Interview mit Leon de Winter "Das zweite Kapitel einer Tragödie"

Nach dem Mord an dem Regisseur Theo van Gogh sieht der niederländische Schriftsteller Leon de Winter sein Land in einer tiefen Krise. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE warnt er vor weiteren Gewalttaten - und vor naiver Toleranz.


Leon de Winter
DDP

Leon de Winter

SPIEGEL ONLINE:

War die Ermordung Theo van Goghs politisch motiviert?

De Winter: So wie es bisher aussieht, war es ein Mord aus religiösen Motiven und damit natürlich politisch. Der Verdächtige ist ein fanatischer Muslim. Ich habe gehört, dass er mit einem Messer einen Zettel mit Koranversen an den Körper des Toten geheftet hat.

SPIEGEL ONLINE: Wie sind die Reaktionen in den Niederlanden?

De Winter: Die ganze Nation steht unter Schock. Es ist das zweite Kapitel der Tragödie, die mit der Ermordung Pim Fortuyns begonnen hat. Wir sehen Fortuyn mehr und mehr als einen radikal libertären Politiker. Im Ausland wird er immer noch fälschlicherweise als Rechtsaußen beschrieben.

SPIEGEL ONLINE: Wie würden Sie Theo van Gogh beschreiben?

De Winter: Er war ein Artist provocateur, wie die Franzosen sagen. Ich selbst war häufig die Zielscheibe seiner gnadenlosen Angriffe. Er ging ständig zu weit. Ich will Ihnen ein Beispiel von Herrn van Goghs Feinsinn geben: Einmal schrieb er, dass ich, wenn ich Sex mit meiner Frau habe, mir wohl Stacheldraht um meinen Penis wickele und 'Auschwitz, Auschwitz' schreie.

SPIEGEL ONLINE: Das ist jenseits aller Geschmacksgrenzen...

De Winter: So hat er unzählige Leute beleidigt, es war Teil seiner Persönlichkeit. Aber das muss man aushalten, wenn man in einer freien Gesellschaft wie den Niederlanden wohnt. Sie haben zwei Möglichkeiten, sich zu verteidigen: Entweder Sie schreiben zurück, so wie ich das tue, oder Sie ziehen vor Gericht, wie es viele andere Opfer van Goghs getan haben.

SPIEGEL ONLINE: Männer wie Fortuyn und van Gogh garantieren dem Land seine liberale Identität?

De Winter: Zweifellos. Die Frage ist, wie die Menschen auf solche Provokateure reagieren. Menschen, die weder auf dem weichen noch auf dem harten Weg gelernt haben, was Freiheit und Toleranz bedeuten, können mit so was nicht umgehen. Der Verdächtige fühlte sich von van Goghs Film tief beleidigt. In dem Film wird Mohammed als pädophil bezeichnet, weil er mit einem neunjährigen Mädchen verheiratet war.

SPIEGEL ONLINE: Fanden Sie den Film anstößig?

De Winter: Nein, überhaupt nicht. Zum ersten Mal schrieb ich danach etwas Positives über Herrn van Gogh in meiner wöchentlichen Zeitungskolumne, weil ich den Film für sehr gelungen und subtil hielt. Ich habe auch geschrieben, dass Leute, die diesen Film provokant finden, ein großes Problem haben.

SPIEGEL ONLINE: Welches?

De Winter: Sie sind nicht reif, in der niederländischen Gesellschaft zu leben.

SPIEGEL ONLINE: Was für Folgen wird dieser Mord haben?

De Winter: Wir müssen uns erneut fragen, wie wir mit den Immigranten umgehen wollen. Menschen mit solchen Ideen gehören zu einer Subkultur, und wir müssen den islamischen Führern sehr klar machen, dass die Grenzen der westlichen Demokratie nicht überschritten werden dürfen. Fortuyns Mörder war ein radikaler Linker, der Verdächtige jetzt kommt aus dem radikalen Islam.

SPIEGEL ONLINE: Warum passieren diese Gesinnungsmorde ausgerechnet in den Niederlanden?

De Winter: Der Grund ist unsere Toleranz. Wir haben niemandem unsere Werte aufgezwungen, weil wir immer die Kultur des "Anything goes" gefeiert haben. Nach dem Motto: Mach, was Du willst, solange du niemandem weh tust. Das ist ein wunderbarer Way of Life. Aber die Immigranten sind nicht durch die blutigen Jahrhunderte unserer Evolution gegangen. Sie müssen von vorn anfangen, und das bringt den Konflikt.

SPIEGEL ONLINE: Kann die niederländische Gesellschaft in Zukunft genauso offen sein wie bisher oder wird es Einschränkungen geben?

De Winter: Das war Fortuyns Hauptfrage. Er hat gesagt, es ist mir egal, wer hier lebt, solange sie genauso liberal sind wie wir. Ich möchte ihnen meinen Liberalismus aufzwingen. Ich lasse mich nicht von ihrem Glauben einschränken. Van Gogh sah das genauso.

SPIEGEL ONLINE: Gibt der neuerliche Mord Fortuyn im Nachhinein recht?

De Winter: Absolut. Es gibt noch mehr Leute, die wie van Gogh Morddrohungen erhalten haben. Ich fürchte, wir haben das Ende noch nicht gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Was muss jetzt getan werden?

De Winter: Ich bin ein dummes Kind der Aufklärung. Ich finde immer nur eine Lösung: Bildung, Bildung, Bildung. Wir müssen den Immigranten erklären, dass die Mehrheit von uns nicht an Gott glaubt und daher anders denkt und handelt als sie. Können wir das schaffen? Ich hoffe es. Aber tief in meinem Herzen bin ich sehr frustriert.

SPIEGEL ONLINE: Wird es nun Übergriffe gegen Muslime geben?

De Winter: Das darf nicht passieren. Es wäre falsch, die Schuld eines Einzelnen auf eine Gruppe abzuwälzen. Dazu sind wir auch zu diszipliniert. Aber es wird viele Diskussionen geben.

Das Interview führte Carsten Volkery



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