Interview mit Kriegs-PR-Experten Roselieb "Spin, Propaganda, Betrug"

Trotz Hollywood und Showbusiness: Den Krieg der Bilder führen die Amerikaner falsch. Das zumindest findet der Kieler Krisenforscher Frank Roselieb. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erklärt er, warum die medienwirksame Rettung der gefangenen Soldatin bestenfalls eine schlechte PR-Inszenierung war.


SPIEGEL ONLINE:

Krieg ist immer auch eine Propagandaschlacht. Wie schlagen sich die USA?

Kriegs-PR-Experte Frank Roselieb: "Die USA machen zwei Sachen richtig und zwei Sachen falsch"
Frank Roselieb

Kriegs-PR-Experte Frank Roselieb: "Die USA machen zwei Sachen richtig und zwei Sachen falsch"

Frank Roselieb: Die USA machen in der Kriegs-PR zwei Sachen richtig und zwei Sachen falsch. Richtig war, dass sie die Rolle des arabischen Fernsehsenders al-Dschasira vorhergesehen hatten. Sie wussten, dass der Sender live vor Ort sein und im Zweifelsfall eher die Seite des Irak positiv darstellen würde. Dem haben sie ihre PR-Strategie der "embedded correspondents" entgegengesetzt, die live mit ihnen einmarschieren. Richtig ist auch, dass sie an der Heimatfront in ungeheuerer Geschwindigkeit Informationen rausschießen. Wo kein Info-Vakuum ist, haben Gerüchte kaum eine Chance.

SPIEGEL ONLINE: Aus dem Hauptquartier in Katar tröpfelt die Information eher zäh...

Roselieb: Damit sind wir bei einem der Fehler. Drei Tage vergingen, ehe sich die Amerikaner das erste Mal vor Ort gemeldet haben. Außerdem vernachlässigen sie die vielen kleinen Nebenkriegsschauplätze, etwa dass der Hintergrund des Presseraums von einem Hollywood-Designer entworfen wurde - das war natürlich ein gefundenes Fressen.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht folgerichtig, im Krieg der Bilder Profis einzuspannen?

Roselieb: Es wäre besser, neutral-sachlich zu bleiben statt zu inszenieren. Permanent lassen die Amerikaner beispielsweise ihre Soldaten mit irakischen Kindern ablichten. Da kontert die Gegenseite natürlich mit Bildern verletzter, verstümmelter Kinder in Bagdad. Den Krieg der Bilder führen die Amerikaner effektiv falsch und mit zu viel "human touch".

SPIEGEL ONLINE: Die Beisetzung ihrer Gefallenen setzen sie aber gekonnt in Szene, mit Flagge, Uniformen und viel Pathos.

Roselieb: Ja, das machen sie besser als die Briten. Die Briten vernachlässigen die Heimatfront, was die PR angeht. Sie vergessen die, die mit ihnen im Boot sitzen. Der Tod ist für sie PR-technisch nicht relevant. Das feierliche Brimborium der Amerikaner dagegen vermittelt: Wir lassen euch nicht alleine, wir vergessen euch nicht.

Befreite Jessica Lynch: Die amerikanische Heldin
AP

Befreite Jessica Lynch: Die amerikanische Heldin

SPIEGEL ONLINE: Diesem Zweck diente wohl auch die Befreiung der Soldatin. War das ein PR-Glanzstück?

Roselieb: Ich glaube nicht, dass das PR war - zumindest keine gute. Würde man das planen, hätte man jene angsterfüllten Gefangenen gewählt, die der Welt im Fernsehen vorgeführt wurden. Oder ersatzweise einen erfahrenen Soldaten, einen abgeschossenen Piloten, ein Symbol. Die junge Soldatin dagegen war ein No-name, eine kleine Gefreite, erst 19 Jahre alt, die der Öffentlichkeit erst einmal nahe gebracht werden musste.

SPIEGEL ONLINE: Jung, blond, verletzt und verletzlich - klingt das nicht verdächtig nach Idealperson? Und ganz zufällig ist ein Kamerateam dabei...

Roselieb: Dafür hat man herzlich wenig von ihr gesehen. Dick eingepackt mit Mütze. Noch dazu schwebt sie in Lebensgefahr. Für eine PR-Aktion wäre es taktisch unklug, wenn die Gerettete unter den Händen wegstirbt. Nein, das würde man geschickter angehen. Sicherlich war die Aktion geplant, aber nicht der perfekt durchgestylte PR-Coup.

SPIEGEL ONLINE: Wie müsste der aussehen?

In irakischer Gefangenschaft: GI Shoshana Johnson aus Texas
AP

In irakischer Gefangenschaft: GI Shoshana Johnson aus Texas

Roselieb: Aus PR-Sicht wäre die Befreiung der schwarzen Gefangenen mit den weit aufgerissenen Augen ideal. Schon wegen der Rassismusdiskussion in den US und weil sie als Dunkelhäutige die Mehrheit der Frauen im US-Militär repräsentiert. Aber an die sind sie wohl nicht herangekommen.

SPIEGEL ONLINE: Wie planbar ist Krisen-PR im Krieg?

Roselieb: Man sollte auch im Krieg die drei Regeln der Krisenkommunikation beachten: Echtzeit, Wahrheit, Offenheit. Echtzeit klappt in Washington, doch in Sachen Wahrheit haben die Amerikaner Defizite.

SPIEGEL ONLINE:Lügen sie?

Roselieb: Die US-Regierung sitzt in der Glaubwürdigkeitsfalle. Sie weiß mehr, als sie kommunizieren kann. Wer nimmt ihr noch, sagen wir, Geheimdiensterkenntnisse ab? Da schreit doch jeder: Spin, Propaganda, Betrug. Denen geht es wie einst Shell mit der Brent Spar: Die wussten genau, wie viel Schadstoffe in der Bohrinsel waren, geglaubt hat man aber Greenpeace, weil man davon ausging, dass Shell ohnehin lügt.

SPIEGEL ONLINE: Sind die USA mangels Glaubwürdigkeit auch in der Uno gescheitert?

Roselieb: Nein, im Vorfeld haben sie es richtig gemacht und sind konsequent bei ihrer Meinung geblieben. Für sie waren die Beweise ausreichend, die ganze Welt wusste, sie wollten den Krieg. Sie haben die Uno gefragt, ob sie mitmachen wollen, aber nie verhohlen, dass sie es auch ohne deren Zustimmung alleine durchziehen würden. Es war eine ehrliche Strategie und daher - streng aus PR-Sicht - richtig.

Das Interview führte Michaela Schießl.



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