Interview mit Drohnen-Pilot: "Das ist kein Videospiel"
US-Major Bryan Callahan sitzt vor einem Monitor in den USA, sein Flugzeug aber kreist über Afghanistan - eine todbringende Drohne. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht er über den täglichen Krieg im Schichtdienst und den Stress beim Fernflug.
SPIEGEL ONLINE: Major Callahan, Sie haben früher F-16-Kampfjets geflogen. Jetzt steuern sie Drohnen. Wo liegen die Unterschiede?
Callahan: Bei bemannten Flugzeugen erscheint man zum Dienst, bekommt seine Anweisungen, geht in die Luft, führt die Mission aus, landet und geht anschließend in die Lagebesprechung. Als Drohnen-Pilot gehe ich zur Arbeit und tippe einem Typ auf die Schulter. Er sagt mir kurz, was los ist. Ich übernehme dann den Flug. Und ein paar Stunden später tippt mir jemand auf die Schulter und löst mich ab. Das ist schon ein großer Unterschied. Man braucht eine Weile, um sich daran zu gewöhnen.
SPIEGEL ONLINE: Welcher Job ist schwieriger?
Callahan: Beide haben ihre Herausforderungen. Eine F-16 ist ein hochkompliziertes Fluggerät, und als Pilot bin ich für eine Menge Waffen und Sensoren verantwortlich. Ich hebe ab, und eine Stunde später bin ich wieder am Boden. Beim Steuern einer Drohne kann es sein, dass ich wochenlang mit einer einzigen Operation beschäftigt bin. Das erfordert viel Koordination, viele Stellen sind beteiligt, die Arbeit ist viel vernetzter. Eine Drohne ist außerdem nicht so kompliziert und robust wie eine F-16. Hinzu kommt die Verzögerung durch die Computersteuerung. Ich kann auch nicht einfach aus dem Fenster gucken, um mich zu orientieren. Das ist eine geistige Herausforderung.
SPIEGEL ONLINE: Und nach dem Kampfeinsatz gehen Sie einfach nach Hause…
Callahan: Morgens fahre ich mit der Fahrgemeinschaft oder dem Bus zur Arbeit, ich fliege eine Acht-Stunden-Schicht, und dann geht es wieder heimwärts.
SPIEGEL ONLINE: Ist das nicht eine bizarre Umstellung, jeden Tag vom Krieg zum Frieden?
Callahan: Ja, das ist bei vielen Familien ein Thema. Als F-16-Pilot ist man rund um die Uhr im Krieg. Und wenn du zu Hause bist, dann bist du auch zu Hause. Das ist jetzt anders. Ich lese morgens meine E-Mails, hetze zum Einsatz. Dann bin ich fertig, gehe in den Laden, hole mir einen Hamburger, lese noch ein paar E-Mails und fahre heim. Das ist schon eine Umstellung.
SPIEGEL ONLINE: Wie werden Sie damit fertig?
Callahan: Piloten können ihre verschiedenen Lebensbereiche ganz gut voneinander trennen. Das bringt man uns früh und oft bei. Du musst die Sachen wegstecken. Darin sind wir ziemlich gut.
SPIEGEL ONLINE: Was genau muss man wegstecken?
Callahan: Das Drohnenfliegen stresst - aber auf andere Art und Weise als bemannte Einsätze. Bei einer F-16 hast du eine Stunde lang einen durchgehenden Adrenalinrausch, es geht um dein persönliches Überleben. Bei der Drohne hast du einen "slow burn", ein langsames Abbrennen des Adrenalins. Trotzdem bist du ziemlich engagiert bei der Sache. Der Einsatz geht einem näher, als man denkt. Auch wenn ich Tausende Kilometer entfernt vom Einsatzort sitze.
SPIEGEL ONLINE: Können Sie das genauer erläutern?
Callahan: Meine Aufgabe ist es, die Kameraden am Boden zu beschützen. Ich versuche, den Jungs zu helfen. Es gibt aber Fälle, da kann ich nicht direkt eingreifen. Es kann sein, dass ich mich hilflos fühle.
SPIEGEL ONLINE: Macht es einen Unterschied, wenn man den Einsatz sicher in einem klimatisierte Raum erlebt?
Callahan: Es klingt komisch, aber die Entfernung und die Sicherheit ärgern einen sogar etwas. Die anderen Jungs am Boden sind verwundbar, und das ist für mich immer noch eine ehrenwerte Sache. Ich habe das Gefühl, ich mogle mich da um etwas herum. Manchmal habe ich das Gefühl, ich lasse sie im Stich.
