Meng Hongwei Der Interpol-Chef, der nach China reiste und verschwand

Als Meng Hongwei 2016 Interpol-Präsident wurde, feierte Chinas Regime, war international aufgewertet. Jetzt verschwand Meng - während eines China-Aufenthalts. Was auch immer dahintersteckt: Für Peking ist der Fall eine Blamage.

Meng Hongwei
AFP

Meng Hongwei

Von , Peking


Es ist nie ein gutes Zeichen, wenn in China plötzlich der TV-Bildschirm schwarz wird: Etwas stimmt dann nicht, irgendeine Story geht über die internationalen Nachrichtensender um die Welt, die Pekings Zensoren den Chinesen vorenthalten möchten.

Seit diesem Wochenende kommt das wieder vor: Meng Hongwei, 64, Vizeminister für Öffentliche Sicherheit und seit 2016 Präsident der Internationalen kriminalpolizeilichen Organisation, kurz Interpol, ist verschwunden.

Ende September war er nach Angaben der französischen Polizei von seinem Dienstsitz in Lyon nach China aufgebrochen. Seither hat seine Frau nichts mehr von ihm gehört. Hilfesuchend wandte sie sich an die französischen Behörden.

Die in der Regel gut informierte Hongkonger "South China Morning Post" berichtet, Meng sei nach seiner Ankunft in China in Gewahrsam genommen worden, weil gegen ihn ermittelt werde. "Ermittelt" bedeutet in solchen Fällen meistens: Der oder die Betroffene steht unter Korruptionsverdacht.

Bislang hat sich die chinesische Regierung nicht geäußert (was auch daran liegen könnte, dass das Land noch in den Herbstferien ist). Aber solange keine offizielle Stellungnahme über den Grund von Mengs Verschwinden vorliegt, kann darüber nur spekuliert werden - und danach wahrscheinlich auch.

Staatschef Xi Jinping, Premier Li Keqiang
AP

Staatschef Xi Jinping, Premier Li Keqiang

Denn sollte wirklich wegen Korruption gegen Meng ermittelt werden, muss der Verdacht schwerwiegend sein. Sonst hätte Peking die internationale Blamage, die sein Verschwinden jetzt schon ausgelöst hat, nicht riskiert: Frankreich sei "verwundert über die Situation des Präsidenten von Interpol", hatte das Innenministerium in Paris erklärt.

Ernennungen sind wichtiger Prestigegewinn

Peking hatte es als einen großen diplomatischen Erfolg gefeiert, als Meng 2016 zum Chef der wichtigsten internationalen Polizeiorganisation gewählt wurde. Das zeige "Chinas zunehmend wichtige Rolle beim Schutz regionaler und globaler Sicherheit", hatte die Pekinger Jugendzeitung damals geschrieben. Menschenrechtler sahen Mengs Wahl kritisch. Für sie war ein Vertreter eines autoritären Regimes zum Präsidenten einer rechtsstaatlich sensiblen Institution aufgestiegen, der Bock zum Gärtner gemacht worden.

Tatsächlich ist Peking seit Jahren dabei, seinen Einfluss in internationalen Organisationen zu erweitern, finanziell wie personell. Peking engagiert sich heute stärker denn je in den Vereinten Nationen und stellt beispielsweise mehr Blauhelme für Uno-Einsätze als die anderen Mitglieder des Sicherheitsrats. China bemüht sich auch um mehr Stimmrechte im Internationalen Währungsfonds und hat hohe Beamte an der Spitze anderer Institutionen wie der Internationalen Fernmeldeunion (ITU) platziert.

Für das machtbewusste Peking sind solche Ernennungen ein wichtiger Prestigegewinn, selbst wenn die einzelnen Posten wie im Falle des Interpol-Präsidenten eher repräsentativer Natur sind - die operative Arbeit leitet bei Interpol der Generalsekretär, zurzeit der Deutsche Jürgen Stock.

Meng Hongwei (r.)
REUTERS/ Stringer

Meng Hongwei (r.)

So hoch der Prestigegewinn, der mit Mengs Wahl verbunden war, so peinlich ist nun der Prestigeverlust. "Lustig", heißt es in einem der wenigen am Sonntagmorgen noch nicht gelöschten Posts in Chinas Internet: "Ausgerechnet der Mann, der die 'roten Ausschreibungen' erstellt, ist plötzlich selbst verschwunden?" Ein anderer User, noch eine Spur sarkastischer: "Ziemlich armselige Polizeiarbeit in dieser Organisation. Hatte nicht einmal ihr Präsident eine Ahnung, dass ihm Ärger bevorsteht.

Ein neuer Fall - eine neue Qualität

Auf Ärger mit ihren Behörden müssen alle Chinesen eingestellt sein, vor allem die, die sehr reich, sehr berühmt sind oder an einflussreichen Stellen sitzen.

