Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Anwalt des NSA-Whistleblowers: "Russland wird Snowden nicht herausgeben"

Snowden auf dem Moskauer Flughafen: "Viele Offerten stammen von jungen Frauen" Zur Großansicht
DPA/ Human Rights Watch

Snowden auf dem Moskauer Flughafen: "Viele Offerten stammen von jungen Frauen"

Edward Snowden kann den Transitbereich des Moskauer Flughafens bald verlassen, Russlands Behörden haben seine Papiere ausgestellt. Der Anwalt Kutscherena ist einer der wenigen, die Zugang zu dem NSA-Enthüller haben. Im Interview berichtet er über Snowdens Pläne und Russlands Kraftprobe mit den USA.

Wochenlang musste Edward Snowden an Moskaus Flughafen Scheremetjewo ausharren. Jetzt nähert sich sein Warten dem Ende. Russlands Migrationsdienst hat laut der Nachrichtenagentur RIA eine erste Prüfung seines Asylantrags beendet und Snowden Papiere ausgestellt, mit denen er sich vorläufig frei in Russland bewegen kann. Mit einer endgültigen Entscheidung, ob Russland dem Whistleblower Unterschlupf gewährt, ist innerhalb der nächsten Monate zu rechnen. So lange dauert die Asylprüfung im Hauptverfahren.

Im Interview mit SPIEGEL ONLINE berichtet Snowdens russischer Anwalt Anatolij Kutscherena, welche Sorgen den 30-Jährigen bewegen und wie er seine Zeit in den vergangenen Wochen verbracht hat. "Er ist viel im Internet gesurft, er hat mit seinen Freunden gechattet", sagt der Russe. Amerika, so stellt der Jurist klar, habe bisher kein Auslieferungsgesuch gestellt. Das wundere ihn. Die US-Botschaft habe aber den Wunsch geäußert, ihn zu treffen.

SPIEGEL ONLINE: Welche Pläne hat Snowden? Wo wird er in Russland unterkommen?

Anatolij Kutscherena: Das kann er selbst entscheiden. Vielleicht wird er sich eine Wohnung nehmen oder ein Zimmer in einem Hotel. Er könnte auch nach Nowosibirsk oder in eine andere russische Stadt ziehen. Wir bekommen viele Angebote von Bürgern, die ihm Unterkunft anbieten. Viele Offerten stammen von jungen Frauen.

SPIEGEL ONLINE: Was wird er ernsthaft in Betracht ziehen?

Kutscherena: Ihm schmeichelt die Aufmerksamkeit der russischen Bürger. Gleichzeitig ist das Interesse so enorm, dass ich nach meinem ersten Treffen mit ihm 464 verpasste Anrufe hatte, die meisten von Journalisten. Wir müssen aber auch an seine Sicherheit denken.

SPIEGEL ONLINE: Kaum jemand hat Edward Snowden zuletzt so oft sprechen können wie Sie. Wie geht es ihm?

Kutscherena: Manchmal hat Edward einen Witz gemacht, aber insgesamt wirkte er niedergeschlagen. Er saß ja auch die ganze Zeit in diesem Kapsel-Hotel fest. Die Bedingungen sind in Ordnung, sagt er. Faktisch war das aber wie Hausarrest. Er saß in der Falle und wusste nicht genau, was er tun soll. Als wir ihn das erste Mal trafen, wollten wir ein Foto mit ihm machen. Er hat das abgelehnt, er sorgt sich sehr um seine Sicherheit.

SPIEGEL ONLINE: Wovor hat er Angst?

Kutscherena: Es vergeht doch kein Tag, an dem Washington nicht irgendeinem Land mit Sanktionen droht, falls es Snowden hilft. Kaum ein Tag, an dem es nicht irgendeine Stellungnahme aus dem amerikanischen Außenministerium gibt. Klar beunruhigt ihn das. Im Falle einer Auslieferung an die USA befürchtet er Folter und die Todesstrafe. Deshalb will er ja auch in Russland Asyl.

SPIEGEL ONLINE: Hat er den Transitbereich des Flughafens all die Wochen nicht verlassen?

Kutscherena: Davon bin ich überzeugt. Hätte er das Terminal verlassen können, hätte er sich wenigstens ein anderes Hemd besorgt. Ich habe ihn aber immer in derselben Kleidung gesehen, er hat kaum Sachen zum Wechseln.

SPIEGEL ONLINE: Hat der Geheimdienst ihn abgeschirmt? Wer ist bei ihm?

