SPIEGEL: Viele Meinungsumfragen belegen, dass US-Bürger ihren völlig zerstrittenen Politikern nicht nur misstrauen, sondern sie geradezu verachten. Wie können demokratische Politiker unter diesen Umständen eigentlich noch arbeiten?
Gergen: So schlimm war die Lage wahrscheinlich noch nie. Unser Land hat viele Epochen erlebt, in denen es tief zerstritten war, denken Sie nur an die Jahre des Bürgerkriegs. Aber selten war Amerika so gelähmt. Ich habe für Richard Nixon gearbeitet, einen der umstrittensten Präsidenten aller Zeiten. Doch selbst während seiner Amtszeit konnten sich Politiker in Washington auf gemeinsame Vorhaben einigen.
SPIEGEL: Dabei wäre angesichts von Schuldenkrise und schwächelnder Wirtschaft eine Einigung notwendiger denn je.
Gergen: Richtig, der Dauerstreit in Washington schadet schließlich schon unserer Volkswirtschaft. Als die Kongressmitglieder sich im August 2011 wochenlang nicht auf eine Anhebung der Schuldengrenze einigen konnten, sank der Konsumklima-Index so stark, dass dies den ohnehin zögerlichen Wiederaufschwung gründlich abgeschwächt hat.
SPIEGEL: Ist es nicht eher umgekehrt? Treibt nicht die Wirtschaftskrise Amerikas Polarisierung immer weiter auf die Spitze. Millionen Amerikaner müssen um ihre Zukunft bangen.
Gergen: Das stimmt. Die Löhne der Mittelklasse stagnieren seit den siebziger Jahren, im vergangenen Jahrzehnt wurde bei uns kein einziger Job zusätzlich geschaffen. Aber das ist nicht der einzige Grund für die Spaltung in Washington. Ich glaube, auch Amerikas Medien tragen eine große Mitschuld.
SPIEGEL: Natürlich, im Zweifel sinds immer die Medien.
Gergen: Nehmen Sie doch die Talkshows im Fernsehen. Da ruft der Produzent an, um den Ablauf einer Sendung zu besprechen und wenn die eingeladenen Politiker sagen, sie wollten gemäßigte Ansichten vertreten, kommt einen Tag später der Rückruf: "Sorry, wir haben jemand anderen gebucht."
SPIEGEL: Es können also nur noch die Krawallmacher an den Rändern des ideologischen Spektrums durchdringen?
Gergen: Das ist doch an unseren Fernsehsendern abzulesen: Der einstige Marktführer CNN ist zurückgefallen, weil er neutral zu bleiben versucht während Sender wie Fox News nach rechts rückten oder MSNBC nach links. Bei unseren Zeitungen und Magazinen sieht es ähnlich aus, und im Internet sowieso.
SPIEGEL: Wir Europäer kennen Medien mit deutlichen Präferenzen für eine politische Richtung seit vielen Jahren. Warum hat eine solche Parteinahme dem Diskurs in Amerika so viel mehr geschadet?
Gergen: Weil wir in den USA schon die nächste Stufe erleben: Viele Konsumenten setzen sich anderen Meinungen gar nicht mehr aus, sie blenden sie komplett aus. So nehmen sie die Realität verzerrt wahr. Rechte Amerikaner sehen Fox News und halten Obama für einen wirtschaftsfeindlichen Sozialisten. Die Linken wiederum glauben, er sei viel zu nachgiebig gegenüber den Wall-Street-Bossen.
SPIEGEL: Tragen Sie nicht Mitschuld an dieser Entwicklung? Als Kommunikationsdirektor von Ronald Reagan setzten sie neue Maßstäbe in der Kunst, allen Aktivitäten des Weißen Hauses einen besonderen Dreh, den "Spin", zu geben, um so die Botschaft des Präsidenten möglichst wirksam und parteiisch zu verbreiten. So begann die Polarisierung der US-Politik.
Gergen: Ich weiß. Den Siegeszug des modernen Spin habe ich mit verantwortet. Als Reagan 1980 gewählt wurde, hatte es eine lange Reihe von Präsidenten gegeben, die keine erfolgreiche Bilanz vorzuweisen hatten: Lyndon B. Johnson scheiterte an Vietnam, Richard Nixon stürzte über Watergate, Gerald Ford und Jimmy Carter wurden abgewählt. Das Land glaubte, Präsidenten hätten gar keine Macht mehr und damit auch Amerika nicht. Wir wollten den Präsidenten wieder als starken Entscheider darstellen und dafür versuchten wir, die Bürger auf aggressive Weise zu erreichen. Das können Sie ruhig Spin nennen.
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