Interview Kann Deutschland Moskau zum Frieden zwingen?

Seit Jahren führen Russland und tschetschenische Rebellen Krieg gegeneinander. Wie ließe sich der tödliche Kreislauf durchbrechen - und welche Konsequenzen ergeben sich aus dem Wahlergebnis der russischen Duma? SPIEGEL ONLINE sprach mit Tilman Zülch, Vorsitzender der Gesellschaft für bedrohte Völker.


SPIEGEL ONLINE:

Der Kreml wurde durch die Duma-Wahlen gestärkt. Wird das Auswirkungen auf den Krieg in Tschetschenien haben?

Schwere Vorwürfe an die Regierung Schröder: Tilman Zülch
DPA

Schwere Vorwürfe an die Regierung Schröder: Tilman Zülch

Zülch: Ich fürchte: Ja. Weil dieselben Leute, die diesen Angriff getragen haben, dies jetzt, ausgerüstet mit dem Vertrauen der Bevölkerung, weitermachen können. Es sei denn, der Krieg wäre ohnehin nur Mittel zum Zweck: Nämlich, die Wahl zu gewinnen.

SPIEGEL ONLINE: Warum unterstützt die russische Bevölkerung den Krieg?

Zülch: Zum einen gibt es in Moskau ohnehin einen Rassismus gegenüber Kaukasiern. Außerdem steht es materiell sehr schlecht. Das kompensieren viele Russen mit "Großmachtdenken" und "Weltgeltung". Und dann ist da Tschetschenien - ein kleines Land, von dem Überfälle und Entführungen ausgingen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Interessen verfolgt Moskau - treibt die Kriegsherren nur die Angst vor einem Zerfall des Reichs um?

Zülch: Die Angst ist da. Ich denke, dass auch das sehr große Engagement der Amerikaner in Sachen Öl in der ganzen Region eine Rolle spielt, dieses Herumexperimentieren mit allen möglichen Pipelines. Vor diesem Hintergrund wird die Angst der Russen, das Vorfeld im Kaukasus zu verlieren, noch verstärkt.

SPIEGEL ONLINE: Kommt dem Westen eine gewisse Instabilität in der Region gelegen?

Zülch: Wenn dies so wäre, hätte man die Tschetschenen konsequenter unterstützen müssen. Ich denke aber, dass die Erdölpolitik der Amerikaner die russische Seite provoziert. Weil diese immer noch, genauso wie im Baltikum, davon ausgeht: Das ist unsere Interessenssphäre.

SPIEGEL ONLINE: Internationale Organisationen, wie etwa die OSZE, werden von Moskau bei ihren Friedensmissionen vorgeführt. Darf sich die internationale Gemeinschaft diese Demonstration der Stärke auf Dauer gefallen lassen?

Erdöl im Kaukasus
DER SPIEGEL

Erdöl im Kaukasus

Zülch: Wir haben dasselbe in Bosnien und im Kosovo erlebt. Damals ist Milosevic mit den Emissären Schlitten gefahren. Nur, die Alternative eines militärischen Eingreifens gibt es in Tschetschenien nicht. Trotzdem stellt sich die Frage, wann man anfangen will, den Russen die Zähne zu zeigen und zu sagen: So einen Krieg zu führen und ein Volk, zumindest materiell, auszulöschen - das geht nicht. Dagegen setzen wir jetzt ein Zeichen.

SPIEGEL ONLINE: Wie bewerten Sie das Engagement der Bundesregierung?

Zülch: Es gab Zeiten, während des Kosovo-Krieges, da fühlten sich Herr Fischer und Herr Scharping an ganz böse Epochen deutscher Geschichte erinnert. 1994 bis 1996 haben sie gegen Kanzler Kohl und Außenminister Kinkel härteste Attacken geritten. Sie haben ihnen sogar vorgeworfen, dass sie durch ihre weiche Haltung für das, was damals in Tschetschenien passierte, Mitverantwortung trügen. Jetzt handeln Grüne und SPD nicht anders. Für uns ist das makaber.

SPIEGEL ONLINE: Was erwarten Sie von der Regierung Schröder?

Zülch: Dass sie die Kriegsverbrechen beim Namen nennt. Also nicht nur einmal "barbarisch" sagt, wie Herr Fischer, sondern richtig aufrechnet. Die Angriffe auf zivile Objekte, die Erschießungen, die Bombardements, das Umgehen mit den Flüchtlingen. Und dass man massiv dafür eintritt, in den geeigneten europäischen Gremien die Subventionen auszusetzen. Genauso wie die Zugehörigkeit Russlands im Europarat. Die muss so lange ruhen, wie Moskau diesen Krieg führt.

Das Interview führte Rita Kohlmaier



© SPIEGEL ONLINE 1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.