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Interview mit Libanons Musikstar Abou-Khalil: "Demokratie ist kein Allheilmittel für alle Probleme"

Rabih Abou-Khalil ist einer der berühmtesten libanesischen Musiker. Er lebt in München, besucht aber alle paar Wochen seine alte Heimat. Mit SPIEGEL ONLINE sprach der Virtuose auf der arabischen Laute, der Oud, über die Hintergründe der Proteste in Beirut und den Vergleich mit der Revolution in Kiew.

Musiker Abou-Khalil: "Die Amerikaner sind den Arabern nie zur Hilfe gekommen"
Enja Records

Musiker Abou-Khalil: "Die Amerikaner sind den Arabern nie zur Hilfe gekommen"

SPIEGEL ONLINE:

Die Amerikaner begrüßen die Demonstrationen in Beirut als 'Zedernrevolution" und ziehen Vergleiche zum Umsturz in der Ukraine. Halten Sie das für eine Auswirkung der von US-Präsident Bush forcierten Demokratisierung im Nahen Osten?

Abou-Khalil: Eigentlich dürften sich die Amerikaner darüber nicht freuen. Schließlich sind sie den Arabern nie zur Hilfe gekommen. Alles was sie dort hinterlassen haben, gibt keinen Anlass zum Jubeln. Ich glaube, die Menschen im Libanon können allein ihre Ziele durchsetzen. Sie brauchen dazu nicht die USA.

SPIEGEL ONLINE: Nennen Sie ein Bespiel für die angeblich negative Rolle der USA.

Abou-Khalil: (lacht) Gibt es irgendein Gegenbeispiel? Schauen Sie doch mal in den Irak.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin haben die Amerikaner dem Irak Demokratie gebracht.

Abou-Khalil: Es ist ein großer Irrglaube, dass die Demokratie das Allheilmittel für alle Probleme ist. Außerdem geht es den USA nur um Demokratie im westlichen Sinne. Die Loyalität der Menschen in den meisten Ländern der Dritten Welt gilt aber zuerst ihrer Familie, ihrer Stammesangehörigkeit, dann der Ortschaft und erst ganz am Schluss der Regierung. Man kann zwar versuchen diesen Ländern die Demokratie zu bringen, aber das bringt noch lange keinen Frieden. Genauso wenig, wie man im Mittelalter gedacht hat, das Christentum bringt das Heil über die ganze Welt. Und dann kamen nur die Kreuzzüge.

SPIEGEL ONLINE: Würden Sie das Wort 'Zedernrevolution' benutzen?

Abou-Khalil: Wie man es auch nennt: Im Grunde ist es doch nur ein Aufstand gegen eine fremde Besatzungsmacht. Die Amerikaner sprechen allerdings nur von der Besatzung durch die Syrer, die israelische sprechen sie gar nicht an. Natürlich spürt man die Syrer mehr, weil sich deren Geheimdienst in sämtliche Angelegenheiten einmischt. Während der israelische Einfluss in Beirut und in der Regierung eben nicht zu spüren ist. Doch die Uno-Resolution 1559 fordert den Abzug aller fremden Truppen aus dem Libanon.

SPIEGEL ONLINE: Vielfach hört man, dass Libanesen nicht offen reden wollen, weil sie den syrischen und libanesischen Geheimdienst fürchten.

Abou-Khalil: Auch im demokratischen Amerika darf man derzeit nicht alles sagen. (lacht) Im Libanon musste man immerhin nie befürchten, einfach zu verschwinden.

SPIEGEL ONLINE: Wer nimmt eigentlich an den Demonstrationen teil?