Kutscherena: Warum sollte er abgeschirmt werden? Die Transitzone ist ein Sperrbereich. Niemand kommt dort so einfach rein. Er ist dort sicher. Bei ihm ist nur Sarah Harrison von Wikileaks.

SPIEGEL ONLINE: Womit hat Snowden seine Zeit verbracht?

Kutscherena: Er ist viel im Internet gesurft, er hat mit seinen Freunden gechattet. Er hat den Plan, Russisch zu lernen. Ich habe ihm eine Schüler-Fibel geschenkt, damit er das russische ABC lernt.

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie mit ihm kommuniziert?

Kutscherena: Nur telefonisch oder persönlich. Er rief an und sagte, dass er ein Treffen will. Dann bin ich zu ihm gefahren. Wir besprechen nichts am Telefon. Wir unterhalten uns mit Hilfe eines Übersetzers.

SPIEGEL ONLINE: Wo genau brauchte Snowden Ihre Hilfe?

Kutscherena: Bei unserem zweiten Treffen habe ich ihn gefragt, warum er schon so lange hier am Flughafen sitzt. "Ich weiß nicht, was ich tun soll", hat er geantwortet. Ich helfe ihm, die russische Gesetzeslage zu verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Sie unterstützen ihn bei seinem Asylantrag?

Kutscherena: Er hat behauptet, er habe 21 Länder um Asyl gebeten. Ich habe ihm dann erklärt, dass das juristisch unmöglich ist. Er kann einen Asylantrag nur an dem Ort stellen, an dem er sich befindet. Alles andere ist virtuell.

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Snowden den Asylantrag in Russland gestellt?

Kutscherena: Der Antrag musste persönlich übergeben werden. Edward konnte den Transitbereich aber bislang nicht verlassen. Per Hand hat er deshalb eine Absichtserklärung geschrieben. Wir haben sie Russlands Einwanderungsbehörde übergeben. Ich habe einen Anruf bei der Einwanderungsbehörde gemacht und dann ist ein Behördenvertreter zum Flughafen rausgekommen. Per Post schicken, das geht bei einem Asylantrag nicht. Ein Beamter muss ihn entgegennehmen. Er hat darüber gewacht, dass Edward jede Seite des Antrags persönlich unterschreibt.

SPIEGEL ONLINE: Haben die Amerikaner Kontakt zu Ihnen aufgenommen?

Kutscherena: Die Botschaft hat mich angerufen, sie wollen ein Treffen. Was mich verwundert: Es gibt bis heute kein offizielles Auslieferungsgesuch von Seiten der USA. Ich wiederhole: Amerika hat kein Auslieferungsgesuch gestellt! Und Amerika hat nicht verlautbart, dass Snowdens Vorwürfe nicht stimmen. Snowden hat der Welt die Augen geöffnet.

SPIEGEL ONLINE: Was ist Snowdens Motivation?

Kutscherena: Wir wissen alle, was die Menschen für gewöhnlich treibt: Habgier, Geld, Frauen. Aber bei ihm habe ich all das nicht erkennen können. Ich habe ihm in die Augen geschaut. Er hat Ideale. Er weiß: Niemand wird ihm für seine Enthüllungen eine Insel in der Südsee mit Villa schenken. Sein Ziel ist, den Amerikanern und den Europäern und der Welt die Augen zu öffnen. Sie sollen wissen, dass ihre Korrespondenz überwacht wird.

SPIEGEL ONLINE: Ist Snowden für Moskau ein Propaganda-Geschenk oder eher eine Last, weil sein Fall das ohnehin angespannte Verhältnis zu Amerika weiter verschlechtern könnte?

Kutscherena: Ich beschäftige mich nicht mit der großen Politik. Aber Russland kann gar nicht anders, als ihm zu helfen. Snowden handelt aus Überzeugung. Welcher Anwalt würde solch einen Fall nicht begleiten wollen! Mir ist es wichtig, ihn zu verteidigen.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt es denn, dass viele Kreml-nahe Funktionäre bei dem Treffen mit Snowden im Flughafen dabei waren?

Kutscherena: Er hat Personen eingeladen, die in Russland bekannt sind und oft auftreten. Es waren sehr unterschiedliche Leute dabei, etwa von Amnesty International.

SPIEGEL ONLINE: Ist Snowden nicht längst unter den Fittichen des russischen Geheimdienstes? Jemand muss ihm doch geholfen haben, Sie zu finden und die anderen Kontakte zu knüpfen.

