Interview mit US-General Petraeus "Wir werden Afghanistan nicht in eine Schweiz verwandeln"

Beim Kampf gegen die Taliban in Afghanistan mangelte es an Truppen, Geld - und am Konzept: Isaf-Kommandeur David Petraeus hat im SPIEGEL-Interview in ungewöhnlicher Offenheit Versäumnisse eingeräumt. Mit Sorge sieht der General nun die wachsende Vernetzung von Terrorgruppen.

Von

DER SPIEGEL/ Travis Beard

SPIEGEL: Herr General, eine aktuelle Meinungsumfrage der Kabuler Universität und der Konrad-Adenauer-Stiftung hat gezeigt, dass 70 Prozent der Afghanen kein Vertrauen in ihr Parlament haben, dass 65 Prozent unzufrieden sind mit ihrer Regierung - was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Petraeus: Es gibt andere Umfragen, die belegen, dass die Afghanen sehr optimistisch in die Zukunft schauen. Aber natürlich, einige Befragungen spiegeln die verständliche Sorge angesichts des nur zähen Fortschritts, aber das heißt ja auch, dass die Erwartungen hochgeschraubt sind. Sehen Sie sich an, was in Afghanistan seit Beginn unserer Operationen alles erreicht wurde: Wir reden von Tausenden Kilometern Straße, die gebaut wurden. Wir haben - verglichen mit der Situation vorher - sieben- oder achtmal so viele Kinder in den Schulen, auch Mädchen. Im ganzen Land ist die medizinische Grundversorgung sichergestellt. Aber natürlich, während all dies erreicht worden ist, haben die Taliban und andere extremistische Gruppen ein Comeback geschafft und konnten Basen und Rückzugsräume etablieren. Dieser Prozess hat schon 2002, 2003 begonnen und er hat sich seither Jahr für Jahr verstärkt. Wir sind erst jetzt in der Lage, dagegen die nötigen Schritte zu unternehmen.

SPIEGEL: Der Kriegseinsatz hat vor neun Jahren begonnen. Wie kann es sein, dass es so lange gedauert hat, diese "nötigen Schritte" zu gehen?

Petraeus: Weil die gesamte Operation die längste Zeit nicht ausreichend ausgestattet war. Erst in den vergangenen 18 Monaten ist es uns gelungen, uns so aufzustellen, wie wir es für nötig halten. Erst jetzt haben wir alles, was wir brauchen, um mit unseren afghanischen Partnern einen breit angelegten Anti-Terror-Kampf führen zu können. Es mangelte uns vorher an geeignetem Personal, unsere Pläne und Konzepte waren nicht ausgereift, und vor allem fehlte es uns an Ressourcen, an Truppen, an zivilen Mitarbeitern und an Geld. Das ist jetzt anders: In den vergangenen eineinhalb Jahren haben allein die USA 60.000 Soldaten zusätzlich abkommandiert, wir konnten die Zahl unserer Spezialkräfte und des zivilen Personals verdreifachen, und wir können jetzt 100.000 afghanische Sicherheitskräfte zusätzlich bezahlen. Andere Länder haben ihre Anteile ebenfalls aufgestockt. Ich will mit all dem nicht sagen, dass wir in den Jahren zuvor nicht auch schon enorm Wichtiges geleistet haben. Trotzdem mussten wir 2008 und im Verlauf des vergangenen Jahres zu dem Schluss kommen, dass wir unsere Anstrengungen deutlich verstärken müssen.

SPIEGEL: Es bleibt verwunderlich. Vor ein paar Monaten hat Generalmajor Michael Flynn, der stellvertretende Stabschef der Militärgeheimdienste in Afghanistan, geschrieben, dass "der Geheimdienstapparat nach acht Jahren Krieg in Afghanistan nicht in der Lage ist, grundlegende Fragen über das allgemeine Umfeld der Operationen und über die Menschen, die gewonnen werden sollen", zu beantworten. Wie ist das möglich?

Petraeus: Wir hatten kein ausreichendes Bild von der Lage in jedem einzelnen Tal oder Dorf hier. Wie gesagt: Das ist nur zu schaffen, wenn sie eine befriedigende Truppendichte im Feld stehen haben. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Uns war nicht klar, dass sich zwei Distrikte westlich von Kandahar zu bedeutenden Stützpunkten der Taliban entwickelt hatten, obwohl dieser Prozess schon seit fünf Jahren lief. Erst vor kurzem haben wir das verstanden. Die Lehre daraus ist, dass jeder Versuch, Aufständische zu bekämpfen, lokal ansetzen muss. Das aber heißt, man muss die Dynamik, den Charakter, die Gebräuche, das System, die Traditionen jedes Ortes verstehen - und dieses Verständnis ist eben nicht zu erlangen, solange sie nicht über genügend Leute verfügen.