Abou-Khalil: Ich kenne Künstler, die sich daran beteiligen, ganz einfache Leute, junge und alte Menschen. Eigentlich alle. Besonders hat mich gerührt, dass sich zum ersten Mal seit langer, langer Zeit so viele Libanesen, die sich lange bekämpft oder zumindest skeptisch betrachtet haben, nun so einig sind, dass sie zusammen demonstrieren können. Egal welcher Religion und politischen Richtung - sie alle lehnen diese Regierung und die syrische Besatzungsmacht ab. Und in diesem Fall ist das sogar dasselbe. Sie haben also eine sehr legitime Begründung für den Aufstand.

SPIEGEL ONLINE: Allerdings soll sich die schiitische Bevölkerungsmehrheit nur vereinzelt an den Protesten beteiligen.

Abou-Khalil: Man muss unterscheiden zwischen den Privatpersonen und den politischen Parteien. Die schiitischen Gruppierungen der Hisbollah und Amal waren bislang immer Syrien-freundlich und sind noch zurückhaltend. Trotzdem sind viele Schiiten unter den Demonstranten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind während des Bürgerkrieges geflohen. Was für Hoffnungen verbinden Sie mit den Protesten?

Libanesischer Protest: "Ich glaube, dass die Syrer auf jeden Fall noch dieses Jahr rausgehen werden"
REUTERS

Libanesischer Protest: "Ich glaube, dass die Syrer auf jeden Fall noch dieses Jahr rausgehen werden"

Abou-Khalil: Erstmal freue ich mich über jede Veränderung - was auch immer nun kommen mag. Immerhin ist das, was gerade in Beirut geschieht, in vielen arabischen Ländern kaum vorstellbar. Natürlich war der Libanon immer anders - es gab hier schon immer Demonstrationen, die größte Meinungsvielfalt und viele persönliche Freiheiten, die im Nahen Osten ohnegleichen sind. Und wenn es derzeit die Proteste sind, die die Menschen in einem Land einigt, das so zerrissen war, finde ich das ausgesprochen positiv. Sämtliche Religionen haben sich plötzlich vereint. Nach dem Tod von Hariri wurden gleichzeitig die Kirchenglocken geläutet und Koranverse von den Minaretten der Moscheen vorgelesen. Christen und Muslime haben am gleichen Grab gebetet.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen den Mord an dem früheren Ministerpräsidenten Rafik al-Hariri. Wie geht es nun weiter mit der Machtprobe in Beirut? Kann es sein, dass die Syrer die Demonstrationen zusammenschießen werden, wie es der Vater des jetzigen Herrschers in Damaskus 1982 in der syrischen Stadt Hama getan hat?

Abou-Khalil: Nein, das glaube ich nicht. Das ist ja mittlerweile auch schon 23 Jahre her und die Welt hat sich seither gewandelt. Ich glaube, dass die Syrer auf jeden Fall noch dieses Jahr rausgehen werden. Syriens Präsident Baschar Assad hat ja nun gerade auch einen stufenweisen Rückzug verkündet. Einen sofortigen Abzug seiner Soldaten konnte er nicht zusagen, weil er sein Gesicht wahren musste. Ich weiß aber nicht, ob damit alle Probleme des Libanons gelöst werden, und kann nur hoffen, dass eine Regierung kommen wird, die dem Volk etwas näher steht als die jetzige. Allerdings glaube ich auch daran, dass der Libanon immer das Schicksal aller kleinen Länder teilt: Wenn sie einen großen Nachbarn haben, werden sie immer nur eine untergeordnete Rolle spielen. Im Falle des Libanons ist das nun einmal Syrien.

SPIEGEL ONLINE: Bei der Revolution in Orange in Kiew wurde die Opposition durch viele Künstler und andere Prominente unterstützt. Werden Sie vor den Demonstranten auf dem Märtyrerplatz in Beirut demnächst mit Ihrer Oud ein Lied anstimmen?

Abou-Khalil: (lacht) Ich fliege zwar kommende Woche nach Beirut und werde auf jeden Fall da sein. Für einen Auftritt ist mein Instrument jedoch zu leise. Aber ich werde auf jeden Fall zustimmend nicken.

Das Interview führte Lars Langenau

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