Kutscherena: Wenn er mit den Agenten hätte reden wollen, hätte er sich direkt an sie gewendet. Ich nehme an, Wikileaks hat ihm bei der Einladungsliste für das Treffen geholfen.

SPIEGEL ONLINE: Russland hat einen riesigen Geheimdienstapparat. Abgehörte Telefonate Oppositioneller tauchen schon mal in der Kreml-nahen Presse auf. Ist der demonstrative Einsatz für Snowden nicht scheinheilig?

Kutscherena: Ich bin für Ehrlichkeit. Die Amerikaner predigen von der Kanzel, dass sie die Verfassung schützen. Der Mensch steht dort an erster Stelle, seine Rechte und Freiheiten sind unantastbar. Natürlich erlauben die Gesetze auch Spezialoperationen und Einschränkungen, etwa im Kampf gegen Terroristen. Aber doch nicht in solcher Masse!

SPIEGEL ONLINE: Was weiß Snowden über Russland?

Kutscherena: Er hat nur allgemeine Vorstellungen von unserem Land. Aber er interessiert sich für unsere Kultur. Er fragt nach dem Bolschoi-Theater. Wenn alles entschieden ist und er diese Falle am Flughafen endlich verlassen kann, wird er aber auf jeden Fall Zeit brauchen, um sich in Russland zurechtzufinden.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie ausschließen, dass Putin sich doch noch auf einen Deal mit Obama einlässt?

Kutscherena: Russland wird ihn nicht herausgeben.

Das Interview führten Benjamin Bidder und Matthias Schepp in Moskau

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 230 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Orden
Sabi 24.07.2013
Demnächst erhält der Typ den Leninorden und den Titel Held der Sowjetunion - oops die gibt's vielleicht inzwischen nicht mehr, oder ?
2. Asylantrag eines Verwirrten
reactor 24.07.2013
Wenn man sich den formalen Asylantrag des Herrn Snowden mal neaher anschaut, dannt kommen einem so langsam die Traenen. Ein Schulkind in der 2. Klasse haette das wahrscheinlich besser fuer Ihn aufsetzen koennen. Edward Snowden requests asylum in Russia using handwritten note - NY Daily News (http://tinyurl.com/jvse9qh) Dieses Schreiben allein spricht schon Baende....
3. Gute Nachrichten!
NorbertHirsch 24.07.2013
Schön, mal wieder was von Herrn Snowden zu hören!!
4. Das ist doch Terrorismus,
broadcaststurm 24.07.2013
Zitat von sysopDPA/ Human Rights WatchEdward Snowden kann den Transitbereich des Moskauer Flughafens wohl bald verlassen, Russlands Behörden haben seine Papiere ausgestellt. Der Anwalt Kutscherena ist einer der wenigen, die Zugang zu dem NSA-Enthüller haben. Im Interview berichtet er über Snowdens Pläne und Russlands Kraftprobe mit den USA. http://www.spiegel.de/politik/ausland/interview-mit-snowdens-russischem-anwalt-kutcherena-a-912779.html
was die Russen da machen. Also muss denen mal ordentlich die Demokratie gebracht werden und die westlichen Werte gehören denen mal ordentlich vermittelt. Unsere Freiheit wird jetzt in Scheremetjewo verteidigt und wir sind jetzt alle NSA - oder so.
5. Danke und Schande
lorberost 24.07.2013
Danke den Russen und Schande über uns Großmäuler, Foristen und Tastendrücker
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Zur Person
  • AP
    Anatolij Kutscherena, 53, ist einer der bekanntesten Anwälte Russlands und engagiert sich als Menschenrechtler. Im Jahr 2006 setzte er sich für die Aufklärung eines brutalen Falls von Rekrutenquälerei in Russlands Armee ein. Zu Kutscherenas Mandanten gehören Prominente wie Regisseur und Oscar-Preisträger Nikita Michalkow. Kutscherena gilt als Kreml-nah. 2012 engagierte er sich in Wladimir Putins Wahlkampf.

Fotostrecke
NSA-Enthüllungen: Chronologie der Snowden-Affäre
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 30/2013 Außer Kontrolle: Die geheime Zusammenarbeit von NSA, BND und Verfassungsschutz SPIEGEL-Apps:

Kontrolle der deutschen Geheimdienste Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Kontrolle der deutschen Geheimdienste



Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: