Interview mit Leon de Winter: "Holland hat keine Angst vor dem Islam"

Während hierzulande über eine Deutschpflicht auf Schulhöfen diskutiert wird, haben die Niederlande massivere Integrationsprobleme: Dort sind 40 Prozent der ausländischstämmigen Jugendlichen ohne Job. Viele gelten als gewaltbereit. SPIEGEL ONLINE sprach mit Schriftsteller Leon de Winter.

SPIEGEL ONLINE:

Herr de Winter, die Integrationsministerin Rita Verdonk sorgte auch hier für Schlagzeilen, weil sie forderte, dass in der Öffentlichkeit in den Niederlanden nur noch Holländisch gesprochen werden soll. 'Fremdsprachen raus' als Motto in einem Land, das jahrelang als Musterstaat der Toleranz galt?

Leon de Winter: "Probleme beginnen schon in den Wohnzimmern"
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Leon de Winter: "Probleme beginnen schon in den Wohnzimmern"

De Winter: Frau Verdonk ist falsch wiedergegeben worden. Man kann die Menschen nicht zwingen, nur Niederländisch zu sprechen. Wie sollte man das kontrollieren? Aber sie hat gesagt, es sei wichtig, dass wir alle Niederländisch sprechen. Denn es gibt zu viele Einwanderer, die unsere Sprache nicht beherrschen.

SPIEGEL ONLINE: Ist in den Niederlanden auch deshalb die Arbeitslosenquote unter den ausländischstämmigen Jugendlichen so hoch?

De Winter: Ja, 40 Prozent haben keinen Job. Man muss aber auch wissen, dass 40 Prozent der marokkanischen Frauen in unserem Land Analphabeten sind. Wie sollen sie imstande sein, ihren Kindern eine gute Ausbildung zu geben, ihnen zu erklären, wie eine extrem tolerante Gesellschaft wie die Niederlande funktioniert? Alle Probleme beginnen also schon in ihren Wohnzimmern.

SPIEGEL ONLINE: Ist deshalb auch die Zahl der Jugendlichen ethnischer Minderheiten so hoch, die ihre Ausbildung gar nicht erst beenden?

De Winter: Zu viele steigen schon vor dem Diplom aus, viele wollen schon nach dem Elementarunterricht eine Ausbildung beginnen - aber das ist zu früh. Sie haben dann nicht die gleichen Voraussetzungen wie andere Jugendliche.

SPIEGEL ONLINE: Viele wollen womöglich aber gar nicht integriert werden, weil sie gar nicht Niederländisch sprechen können müssen?

De Winter: Das ist das, was bei uns diskutiert wird: Warum gibt es offizielle Formulare auf Türkisch oder Arabisch? Warum zwingen wir die Menschen nicht, Niederländisch zu lernen?

SPIEGEL ONLINE: Jetzt überschlagen sich die Politiker mit Vorschlägen, die Integration zu erzwingen: Umerziehungslager für junge Arbeitslose oder eine Sprachprüfung für Einwanderungswillige. Führt das zum Erfolg?

De Winter: Das sind alles ziemlich hoffnungslose Vorschläge, um eine schon verlorengegangene Generation noch zu retten. Die Eltern dieser Kinder sind nie gezwungen worden, ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Der Staat hat ihnen ermöglicht zu leben, die Miete zu zahlen.

SPIEGEL ONLINE: Fehler sind also viel früher gemacht worden?

De Winter: Ja, schon als die ersten Gastarbeiter nach Holland kamen. Als wir in jedem, der aus der Dritten Welt kommend zum Arbeiten in unser reiches Land kam, schuldbewusst ein heiliges Opfer sah. Wir ermöglichten ihnen, die Frauen und Kinder nachzuholen - ohne zu ahnen, dass wir damit Integrationsprobleme importierten, mit denen wir keine Erfahrung hatten.

SPIEGEL ONLINE: Die toleranten Niederlande sind also kein Einwanderungsland?

De Winter: Nein, das sind die Vereinigten Staaten. Ein Wohlfahrtsstaat wie die Niederlande kann nie ein Integrationsland sein. Nur ein Staat wie die USA mit einem schwachen sozialen Netz kann eine größere Gruppe Einwanderer ohne Probleme integrieren. Dort ist man gezwungen, zwei, drei schlechter bezahlte Jobs anzunehmen, um zu überleben. Nach europäischen Wertvorstellungen ist das schamlos. In den USA sind diese Menschen aber nach ein, zwei Generationen in die Gesellschaft integriert.

SPIEGEL ONLINE: Amsterdams Bürgermeister Cohen warnt bereits davor, es könne unter den arbeitslosen Jugendlichen Unruhen wie in Paris geben. Amsterdam sei ein Pulverfass.

De Winter: Ich war erstaunt, dass ein sich sonst vorsichtig äußernder Politiker wie er so etwas sagt. Dann ist die Lage dort viel ernster, als wir es bisher angenommen haben. Aber auch dort sind es dieselben Ursachen: Keine Ausbildung, keine Disziplin. Diese jungen Menschen werden nicht mehr begleitet und haben keine Ahnung, wie man sich in der Gesellschaft verhalten muss.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang der Islam in den Niederlanden?

De Winter: Die Unruhe und der Frust, die diese jungen Männer in sich haben, bekommen oft einen islamistischen Mantel, um sie zu erklären. Dabei ist sie entwicklungsbedingt völlig normal - die Hormone, die Pubertät spielen da eine natürliche Rolle. Das hat nichts mit Religiösität zu tun. Ich wehre mich dagegen zu sagen, die Niederlande seien auf einmal islamophob. Holland hat keine Angst vor dem Islam. Diese Probleme gibt es auch in anderen Ländern. Wir haben einfach zu wenig Arbeit für sie. Deshalb steigen viele aus.

Das Interview führte Alwin Schröder

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