Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Interview mit Avi Primor: "Israel und Hamas brauchen einander"

Israels künftige Regierungskoalition aus Kadima und der Arbeitspartei steht vor der Frage, wie sie mit der radikalen Hamas umgehen soll. Der frühere Botschafter Israels in Deutschland, Avi Primor, erwartet schon bald Verhandlungen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Primor, die Kadima hat schlechter abgeschnitten als erwartet. Wie schwierig wird die Regierungsbildung?

Avi Primor, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland: Keine Alternative zur Hamas
DDP

Avi Primor, ehemaliger Botschafter Israels in Deutschland: Keine Alternative zur Hamas

Avi Primor: Nicht sehr schwer. Schwierig wäre es geworden, wenn das rechte Lager selbst eine Koalition hätte bilden können, oder eine Koalition von Kadima hätte verhindern können. Das rechte Lager ist aber geschwächt und zersplittert. Insofern steht die Koalition fest, weil man weiß, dass Kadima die Koalition mit der Arbeitspartei bilden wird. Hinzu kommen kleine Parteien, die Interesse haben, sich der Koalition anzuschließen. Und deshalb glaube ich, dass wir ziemlich schnell eine Koalition haben werden, und zwar in den kommenden 42 Tagen. Der Haushalt ist noch nicht verabschiedet, und wenn das in diesen 42 Tagen nicht passiert, muss es Neuwahlen geben.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird die neue Regierung mit der Hamas umgehen? Premierminister Olmert, sagte, er sei zu Zugeständnissen bereit.

Primor: Während des Wahlkampfes haben Spitzenpolitiker aus allen Parteien – rechts wie links – gesagt, wir werden mit der Hamas nie sprechen. In seiner Siegesrede heute Nacht hat Olmert anders gesprochen: Anstatt zu wiederholen, wir werden uns einseitig und nur einseitig aus den besetzten Gebieten zurückziehen, hat er unter Druck der Arbeitspartei gesagt, wir wollen mit den Palästinensern verhandeln. Wir wollen einen Friedensprozess im Einklang mit den Palästinensern.

SPIEGEL ONLINE: Was sind die Bedingungen für Verhandlungen mit der Hamas?

Primor: Da muss man unterscheiden: Die offiziellen Bedingungen sind die, dass die Hamas auf ihre Ideologie verzichtet, Israel zu vernichten, dass sie den Staat Israel anerkennt und dass sie auf Terror verzichtet und ihn bekämpft. Ich glaube aber nicht, dass die Hamas in der Lage ist, sich sofort selbst zu verleugnen. Genau so wie wir nicht offiziell sagen werden, dass wir mit der Hamas verhandeln werden. Aber man erwartet von der Hamas in der Tat, dass sie Israel als Verhandlungspartner akzeptiert, wenn sie das auch nicht offiziell erklärt. Dazu kommt, dass sie die anderen extremistischen Gruppen eindämmt, die immer noch Terror ausüben.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn die Hamas Israel auch auf lange Sicht nicht anerkennt?

Primor: Dann verschwindet die Hamas-Bewegung. Sie weiß, dass sie nicht aus ideologischen Gründen gewählt wurde, sondern aus Not. Die palästinensische Bevölkerung erwartet von der Hamas eine sofortige Verbesserung der sehr düsteren Lebensbedingungen. Das kann die Hamas nicht ohne Kooperation mit Israel, weil wir alles kontrollieren, vom Luftraum bis zur Wasserversorgung. Aus Not und Pragmatismus brauchen wir einander, die Hamas uns und wir die Hamas. Und deshalb glaube ich, dass – zunächst hinter den Kulissen – Verhandlungen beginnen werden. Allmählich werden sie dann einen offiziellen Charakter bekommen.

SPIEGEL ONLINE: Premier Olmert hat vor der Wahl davon gesprochen, die Grenzen Israels einseitig festzulegen...

Primor: Anders als während des Wahlkampfes hat er gestern Abend davon gesprochen alles Mögliche zu tun, um mit den Palästinensern zu verhandeln. Darauf wird sein Partner, die Arbeitspartei auch bestehen. Aber sollte das wirklich nicht klappen, wird jedermann sagen, besser das Ende der Besatzung ohne Verhandlungen als deren Fortsetzung.

Die Fragen stellte Karl Doeleke

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: