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Interview mit Fatah-Führer Frangi: "Die israelische Bedrohung schmiedet zusammen"

Abdallah Frangi, höchster Fatah-Funktionär in Gaza, hat maßgeblich an der palästinensischen Einigung über eine Zweistaatenlösung mitgewirkt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE sagt er, damit erkenne die Hamas Israel an, das Verhältnis zwischen Hamas und Fatah werde entgiftet.

SPIEGEL ONLINE: Herr Frangi, Hamas und Fatah haben sich auf eine Zweistaatenlösung geeinigt. Diese sieht die Gründung eines palästinensischen Staates in Koexistenz mit Israel vor. Hat die radikal-islamistische Hamas den Staat Israel damit anerkannt?

Frangi: De facto ist das eine Anerkennung, auch wenn die Hamas dies nicht ausgesprochen hat. Ziel des Dokuments ist es, die Hamas politisch in die Verantwortung zu nehmen.

Frangi: "Verhältnis entgiftet"
DPA

Frangi: "Verhältnis entgiftet"

SPIEGEL ONLINE: Ist das von Präsident Abbas geforderte Referendum, mit dem er die Hamas zur Anerkennung Israels zwingen wollte, damit überflüssig?

Frangi: Ich glaube, es wird zu keinem Referendum mehr kommen. Es ist in der Tat überflüssig geworden.

SPIEGEL ONLINE: Israel marschiert mit schweren Waffen vor dem Gaza-Streifen auf. Ist die Einigung ein taktischer Schachzug, um Israel von einer möglicherweise bevorstehenden Besetzung des Gaza-Streifens abzuhalten?

Frangi: Die Gespräche zwischen Hamas und Fatah laufen bereits seit mehr als einer Woche mit dem Ziel, die Isolierung der Palästinenser zu beenden. Der Aufmarsch der Israelis am Gaza-Streifen spielte dabei nur am Rande eine Rolle. Natürlich schmiedet die israelische Bedrohung zusammen.

SPIEGEL ONLINE: Steht eine Besetzung des Gaza-Streifens durch die israelische Armee unmittelbar bevor?

Frangi: Es sieht nach einem kurzen, heftigen Angriff aus. Es wird auf Seiten der Palästinenser zu großen Verlusten kommen. Wir sind den Israelis militärisch unterlegen.

SPIEGEL ONLINE: Wird sich mit der erzielten Einigung zwischen Fatah und Hamas auch der gewaltsame Konflikt zwischen beiden Parteien legen, der in den letzten Wochen im Kampf um die Kontrolle der Sicherheitsorgane und um ausbleibende Gehälter immer stärker wurde?

Frangi: Die Unterzeichnung des Einigungsdokuments wird sicherlich die Atmosphäre insgesamt entspannen. Das hässliche Verhältnis wird entgiftet werden.

SPIEGEL ONLINE: Kann die Einigung zwischen Hamas und Fatah tatsächlich Bestand haben? Werden nicht andere Gruppen wie der Islamische Dschihad eine mögliche Koexistenz mit Israel torpedieren?

Frangi: Der Islamische Dschihad hat kein Interesse an einem Konflikt zwischen Hamas und Fatah. Die Gruppierung hat heute eindeutig gesagt, dass sie für eine Einigung zwischen allen Organisationen sei, dass sie jedoch Vorbehalte gegen eine Einigung mit Israel habe. Ihre Ablehnung wird keinen großen Einfluss auf die palästinensische Gesellschaft haben.

SPIEGEL ONLINE: Die EU hat vor wenigen Tagen beschlossen, den Palästinensern 105 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Das Geld soll an der Hamas-Regierung vorbei fließen. Ist schon etwas davon eingetroffen?

Frangi: Bis jetzt noch nicht. Die Opfer des bisherigen Boykotts sind vor allem Fatah-Mitglieder, Hamas leidet nicht so sehr darunter.

SPIEGEL ONLINE: Wird das in Aussicht gestellte Geld reichen?

Frangi: Diese Summe reicht bei weitem nicht. Wir wollen, dass das gesamte Wirtschaftssystem hier wieder funktioniert, und dass wir nicht zu Almosenempfängern werden. Die Europäer, die USA, aber auch die arabischen Nachbarn tragen hier eine Verantwortung.

Das Interview führte Alexander Schwabe

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