Interview mit PLO-Mann Abd Rabbuh "Blut wird strömen"

Was werden die Folgen des Raketenanschlags auf den Hamas-Führer Scheich Jassin sein? Welche Fehler beging die palästinensische Autonomie-Regierung? Welche Rolle kann die USA im Friedensprozess noch spielen? SPIEGEL ONLINE sprach mit Jassir Abd Rabbuh, Mitglied des "Exekutivrats" der Palästinensischen Befreiungsorganisation.


Jerusalem - Abd Rabbuh, der auch Abgeordneter im "Palästinensischen Nationalrat" ist, ist bekannt für seine offenen Worte. Er wagt es nicht nur, die fundamentalistische Hamas zu kritisieren, sondern auch den autoritären Führungsstil des Autonomie-Präsidenten Jassir Arafat. Wegen seiner "aufmüpfigen Gesinnung" (so Arafat) wurde der in Hebron geborene langjährige Informations- und Kulturminister nicht mehr in die neue Autonomieregierung berufen.

SPIEGEL ONLINE: Folgt auf die Liquidierung von Hamas-Führer Scheich Ahmed Jassin nun tatsächlich, wie von dessen Mitstreitern angekündigt, der "totalen Krieg"?

Abd Rabbuh: Der sinnlose Schlagabtausch wird sicher weiter angeheizt, denn die rechtslastige israelische Regierung hat ihrerseits angekündigt, in Zukunft noch mehr Hamas-Kommandeure und als "gefährlich" eingeschätzte Palästinenser umzubringen. Premierminister Ariel Scharon bringt ein Pulverfass zur Explosion.

SPIEGEL ONLINE: Der israelische Regierungschef behauptet, mit der gezielten Tötung extremistischer Israelfeinde die Welle der Selbstmordattentate stoppen zu können.

Abd Rabbuh: Verzweifelte Menschen, die mit ihrem Leben abgeschlossen haben, lassen sich durch Scharons barbarische Aktionen nicht beeindrucken. Auch die Mauer, die Scharon als Schutzwall verstanden wissen will, die aber "nebenbei" ganze Dörfer de facto Israel einverleibt, bietet keinen echten Schutz.

SPIEGEL ONLINE: Warum hält denn auf palästinensischer Seite niemand die Hamas-Strategen auf, die durch ihre Anschläge eine Wiederbelebung des Friedensprozesses verhindern?

Abd Rabbuh: Sicher haben auch wir Fehler gemacht und Dinge versäumt. Aber diese Fehler sind nichts im Vergleich zu den Ungeheuerlichkeiten, die Scharon anzettelt. Seine Likudregierung treibt die palästinensische Jugend in eine abgrundtiefe Verzweiflung. Das Likud-Regime sagt offen, dass es keinen palästinensischen Staat geben darf; dass knapp die Hälfte des Westjordanlandes wegen des "natürlichen Wachstums" der ohnehin illegalen jüdischen Siedlungen Israel zugeschlagen werden muss. Nun wird es noch schwerer, dem Frieden in dieser Zeit eine Bresche zu schlagen.

SPIEGEL ONLINE: Müssen jetzt die letzten Friedenshoffnungen begraben werden?

Abd Rabbuh: Letztendlich ist Frieden unvermeindlich. Aber nun werden erst einmal Ströme von Blut fließen, Unschuldige sterben, ohne, dass wir unserem Ziel näher kommen: der Existenz von zwei gleichberechtigten Staaten auf dem Boden des geografischen Palästina.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin hat sich Scharon bereit erklärt, den Gazastreifen zu räumen.

Abd Rabbuh: Das ist ein fauler Trick. Im Gegenzug will Scharon den Amerikanern das Einverständnis abpressen, sich schon jetzt weite Teile des Westjordanlandes einverleiben zu dürfen. Nach den US-Präsidentenwahlen, wenn es dann um den wirklichen Abzug aus dem Gazastreifen geht, wird er sich seine "Friedensgeste" durch noch mehr Landraub in der Westbank vergolden lassen.

SPIEGEL ONLINE: 60 Prozent der Israelis sind mit Scharons rabiatem Vorgehen einverstanden.

Abd Rabbuh: Die Israelis werden sehr bald merken, dass mit Gewalt kein Frieden zu erreichen ist.

Das Interview führte Volkhard Windfuhr

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