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Interview mit EU-Kommissar Verheugen "Die EU ist kein Global Player"

Scheidender EU-Kommissar Günter Verheugen: "Mehr Schein als Sein"Zur Großansicht
dpa

Scheidender EU-Kommissar Günter Verheugen: "Mehr Schein als Sein"

3. Teil: "Die Türkei gehört zur Familie westlicher Demokratien"

SPIEGEL ONLINE: Aber warum ist es kurzsichtig, das territoriale Wachstum der Gemeinschaft zumindest zu verlangsamen, um erst einmal die vorhandenen Probleme zu lösen, ehe neue auftauchen?

Verheugen: Es ist kurzsichtig, weil das eigentliche Argument ja lautet: Die sind zu arm. Wir wollen die nicht haben, weil wir die dann durchfüttern müssen. In völliger Verkehrung der Tatsache, dass alle großen Erweiterungen, die wir bisher hatten, eine Erweiterung um Länder waren, die in der Wirtschaftsleistung deutlich zurücklagen, und die dann durch die Mitgliedschaft aufgeholt und insgesamt für Wachstum und Beschäftigung, gerade auch in Deutschland, gesorgt haben.

SPIEGEL ONLINE: Nichts hat dem Ruf der EU so sehr geschadet wie der Beitritt von Rumänien und Bulgarien.

Verheugen: Das weiß ich. Wenn ich gefragt würde, in welchem Land der Union die Mafia am gefährlichsten ist, würden mir nicht an erster Stelle Bulgarien und Rumänien einfallen. Sicher jedenfalls ist, dass der demokratische Reifeprozess, der dort noch notwendig ist, außerhalb der Union nicht gefördert würde.

SPIEGEL ONLINE: Was aber immer noch kein Argument für die Erweiterung ist.

Verheugen: Auf der Tagesordnung stehen die Balkanstaaten und die Türkei. Die Balkanländer haben seit 1999 ein Beitrittsversprechen. Das war ein Deal: Ihr kriegt eine Beitrittsperspektive und sorgt dafür bei Euch für Stabilität. Das hat recht und schlecht geklappt, zeitweise eher schlecht. Jetzt in einigen Ländern etwas besser. Andere, insbesondere Bosnien Herzegowina, sind ein, wie ich finde, kaum lösbares Problem. Die wollen einfach nicht in einem Staat zusammenleben, wohl aber in einem vereinten Europa. Dieser explosive Teil Europas kann nur in der EU dauerhaft stabilisiert werden kann.

SPIEGEL ONLINE: Und die Türkei kann demnach nur in der EU europäisiert werden?

Verheugen: Davon bin ich überzeugt, wenn damit Demokratie und Rechtsstaatlichkeit gemeint sind. Es ist in unserem Interesse, dass die Türkei zu uns, zur Familie westlicher Demokratien, gehört. Eine der großen Fragen im 21. Jahrhundert wird sein, wie sich das Verhältnis zwischen dem Westen und der islamischen Welt gestalten wird. Und da macht es einen großen Unterschied, ob ein Land von der Größe und der Bedeutung der Türkei in der Europäischen Union ist oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Entfernen die Türken sich derzeit nicht eher von dieser westlichen Wertegemeinschaft?

Verheugen: Temporär sieht es so aus. Wir sind gemeinsam in einer Art Teufelskreis gefangen. Die negativen Signale aus Europa verändern die Richtung der türkischen Politik. Diese Veränderung wird von denjenigen, die die negativen Signale auslösen, als Bestätigung ihrer Vorbehalte ausgelegt.

SPIEGEL ONLINE: Wie weit wollen Sie denn noch expandieren? Nach dem Balkan und der Türkei europäisieren wir die Ukraine und Weißrussland?

Verheugen: Die Regel heißt, dass eine europäische Nation, die die Bedingungen erfüllt, sich um die Mitgliedschaft bewerben kann. Aber es wäre unsinnig, jetzt über den Beitritt von Weißrussland oder der Ukraine zu reden. Das steht nicht auf der Tagesordnung. Aber nicht zu vergessen: beide Länder sind - zum Beispiel energiepolitisch - wichtig für uns.

SPIEGEL ONLINE: Mit dem Argument sind Sie auf der Suche nach neuen EU-Mitgliedern bald in Sibirien.

Verheugen: Ich suche keine neuen Mitglieder und bin gegen eine forcierte Erweiterungspolitik über die gemachten Zusagen hinaus. Aber ich halte es für realistisch, an einen gesamteuropäischen Wirtschaftsraum zu denken, ein Binnenmarkt also, der den ganzen Kontinent umfasst und die Mittelmeer-Nachbarn auch.

SPIEGEL ONLINE: Jetzt wollen Sie uns so richtig Angst machen?

Verheugen: Im Gegenteil, ich denke an ihre Zukunft. Wir stehen ja schon in direkter Konkurrenz mit Wirtschaftsräumen wie China und Indien, dazu kommt zügig Lateinamerika. Sie alle sind sehr viel größer als wir und wachsen dramatisch weiter. Wenn wir da konkurrenzfähig sein wollen, brauchen wir einen größeren europäischen Markt.

SPIEGEL ONLINE: Mit Russland?

Verheugen: Unbedingt.

SPIEGEL ONLINE: Es hat fast zehn Jahre gedauert, den Lissabon-Vertrag durchzusetzen. Wie lange benötigt dann wohl ein solches Europa vom Atlantik zum Pazifik?

Verheugen: Im Prinzip ist das mit der europäischen Nachbarschaftspolitik so beschlossen. Es ist bereits ein Politikziel der EU. Das wird eine der großen Herausforderungen für Europas künftiges Führungsteam, für Kommissionspräsident Barroso, für Frau Ashton als Europas außenpolitische Stimme und selbstverständlich auch für den Präsidenten des Europäischen Rates, Van Rompuy.

SPIEGEL ONLINE: Entschuldigen Sie, das klingt nun schon beinahe zynisch. Brauchen solche Visionen nicht deutlich profilierteres Führungspersonal?

Verheugen: Wir haben das Führungspersonal bekommen, auf das sich die Regierungen der Mitgliedstaaten im Augenblick einigen konnten. Und wenn Sie daran was auszusetzen haben, muss ich Sie bitten, sich an Frau Merkel zu wenden oder Herrn Brown oder Herrn Sarkozy, aber bitte nicht an mich. Jetzt müssen wir ihnen alle eine faire Chance geben. Darauf kommt es an.

