush gegen geltendes (Menschen)Recht verstoßen hat, den ehemaligen Präsidenten offiziell anklagen - falls so etwas überhaupt möglich ist.
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