Internet-Botschaft Bin Laden droht Israel mit heiligem Krieg

"Blut für Blut", "Zerstörung für Zerstörung": Osama bin Laden, der Anführer des Terrornetzwerks al-Qaida, wendet sich in einer neuen Botschaft an seine Anhänger. Darin droht er ungewöhnlich scharf, seinen "heiligen Krieg" auf Israel auszuweiten.


Kairo - "Ich möchte unseren Leuten in Palästina versichern, dass wir unseren heiligen Krieg dorthin ausweiten", sagt Bin Laden in seiner Audiobotschaft. "Wir haben vor, Palästina zu befreien - das ganze Palästina vom Jordanfluss bis zum Meer", droht er. Dann wird der Islamist fast biblisch: "Blut für Blut. Zerstörung für Zerstörung", wettert er. Man werde keinen Zentimeter Land an Juden abtreten, wie andere muslimische Führer dies getan hätten.

Top-Terrorist Bin Laden (November 2007): "Blut für Blut. Zerstörung für Zerstörung."
AFP

Top-Terrorist Bin Laden (November 2007): "Blut für Blut. Zerstörung für Zerstörung."

Die Tonbandaufnahme wurde nach Angaben eines in Washington ansässigen Forschungsinstituts vom al-Qaida-Propagandaarm "As-Sahab" auf islamistischen Webseiten veröffentlicht. Die Rede trage den Titel "Der Weg zur Durchkreuzung von Verschwörungen".

Bin Laden und andere Qaida-Führer drohen regelmäßig damit, Jerusalem und Palästina zu befreien. Die neuste Botschaft ist jedoch sprachlich schärfer formuliert als Bin Ladens frühere Botschaften.

Israel warnte in der Vergangenheit vor einer wachsenden Aktivität al-Qaidas im Land, Experten sprachen bislang aber noch nicht von einem direkten Einfluss des Terrornetzwerks in der Region.

Bin Laden kritisiert zudem die schiitische Terroristengruppe Hisbollah dafür, nach dem Krieg mit Israel im Sommer 2006 die Stationierung von Uno-Truppen im Südlibanon zugelassen zu haben. Al-Qaida gehört einer Islam-Schule an, die Schiiten als Ungläubige ansieht.

Bin Laden wettert gegen US-freundliche Sunniten

Der Großteil der 56-minütigen Brandrede befasst sich mit der Situation im Irak. Wiederholt wettert Bin Laden gegen US-freundliche Sunniten. Er warnt sie davor, al-Qaida zu bekämpfen oder sich der Regierung anzuschließen. "Die schlimmsten Verräter sind die, die ihre Religion für ihr sterbliches Leben verkaufen", poltert der Top-Terrorist.

Scharf verurteilt Bin Laden den sunnitischen Klanchef Abdul Satter Abu Rischa, der im Kampf gegen die Extremisten mit den USA zusammenarbeitete. Er wurde bei einem Bombenanschlag im September getötet.

David Petraeus, der Oberbefehlshaber der US-Streitkräfte im Irak, hatte erst wenige Stunden vor Veröffentlichung von Bin Ladens Botschaft darauf hingewiesen, dass al-Qaidas Furcht, die Unterstützung der sunnitischen Araber im Irak zu verlieren, stetig wachse. Mehrere Stammesoberhäupter hätten sich von den Terroristen abgewandt und Allianzen mit den USA gebildet.

Bin Laden wirft den amerikanischen und irakischen Behörden vor, sie versuchten, eine Regierung der nationalen Einheit aus Sunniten, Schiiten und Kurden zu bilden. Zudem strebten die Vereinigten Staaten den Bau von Militärstützpunkten und die Vorherrschaft in der Region an.

"Unsere Pflicht ist es, diese Pläne zu vereiteln, weil sie die Errichtung eines islamischen Staates im Irak verhindern könnten", sagt Bin Laden. Dieser sei "eine Mauer des Widerstands gegen die amerikanischen Pläne zur Teilung des Iraks". Wer den USA helfe, verlasse den Islam.

Die Sunniten hatten sich in diesem Jahr aus der Regierung von Ministerpräsident Nuri al-Maliki zurückgezogen. Sie kritisierten, die Führung berücksichtige nicht genügend die Interessen der sunnitischen Minderheit.

Top-Terrorist versucht offenbar, alte Fehler zu korrigieren

Als Bin Laden sich im Herbst dieses Jahres zuletzt zum Irak geäußert hatte, hatte er noch Kritik an den dortigen Dschihadisten durchscheinen lassen, weil sie es nicht schafften, eine einheitliche Front zu bilden. Diesmal versucht Bin Laden offenbar, den damals entstandenen Eindruck zu korrigieren, er stehe möglicherweise nicht völlig hinter den Mudschahidin im Irak - diejenigen eingeschlossen, die unter der Flagge al-Qaidas kämpfen.

Erstmals, so scheint es, unterstützt Bin Laden ausdrücklich deren Projekt, im Irak einen islamischen Staat zu gründen. Pro forma hat die irakische al-Qaida dies bereits vor einem guten Jahr getan - seitdem agiert sie unter der Bezeichnung "Islamischer Staat Irak".

Nach längerem Schweigen hat der Terrorchef sich alleine in diesem Jahr ein halbes Dutzend Mal zu Wort gemeldet und dabei unter anderem dem pakistanischen Regime den Krieg erklärt und die Dschihadisten in Ostafrika zum Aufstand angestachelt. Außerdem rief er die Amerikaner dazu auf, sich zum Islam zu bekehren. Die Europäer forderte er auf, sich von ihren US-treuen Regierungen zu distanzieren.

Bin Laden gilt nach wie vor als der wichtigste Mann al-Qaidas; der saudi-arabische Gründer des Netzwerks und Drahtzieher der Anschläge vom 11. September 2001 nimmt aber wahrscheinlich vor allem die Rolle eines ideologischen Impulsgebers ein. Dass er in konkrete Planungen involviert ist, gilt unter Analysten und Experten als unwahrscheinlich.

ssu/yas/AP/dpa/Reuters



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