SPIEGEL: Wer sind die Aufständischen? Was meinen Sie, wenn Sie Taliban sagen? Es wirkt manchmal so, als wüssten wir noch nicht einmal, wer sie wirklich sind...

Petraeus: Das sehe ich anders. Die Taliban sind eine klar strukturierte, hierarchische Organisation, die wir sehr wohl beschreiben können. Natürlich, wenn sie in die unteren Ränge gehen, wird das Bild unschärfer. Dort finden Sie den Zehn-Dollar-Taliban oder andere, die sich wie Chamäleons zwischen den Fronten bewegen. Aber insgesamt kann ich Ihnen ein Organigramm malen mit Mullah Omar an der Spitze, darunter seine Leutnants und Stellvertreter, und wir kennen auch die verzweigteren Abteilungen. Darüberhinaus haben wir gute Erkenntnisse über die vielen, fast symbiotischen Beziehungen zwischen den pakistanischen und den afghanischen Taliban, zwischen dem Hakkani-Netzwerk, al-Qaida und anderen Extremistengruppen.

SPIEGEL: Wie gut entwickelt ist das von Ihnen beschriebene große Netzwerk?

Petraeus: Es ist ziemlich gut entwickelt. Es verfügt zwar sicher nicht über den Hightech-Apparat und die Ausrüstung moderner Streitkräfte, aber sie haben es zum Beispiel geschafft, gut funktionierende Kommunikationswege zu etablieren. Beim Bau von ferngezündeten Sprengsätzen und gebastelten Bomben haben sie es tragischerweise sehr weit gebracht und überraschen uns sogar mit Innovationen. Die Basis dafür ist das von mir beschriebene quasi-symbiotische Netzwerk: Al-Qaida verfügt vielleicht über einen besonders geschickten Bombenbauer, der seine Kenntnisse mit anderen Organisationen teilt. Eine andere Gruppe mag viel über Kommunikation wissen und reicht das weiter. Wieder andere kennen sich gut aus mit gefälschten Dokumenten oder mit Waffen - und alle im Netzwerk profitieren davon, was uns große Sorge bereitet. Wir reden hier nicht nur über Gefahren für Afghanistan. Dies ist eine Bedrohung für die ganze Welt. Der Anschlagsversuch am Times Square in New York war kein Werk von al-Qaida, sondern von pakistanischen Taliban. Auch andere Gruppen weiten ihre internationalen Aktivitäten aus.

SPIEGEL: Um sie zu besiegen, verfolgen Sie nun eine sehr ähnliche Strategie wie im Irak. Die drei Säulen sind der Einsatz von Spezialkräften, der "surge" konventioneller Truppen und der Versuch, lokale Anführer und Stammesälteste zu erreichen.

Petraeus: Man braucht in der Tat Anti-Terror-Einheiten, Spezialkräfte, die die Anführer und Schaltstellen aufspüren, aber das reicht nicht - das haben wir im Irak gelernt. Wir konnten Sarkawi zur Strecke bringen (Abu Mussab al-Sarkawi galt als "Emir" der Qaida im Irak und starb bei einem US-Angriff im Juni 2006, Anmerk. d. Red), aber die Gewalt wurde danach nur schlimmer. Fünf Jahre lang hatten wir Operationen der Spezialkräfte in Ramadi, Nacht für Nacht - aber wir wurden der Gewalt nicht Herr. Erst als im Zuge des "surge" konventionelle Streitkräfte nachrückten, um die Stadt von Feinden zu räumen, sie zu halten und wiederaufzubauen, hatten wir Erfolg. Wir brauchen solche Abläufe auch hier in Afghanistan, und wir brauchen die Zusammenarbeit mit den afghanischen Sicherheitskräften, dem einheimischen Militär und der neuen "lokalen Polizei", die wir gerade in 68 Gemeinden aufstellen. Stellen Sie sich eine Art Nachbarschaftswache mit Kalaschnikows vor, aber abgesegnet von den lokalen Räten und kontrolliert vom Innenministerium.