Das Interview führten Hans Hoyng und Hans-Jürgen Schlamp

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insgesamt 68 Beiträge
unterländer 08.02.2010
Kein Wunder, dass wir Deutschen europamüde sind, wenn unser Vertreter dort eine solche Mischung aus Ignoranz und Chuzpe 10 Jahre lang hat betreiben dürfen. Der Typ hat nicht einen einzigen Kritikpunkt, den die Interviewer ihm [...]
Zitat von sysopDie EU bekommt eine neue Kommission, Günter Verheugen wird der Runde nach zehn Jahren nicht mehr angehören. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE zieht der scheidende Industriekommissar schonungslos Bilanz - und warnt die Staatengemeinschaft vor Dauerstreit und Bedeutungsverlust. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,676465,00.html
Kein Wunder, dass wir Deutschen europamüde sind, wenn unser Vertreter dort eine solche Mischung aus Ignoranz und Chuzpe 10 Jahre lang hat betreiben dürfen. Der Typ hat nicht einen einzigen Kritikpunkt, den die Interviewer ihm vorgelegt haben, wirklich Ernst genommen. Ständig hat er den Eindruck erweckt, Europakritiker seien lediglich aus Unwissenheit eben solche. Und? Muss man über die gesamte Intention des europäischen Gedankens informiert sein, um einzelne Punkte, wie z.B. die Regelungswut der Eurokraten, zum ....... zu finden? Nee, nee, ist schon gut, dass der geht.
Baikal 08.02.2010
Herr Rompelpompel und Frau Aschtonne - nichts zeigt deutlicher, wie sehr die EU nur zu einer hochdotierten Auslagerungsstätte alternder oder unbedingt zu versorgender Politiker geworden ist. Verheugen hat so gut wie nichts [...]
Zitat von sysopDie EU bekommt eine neue Kommission, Günter Verheugen wird der Runde nach zehn Jahren nicht mehr angehören. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE zieht der scheidende Industriekommissar schonungslos Bilanz - und warnt die Staatengemeinschaft vor Dauerstreit und Bedeutungsverlust. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,676465,00.html
Herr Rompelpompel und Frau Aschtonne - nichts zeigt deutlicher, wie sehr die EU nur zu einer hochdotierten Auslagerungsstätte alternder oder unbedingt zu versorgender Politiker geworden ist. Verheugen hat so gut wie nichts bewegt, aber immer den Mund voller genommen als er selbst schlucken konnte. Diese EU ist entbehrlich, der kommende Crash des Euros zeigt daß nur politische Phantasien eine Rolle spielten, nie aber der Wille zur Gestaltung zum Wohle der Wähler. So gesehen fehlen nur noch Merkel und Schwester Welle in Brüssel.
Sponator 08.02.2010
Vielleicht sollte man gleich die ganze Welt in die EU aufnehmen. Stabilität, Demokratie und ökologische Duschköpfe für alle!
Vielleicht sollte man gleich die ganze Welt in die EU aufnehmen. Stabilität, Demokratie und ökologische Duschköpfe für alle!
idealist100 08.02.2010
Die EU ist ein nicht demokratisches Geflecht welches dem Turbokapitalismus frönt und von > 50% der Bürger nicht aktzeptiert wird und mit den Egoismen der einzelnen Staaten zum scheitern verurteilt ist. Er beruht auf [...]
Zitat von sysopDie EU bekommt eine neue Kommission, Günter Verheugen wird der Runde nach zehn Jahren nicht mehr angehören. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE zieht der scheidende Industriekommissar schonungslos Bilanz - und warnt die Staatengemeinschaft vor Dauerstreit und Bedeutungsverlust. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,676465,00.html
Die EU ist ein nicht demokratisches Geflecht welches dem Turbokapitalismus frönt und von > 50% der Bürger nicht aktzeptiert wird und mit den Egoismen der einzelnen Staaten zum scheitern verurteilt ist. Er beruht auf Geldverschwendungssucht genauso wie die einzelnen Staaten aus reinem Machtgehabe derer die darin ihr Wohl sehen.
NotX-Lated 08.02.2010
Ich stimme Verheugen vollkommen zu. Wir brauchen etwas weniger kurzsichtigen Egoismus und etwas weniger Pessimismus, gerade auch in der Berichterstattung. Leider suhlen wir uns im Erzählen von Negativgeschichten und der Angst vor [...]
Ich stimme Verheugen vollkommen zu. Wir brauchen etwas weniger kurzsichtigen Egoismus und etwas weniger Pessimismus, gerade auch in der Berichterstattung. Leider suhlen wir uns im Erzählen von Negativgeschichten und der Angst vor anderen Menschen.
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Zur Person Günter Verheugen
ddp
Günter Verheugen, 65, war zehn Jahre Mitglied der EU-Kommission. In seiner ersten Amtszeit war er zuständig für die Erweiterung der Europäischen Union, damals wurde ein großer Teil der osteuropäischen Länder aufgenommen - Verheugen bezeichnete dies als einen politischen Höhepunkt seines Lebens. Ab 2004 war er Industriekommissar und Vizepräsident der Kommission. Verheugen ist Mitglied der SPD und übte lange Jahre wichtige Parteiämter wie das des Bundesgeschäftsführers und des außenpolitischen Koordinators aus. Mehr zu Günter Verheugen auf der Themenseite...

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José Manuel Barroso , Portugal, Präsident der EU-Kommission

Vertrag von Lissabon
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Um mehr Kontinuität in die Arbeit der EU zu bringen, wird die Europäische Union künftig einen ständigen Ratspräsidenten haben. Er soll zweieinhalb Jahre den Europäischen Rat leiten. Zusätzlich gibt es weiterhin eine alle sechs Monate unter den Staaten rotierende Präsidentschaft.




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