SPIEGEL ONLINE: Was sind die Vorteile von Drohnen?
Callahan: Da gibt es viele. Ich kann dem Kommandeur am Boden Zeit geben, sich zu überlegen, was er tun will. Mit einer F-16 habe ich nur 30 bis 45 Minuten, und der Kommandeur hat womöglich nur ein eingeschränktes Bild. Mit einer MQ-9-Drohne kann ich den Zeitraum auf bis zu vier Stunden dehnen. Ich brauche meine Ziele nicht sofort zu zerstören. Ich kann sie beobachten, ich kann sehen, wer seine Verbündeten sind. Wenn die Zeit zum Zuschlagen kommt, kann ich alles treffen.
SPIEGEL ONLINE: Wer entscheidet über die Ziele?
Callahan: Das kommt auf die Mission an. Meistens ist es der Kommandeur am Boden, der die letzte Entscheidung trifft.
SPIEGEL ONLINE: Es gibt also keine spezifischen menschlichen Ziele, die hier in den USA identifiziert werden?
Callahan: Es ist nicht wirklich unsere Verfahrensweise, nach einer spezifischen Person zu suchen. Unser wichtigstes Ziel ist es, unsere Leute am Boden zu schützen.
SPIEGEL ONLINE: Werden Drohnen eines Tages auch die Bodentruppen ersetzen?
Callahan: Das glaube ich nicht. Das ist ein völlig anderer Bereich der nationalen Sicherheit.
SPIEGEL ONLINE: Aber Drohnen werden immer wichtiger.
Callahan: Das stimmt. Der Drohnen-Einsatz gehört für uns mittlerweile zum Alltag. Am Anfang dachten wir: Okay, versuchen wir das mal. Und dann wuchs das Programm. Geräte vom Typ Predator oder Reaper sind inzwischen gängige Waffensysteme. Im Krieg gegen den Terror haben Drohnen unschätzbare Vorteile. Ihre Schwächen sind im Moment nicht das Problem - was sich in künftigen Konflikten ändern könnte.
SPIEGEL ONLINE: Welche Schwächen meinen Sie?
Callahan: In einer F-16 bin ich direkt beteiligt. Ich kann eine Situation innerhalb von zwei Sekunden erfassen. In einer Drohne kann ich nicht einfach aus dem Fenster gucken. Ich muss mich auf Landkarten im Computer verlassen. Der Rundumblick ist eingeschränkt.
SPIEGEL ONLINE: Kritiker bemängeln, Drohnen inszenieren den Krieg als Videospiel.
Callahan: Das mag für Außenstehende so aussehen. Aber das ist bei weitem kein Videospiel. Es können Menschen sterben. Egal ob der Angriff mit einer F-16 oder einer Predator-Drohne erfolgt.
Das Interview führte Marc Pitzke, New York
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- Mittwoch, 10.03.2010 – 11:55 Uhr
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Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: rund 4.5 Millionen Dollar
Bewaffnung: zwei Luft-Boden-Raketen "AGM-114 Hellfire"
Maße: 8,23 m lang, 14,84 m Flügelspannweite
Reichweite: 3704 km
Flughöhe: max. 7620 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
Hersteller: General Atomics Aeronautical Systems
Stückpreis: 10,5 Millionen Dollar
Bewaffnung: bis zu 1361 kg
(z.B. Raketen der Typen "AGM-114 Hellfire" und "AIM-9 Sidewinder" oder Bomben der Typen "GBU-12 Paveway II" und "GBU-38 DAM")
Maße: 10,97 m lang, 20,12 m Flügelspannweite
Reichweite: 5926 km
Flughöhe: max. 15.400 m
Steuerung: Fernsteuerung durch einen Piloten
Hersteller: AAI Corporation
Stückpreis: 275.000 Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 3,4 m lang, 3,9 m Flügelspannweite
Reichweite: 125 km
Flughöhe: max. 4600 m
Steuerung: autonom, mit GPS
Hersteller: Northrop Grumman
Stückpreis: 35 Millionen Dollar
Bewaffnung: keine
Maße: 13,53 m lang, 35,42 m Flügelspannweite (RQ-4A) bzw. 14,50 m lang, 39,89 m Flügelspannweite (RQ-4B)
Reichweite: 25.000 km (RQ-4A) bzw. 22.780 km (RQ-4B)
Flughöhe: max. 19.800 m
Steuerung: autonom, mit GPS
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