Interview mit PLO-Vertreter Abdallah Frangi "Das Dümmste, was Scharon tun konnte"

Erst leiteten die USA einen Kurswechsel ihrer bisherigen Nahostpolitik ein, dann liquidierte Israel den neuen Hamas-Chef. Der Friedensprozess scheint am Ende zu sein. Wie geht es nun weiter? SPIEGEL ONLINE sprach mit Abdallah Frangi, dem Vertreter der palästinensischen Autonomiebehörde in Deutschland.


Abdallah Frangi: "Wir können nicht die, die nicht mit uns einverstanden sind, einfach liquidieren"
DPA

Abdallah Frangi: "Wir können nicht die, die nicht mit uns einverstanden sind, einfach liquidieren"

SPIEGEL ONLINE

: Seit dem Tod von Scheich Jassin und Abd al-Asis al-Rantissi gab es keine relevanten Anschläge mehr in Israel. Ist es die richtige Strategie des israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon, die führenden Mitglieder der radikalen Palästinenserorganisation Hamas zu liquidieren?

Abdallah Frangi: Es kann sein, dass die Hamas-Führung irritiert oder sogar für einige Zeit geschwächt ist. Aber es ist das Dümmste, was Scharon tun konnte.

SPIEGEL ONLINE: Aber müsste nicht insbesondere die PLO Scharon dafür dankbar sein? Immerhin schaltet er doch auch ihre ärgsten politischen Gegner aus.

Frangi: Erstens ist dieser Akt völkerrechtlich vollkommen unannehmbar. Zweitens ist die israelische Armee weiterhin als Besatzer in den palästinensischen Gebieten. Drittens soll uns beigebracht werden, an demokratische Institutionen zu glauben. Und Demokratie heißt, auch mit unseren Gegnern zu verhandeln und sie durch Argumente zu überzeugen. Wir können nicht die politischen Gruppierungen, die nicht mit uns einverstanden sind, einfach liquidieren. So etwas kann nur ein israelischer Ministerpräsident tun.

SPIEGEL ONLINE: Wieso nur der?

Frangi: Weil er die Leiden der Juden in der Vergangenheit für seine Politik instrumentalisiert. Und jeden Kritiker und jede Kritik als antisemitisch bezeichnet.

SPIEGEL ONLINE: Ist es der manchmal etwas blumigen arabischen Sprache zu schulden, dass die Anhänger der Hamas nun mit Hunderten Anschlägen und einem "Vulkan" der Gewalt drohen?

Frangi: Nein, es ist eher echter Zorn. Aber auch Ohnmacht angesichts der israelischen Politik.

SPIEGEL ONLINE: Immerhin will die Hamas die Juden nach wie vor ins Meer treiben und setzt für Anschläge in Israel auch Frauen und Kinder ein. Ist es da nicht verständlich, dass Israel mit aller Härte reagiert?

Liquidierter Hamas-Chef Rantissi: "Echter Zorn"
AFP

Liquidierter Hamas-Chef Rantissi: "Echter Zorn"

Frangi: Die Hamas ist 1988 mit der Unterstützung Israels gegründet worden. Nun hat sie sich verselbständigt. Aber Hamas hat das Potenzial, sich in eine politische Organisation zu wandeln. Auch die PLO hat unter anderen Prioritäten begonnen und hat nach einem langen Prozess das Existenzrecht Israels anerkannt. Warum sollte das für die Hamas nicht gelten?

SPIEGEL ONLINE: Aber wie sollte sich Israel denn vor Terroranschlägen schützen?

Frangi: Der einzige Weg ist, dass sich Israel aus den besetzten Gebieten zurückzieht und den Friedensprozess von Oslo wieder aufnimmt. Wir halten nach wie vor an Gesprächen fest und wollen eine Lösung des Konflikts auf der Grundlage von zwei Staaten erreichen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle kann die PLO in dem Friedensprozess noch spielen?

Präsident Arafat: "Der gewählte Repräsentant unseres Volkes"
AFP

Präsident Arafat: "Der gewählte Repräsentant unseres Volkes"

Frangi: Wir wollen alle palästinensischen Kräfte bündeln und versuchen auch mäßigend auf die Hamas, den islamischen Dschihad und andere radikalen Kräfte einzuwirken. Wenn wir Demokratie lernen sollen, dann müssen demokratische Prozesse aber auch mit Macht ausgestattet werden. Die Autonomiebehörde muss der Ansprechpartner sowohl für alle Palästinenser als auch für die israelische Regierung sein.

SPIEGEL ONLINE: Wie soll das gehen? Jassir Arafat steht seit Jahren in Ramallah de facto unter Hausarrest.

Frangi: Arafat ist der gewählte Repräsentant unseres Volkes, daran ändert auch nichts, dass sein Hauptquartier in einem zerstörten Gebäude von israelischen Panzern umstellt ist. Nelson Mandela hat 28 Jahre im Gefängnis gesessen und spielte dann die entscheidende Rolle bei der Gestaltung eines neuen Südafrika.

SPIEGEL ONLINE: Geraten nun auch die Amerikaner durch die Politik von US-Präsident George W. Bush ins Fadenkreuz palästinensischer Extremisten? Schließlich wird die Anerkennung der jüdischen Siedlungen im Westjordanland eine Zweistaatenlösung nicht gerade erleichtern.

Frangi: Ich glaube, die Amerikaner waren auch schon vor dem Kurswechsel der amerikanischen Regierung unter Arabern äußerst unbeliebt. Wir hoffen darauf, dass die USA innerhalb des Nahostquartetts ihre Position überdenken werden - und endlich wieder Fortschritte auf dem Weg zu einem eigenständigen palästinensischen Staat erzielt werden können.

Das Interview führte Lars Langenau

Mehr zum Thema


© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.