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Interview an 9/11-Jahrestag: Sarah Palin durchkreuzt Wahlkampf-Pause

Von , New York

Diesen einen Tag lang sollte Waffenstillstand im US-Wahlkampf herrschen. Bei der bewegenden 9/11-Gedenkfeier schritten Barack Obama und John McCain sogar gemeinsam in die Tiefe von Ground Zero - doch dann gab Sarah Palin ihr erstes großes Fernsehinterview. Und machte nicht die beste Figur.

New York - Am Ende siegte doch der harte Wahlkampf.

Dabei hatten sie alle Sticheleien so betont vermieden. Hatten den Gegner gelobt, sogar wechselseitig versprochen, ihn im Falle eines Sieges ins Kabinett aufzunehmen. Hatten die "herausragenden Leistungen" des anderen gewürdigt (John McCain über Barack Obama), wahlweise dessen "legendären Einsatz" für die Nation (Barack Obama über John McCain).

Friede, Freude - Wahlkampfpause? Der Abend des 11. September 2008, Columbia University, New York: Brav und gesittet sitzt erst McCain, dann Obama auf der Bühne. Es ist das Ende einer lauten Woche, in der sich die rivalisierenden Lager immer stärker in Schmutzwahlkampf ergangen haben. In getrennten Runden antworten sie auf die Fragen der Moderatoren. "Ready to serve" heißt das Motto dieses Events zum siebten Jahrestag der Anschläge von 2001: Wie kann sich das politische und gesellschaftliche Engagement der Amerikaner steigern lassen?

Ein dröhnend unkontroverses Thema - bestens geeignet also als gefahrloser Schlusspunkt eines Tages, der von bewegenden Szenen geprägt war, die Politik und Parteien ein paar Stunden lang in Vergessenheit geraten ließen. Stattdessen: Gedenken, Gebet, Gemeinschaft.

Endlich eine Debatte mit Niveau

Und so zeigen sich auch die Kandidaten auffallend friedfertig. Präsentieren ernste, gut gemeinte Vorschläge, mit denen man die Leute zu mehr Dienst am Lande treiben könne, zu einem staatsbürgerlichen Interesse, das über den reinen Wahlakt hinausgeht. Zum obersten Ziel ernennt Obama es, "das kleingeistige Gezänk und die Parteilichkeit, die unser öffentliches Leben beherrscht, abzustreifen".

Endlich eine Diskussion auf hohem Niveau. McCain ist lässig und unverkrampft. Obama sprüht vor Humor.

Doch kaum hat Obama geendet, da geht der Wahlkampf schon wieder auf gewohntem Niveau weiter - die Republikaner übernehmen die Show, mit dem ersten Fernsehinterview von McCains Vizekandidatin Sarah Palin. ABC News hat das allererste Interview mit ihr ergattert und sendet es an ebenjenem Abend von 9/11.

Bisher hatten McCains Strategen die Gouverneurin von Alaska unter Verschluss gehalten, sie nur für durchchoreografierte Kurzauftritte auf die Öffentlichkeit losgelassen. Obwohl es immer mehr Fragen nach ihrer Qualifikation gab, ihrer Ehrlichkeit, ihren erzkonservativen Ansichten und ihrem professionellen Hintergrund.

Die Erwartungen sind also hoch: Würde sie überzeugen oder abschmieren?

In ihrem in Pastell gehaltenen Wohnzimmer pariert Palin dann die bohrenden Fragen von ABC-Anchorman Charlie Gibson, ruhig, vorbereitet - und mit klar einstudierten Antworten.

Ob sie gezögert habe, als ihr McCain den Job offeriert habe? "Da darfst du nicht mit der Wimper zucken." Ob sie den Irak-Krieg wirklich als eine "Aufgabe Gottes" sehe? "Ich würde mir nie anmaßen, Gottes Wille zu kennen."

Doch dann kommt sie ins Schlingern. Sollte Georgien in die Nato aufgenommen und dann von Russland angegriffen werden - müssten die USA dann Russland nicht den Krieg erklären?

Was ist bloß die Bush-Doktrin?

Palin eiert herum und sagt dann, fast als Frage: "Vielleicht ja. Ich meine, das ist doch die Vereinbarung, dass du als Nato-Alliierter zu Hilfe gerufen wirst, wenn ein anderes Land angegriffen wird."

Es ist nicht ihre einzige Problemstelle. Als Gibson sie nach der Bush-Doktrin (mehr auf SPIEGEL WISSEN...) fragt, kann Palin damit nichts anfangen.

Eine Frage nach Iran und Israel beantwortet sie gar nicht.

Und darauf angesprochen, was sie als Gouverneurin von Alaska außenpolitisch qualifiziere, sagt sie: "Man kann von hier aus Russland sehen."

ABC News sendete das Interview am späten Abend noch mal, und die Wiederholung tat Palin nicht gut, im Gegenteil, denn hinzu kamen neue Ausschnitte, in denen sie ihre frühere Haltung zur Erderwärmung mühsam zu biegen versucht. Und am heutigen Abend will ABC erst den Rest des Gespräches ausstrahlen.

Jede Menge neuer Munition für die Demokraten also.

Offiziell hatte Obamas Lager an 9/11 noch keine Reaktion. Damit, so hieß es, werde man aus Pietät für die Opfer bis heute warten. Ab 9/12 sei der Waffenstillstand aber vorbei: Obama werde "seine Angriffe auf McCain" unter anderem mit neuen TV-Spots verschärfen, ließen seine Strategen verlauten.

Inoffiziell sagten Demokraten, dass das Interview abgrundtief schlecht war angesichts ihrer Ausfälle und Zögerlichkeiten - Republikaner fanden es dagegen überraschend gut.

Und so steckte man schon wieder mittendrin im offensiven Wahlkampf.

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