Seit dem Beginn von Staatschef Xi Jinpings Anti-Korruptions-Kampagne 2013 sind Hunderttausende Beamte aus dem Verkehr gezogen worden, darunter sowohl sogenannte Fliegen - also relativ niedrige Kader - als auch die sogenannten Tiger, Beamte in einflussreichen Positionen: So verschwanden schon hochrangige Offizielle wie

Unter Zhou war Meng Hongwei an die Spitze des Ministeriums aufgestiegen; sein Verschwinden könnte mit dieser Verbindung zusammenhängen.

Aber auch Geschäftsleute wie der Milliardär Guo Guangchang oder Manager von großen Unternehmen wie dem Mischkonzern HNA oder dem Versicherungsriesen Anbang sind vorübergehend oder dauerhaft aus der Öffentlichkeit verschwunden. In einem der spektakulärsten Fälle erwischte es zuletzt die Schauspielerin Fan Bingbing, die wegen eines Steuervergehens seit Juli unter Hausarrest gesetzt wurde und diese Woche erst wieder auftauchte.

Fan Bingbing
AP

Fan Bingbing

Dass es mit Meng Hongwei nun zum ersten Mal einen Chinesen trifft, der einer bedeutenden internationalen Organisation vorsteht, hat eine neue Qualität. Wenn sich der Korruptionsverdacht bestätigt, könnte er auch für andere international tätige chinesische Funktionäre gelten.

Aber das bleibt, wie gesagt, eine Spekulation - ebenso wie im bislang wohl berühmtesten Fall, in dem ein hochrangiger Chinese plötzlich verschwand: Kurz vor seiner Ernennung zum Generalsekretär der Kommunistischen Partei tauchte 2012 Chinas heutiger Staatschef Xi Jinping selbst ab. Zwei Wochen lang rätselten Diplomaten und Journalisten, was mit Xi passiert war: War er krank geworden? Musste er noch einen letzten politischen Kampf durchstehen, bevor er an die Spitze trat?

Über die Gründe von Xis Abwesenheit wird selbst jetzt, sechs Jahre später, noch diskutiert. Eines allerdings war schon damals so wie heute: Wenn westliche Nachrichtensender solche Fragen stellten, wurde in China der Bildschirm schwarz.

insgesamt 42 Beiträge
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sok1950 07.10.2018
1. ist zumindest "demokratischer"
als einen Beschuldigten, der in U-Haft kommt, bereits öffentlich vorzuverurteilen. In D gibt es viele Fälle wo es sinnvoller gewesen wäre, erst mal die Untersuchung abzuwarten als öffentlich die Vorwürfe breitzutreten. Denken wir an Kachelmann, BP Wulf und viele andere falsch Beschuldigte. Die hätten es alle vorgezogen, mal zwei/drei Wochen "verschwunden" zu sein als mit diesen Pressekampagnen und öffentl. Vorverurteilungen zu leben.
robin-masters 07.10.2018
2. Aliens ?
Ich denke in China reagieren Aliens und die Personen werden durch Klone ausgetauscht. ;-) Aufklärung wäre gut.
freidenker! 07.10.2018
3. Soll vorkommen
Solche Fälle von "Verschwinden" oder "Tode" sind in der Menschheitsgeschichte schon öfters vorgekommen. So auch in diesem Fall eines "Interpol-Chefs", wenn jemand im orwellschen Sinne zur politischen Unperson geworden ist. Man sollte aber über China nicht den Stab brechen, man erinnere sich nur im Westen an den Fall des "Bankier Gottes", der hing wenn man sich recht entsinnt, unter einer Londoner Brücke. Immerhin öffentlich, aber in China ist ja alles streng geheim. In der OK, d.h. organisierten Kriminalität, haben solche Fälle die Bezeichnung "weiße Tote", vorausgesetzt man findet die Leiche die man dann nicht identifizieren kann. Soll vorkommen. Aber das ist nicht nur in der heutigen Zeit so, schon in der Antike wurde unliebsame Personen aus dem Gedächtnis gelöscht. So zum Beispiel der Ketzerpharao Echnaton. Nach seinem Tode wurde von den Nachfolgern auf den Pharaonenthron die Königskartuschen mit seinem Namen auf allen Gebäuden und Gräbern entfernt. War schon immer so, eben - soll vorkommen ...
Rüdiger Rommel 07.10.2018
4. Vielleicht für Wirtschaftsspionage die Note "Ungenügend" bekommen?
Das verzieht die Chinesische Regierung nicht, zu wichtig ist dieser Teil der Jobbeschreibung für Chinas Wirtschaft.
autocrator 07.10.2018
5. durchgriff
die affaire hat mehrere ebenen - und wie immer zwei medaillenseiten. Zum einen wundert mich, dass hohe Interpol-kader keine diplomatisch immunität genießen – schließlich müssen sie international agieren. zum anderen: "verschwinden lassen" und dann auch noch die nachricht darüber zensieren – das sind halt typische erscheinungen von diktaturen, wodurch sich China nicht besser stellt. auf der anderen seite: es wird endlich mal durchgegriffen. Wobei mir nicht ganz klar ist, wo da die grenze zwischen korruption und "amigo-g'schäftles" liegt … letzteres ist ja auch gerade bei uns ein riesenproblem (das tunlichst medial verschwiegen, also auch zensiert wird).
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