Interview mit dem saudischen Außenminister "Ich bin dafür, dass Frauen Auto fahren"

Wer wird nach dem Tod von Saudi-Arabiens König Fahd sein Nachfolger? SPIEGEL ONLINE sprach mit Außenminister Saud al-Feisal über den Konflikt zwischen Reformern und Traditionalisten und die Rechte der Frau.


Saud al Feisal: Seit 1975 Außenminister von Saudi-Arabien
AFP

Saud al Feisal: Seit 1975 Außenminister von Saudi-Arabien

SPIEGEL ONLINE

: Königliche Hoheit, als die Nachricht von König Fahds schwerer Erkrankung bekannt wurde, fiel der Börsenindex von Riad um mehr als fünf Prozent, weltweit werden die Bulletins aus dem Krankenhaus mit Sorge verfolgt. Steht das Königreich vor einer Phase der Instabilität?

Saud al-Feisal: Der Aktienindex ist kein zuverlässiger Indikator für die politische Stabilität unseres Landes. Er steigt und fällt genauso deutlich, wenn auch nur der Ölpreis sich ändert. Die Ärzte sind mit der gesundheitlichen Entwicklung des Königs zufrieden. Er wird das Krankenhaus in den nächsten Tagen verlassen. Im Übrigen ist die Nachfolge geregelt. Jedermann weiß, wer der nächste König von Saudi-Arabien sein wird.

SPIEGEL ONLINE: Kronprinz Abdullah wird König Fahds Nachfolge antreten, danach werden aber auch Sie selbst als möglicher Erbe gehandelt - und zwar als der Favorit Washingtons.

Saud al-Feisal: Wer das ernsthaft behauptet, hat wenig Einsicht in die politischen Verhältnisse im Nahen Osten.

SPIEGEL ONLINE: Das Königreich schiebt seit dem 11. September einen Berg dringend notwendiger Reformen vor sich her. Warum geht es so zäh voran, warum tun sich die Reformer so schwer?

Saud al-Feisal: Saudi-Arabien verändert sich in rasender Geschwindigkeit, aber wir können uns keine Experimente erlauben. Das oberste Ziel der Regierung ist es, den inneren Zusammenhalt unseres Landes zu festigen. Auch die westlichen Demokratien haben sich nicht innerhalb weniger Jahre entwickelt. Es hat Jahrhunderte gedauert, bis etwa in Großbritannien Frauen das Wahlrecht erhalten haben.

König Fahd im Rollstuhl
DPA

König Fahd im Rollstuhl

SPIEGEL ONLINE: Der Staatsgründer Abd al-Asis Ibn Saud und Ihr Vater, König Feisal, haben gegen den Widerstand der Konservativen Mädchenschulen eingeführt, das Telefon, das Fernsehen. Heute ist die Regierung nicht einmal in der Lage, Frauen das Autofahren zu erlauben.

Saud al-Feisal: Es war in den fünfziger oder sechziger Jahren aber auch einfacher, das Telefon oder den Telegrafen einzuführen als heute eine Fahrerlaubnis für Frauen durchzusetzen. Denn das ist eine kulturelle, eine gesellschaftliche Frage, bei der man tief sitzende Widerstände überwinden muss.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie persönlich für oder gegen die Frau am Steuer?

Saud al-Feisal: Ich bin dafür - nicht nur aus philosophischen und politischen Erwägungen, sondern auch aus praktischen Gründen. Das ist keine religiöse Frage. Nirgendwo im Koran steht geschrieben, dass Frauen nicht Auto fahren dürfen. Wir haben im Übrigen noch viel wichtigere Rechte der Frau zu verwirklichen: das Wahlrecht zum Beispiel oder ihr Recht, den Beruf ihrer Wahl zu ergreifen. Auch gegen diese Reformen gibt es keinerlei Widerspruch, der sich aus dem Koran herleiten ließe.

SPIEGEL ONLINE: Religiöse Richter haben Mitte Mai drei saudische Intellektuelle zu sechs, sieben und neun Jahren Haft verurteilt, weil sie verlangt haben, Saudi-Arabien in eine konstitutionelle Monarchie umzuwandeln. Menschenrechtler sind entsetzt.

Saud al-Feisal: Ich kann mich zu den Richtern nicht im Einzelnen äußern, doch es hat mich in der Tat beunruhigt, dass die Menschenrechtsbeobachter dieses Verfahrens aus dem Gerichtssaal verwiesen wurden. Der Staatsanwalt, der die Regierung vertrat, hatte dafür plädiert, sie als Beobachter zuzulassen.

SPIEGEL ONLINE: Zeigt das nicht deutlich, dass heute die religiösen Autoritäten in Saudi-Arabien das letzte Wort haben?

Saud al-Feisal: Die Macht der Religion ist für uns keine negative Macht; sie ist, wie Kronprinz Abdullah immer wieder betont, eine Kraft, die wir nutzen müssen, um unsere Gesellschaft zusammenzuhalten. Womit wir ein Problem haben, ist der Tatbestand des Takfir - also die Tendenz, Andersdenkende als Ketzer, als Apostaten zu verleumden ...

SPIEGEL ONLINE: ... und damit zum Heiligen Krieg gegen sie aufzurufen. Zwischen 2000 und 3000 saudi-arabische Staatsbürger halten sich derzeit im Irak auf und kämpfen dort für den Dschihad. Beunruhigt Sie das?

Saud al-Feisal: Das beunruhigt uns sehr, und wir tun unser Bestes, die Rekrutierung zu unterbinden und die Geldquellen dieser Leute trockenzulegen. Unsere Grenze zum Irak ist gesichert, und die irakische Regierung hat uns jetzt zugesagt, Listen saudischer Staatsbürger in ihrem Land auszuhändigen. Das ist sehr gut, denn sobald wir wissen, dass wir es mit einem unserer Bürger zu tun haben, können wir helfen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt es überhaupt, dass so viele junge Saudi-Araber ihrer Heimat den Rücken kehren und als Mudschahidin ins Ausland gehen?

Saud al-Feisal: Es hängt mit den Bildern zusammen, die sie tagtäglich aus dem Irak und aus Palästina sehen. Sie nehmen das, was sie dort sehen, als einen ungerechten Krieg gegen die Muslime wahr. Und das Prinzip der Gerechtigkeit hat in diesem Teil der Welt eine fundamentale Bedeutung. Wenn ein Saudi-Araber spürt, dass er gerecht behandelt wird, nach den gleichen Maßstäben, die auch für alle andere gelten, wird er das immer akzeptieren. Wenn Sie ihm jedoch Unrecht zufügen, wird er Sie bis zum Tode bekämpfen. Gegen den Terrorismus dieser Tage kann man nicht nur militärisch vorgehen, die Probleme im Irak und in Palästina sind uns aufgedrängt worden. Man muss sie politisch lösen.

SPIEGEL ONLINE: Schon vor 23 Jahren hat König Fahd Israel einen Friedensplan für den Palästina-Konflikt vorgeschlagen. Daraus ist bis heute nichts geworden.

Saud al-Feisal: Der Friede wird nicht kommen, solange nicht beide Konfliktparteien aufeinander zu gehen. Da, wo wir heute stehen, ist eindeutig Israel am Zug.

SPIEGEL ONLINE: Israel wird sich nun aus dem Gaza-Streifen zurückziehen.

Saud al-Feisal: Das könnte ein guter erster Schritt sein, wenn ihm weitere folgen. Doch es wird nicht reichen, solange nicht auch die anderen Probleme gelöst werden - vor allem die israelischen Siedlungen im Westjordanland.

Das Interview führten Volkhard Windfuhr und Bernhard Zand



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