SPIEGEL: Dieses Konzept einer "lokalen Polizei" wird von Ihren europäischen Nato-Verbündeten scharf kritisiert. Können Sie die Furcht verstehen, dass hier nur neue Milizen bewaffnet werden, die auf Dauer nicht zu beherrschen sind?

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 73 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
readme74 19.09.2010
1. das glaube ich auch nicht...
---Zitat--- "Wir werden Afghanistan nicht in eine Schweiz verwandeln" ---Zitatende--- Nein, das sieht der amerikanische Neokolonialismus bei weitem nicht vor, daß Afghanistan eine neue Schweiz wird. Da hat Herr Petraeus schon recht wenn er das sagt.
Der Doc 19.09.2010
2. Großes Fragezeichen ...
Zitat von sysopBeim Kampf gegen die Taliban mangelte es an Truppen, Geld - und am Konzept: Isaf-Kommandeur David Petraeus hat im SPIEGEL-Interview in ungewöhnlicher Offenheit Versäumnisse eingeräumt. Mit Sorge sieht der General nun die wachsende Vernetzung von Terrorgruppen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,718274,00.html
Sorry, aber selten so einen Unsinn gehört. Er rezitiert die gleiche Rede immer und immer wieder. Das Bild in Afghanistan selbst ist ganz anderes. Und die Afghanen haben auch ganz andere Vorstellungen und Befürchtungen für die Zukunft. Während sich der Herr hier versucht zu rechtfertigen und seinen völlig planlosen Plan zu erklären, bereiten sich die Afghanen selbst schon auf den nächsten Bürgerkrieg gegen die Taliban vor: http://www.time.com/time/world/article/0,8599,2019986,00.html In den kommenden Monaten wird die NATO weiterhin versagen, die Taliban werden zusätzlich an Macht gewinnen, die Paschtunen werden sich zunehmend hinter die Taliban stellen, die Nicht-Paschtunen werden sich aggressiv auf einen Bürgerkrieg gegen die Paschtunen vorbereiten und den Nachbarn Afghanistans - China, Iran, Indian, selbst Russland - wird langsam die Geduld ausgehen. Der Iran möchte keine radikalen Sunniten an seiner Ostgrenze. China möchte keine Fanatiker in Afghanistan, die eventuell die Uighuren mit Waffen und "Personal" beliefern. Russland möchte keine in Afghanistan trainierten usbekischen oder tadschikischen Islamisten in Zentralasien sehen. Und Indien hat genug von Pakistans Monopolstellung in Afghanistan (was ein Sieg der Taliban ja bedeuten würde). Somit werden all diese Staaten die nicht-paschtunische Allianz mit Waffen, Geld und Logistik versorgen. Ein Bürgerkrieg kann kaum noch abgewehrt werden. Mann sollte endlich auf Robert Blackwill hören und das Land in einen paschtunischen und einen nicht-paschtunischen Staat aufteilen, bevor es zu spät ist!
Solipsist, 19.09.2010
3. Afghanistan?
Es gibt keine Afghanen, sondern Paschtunen, Tadschiken, Hazara, Turkmenen, Usbeken, Pakistani, Aimak,... Ist ein Land wohlhabend ist es den einzelnen Gruppen egal was die anderen machen, solang es einem selber gut geht. Doch "Afghanistan" wurde in den letzten 30 Jahren in die Hölle gebombt. Ein Land wie "Afghanistan" kann nicht befriedet werden, schon aus geographischen, ethnischen und wirtschaftlichen Gründen heraus. Die Einführung der "Demokratie" war der größte Schwachsinn, den man sich hat Einfallen lassen. Am Besten zieht man einen Zaun um das Land und lässt sich die Stämme 10-20 Jahre lang bekriegen bis einer die Oberhand gewinnt. Dann kann man mal anfangen diplomatische Kontakte aufzunehmen. Wie kommt der "Westen" auf die Idee sich in die Angelegenheiten eines Landes wie "Afghanistan" einzumischen und zu denken, es besser zu wissen. Klar, dass die Taliban so beliebt sind, denn sie sind Sammelbecken für die Unzufriedenen, auch wenn sie nicht umbedingt Symphatisanten sind. Zumindest das hat der "Westen" erreicht, den einzigen Konsens in "Afghanistan": Der Hass gegen den "Westen"! Zumindest ein Teilerfolg.
PeaceNow 19.09.2010
4. ...
"Interview mit US-General Petraeus "Wir werden Afghanistan nicht in eine Schweiz verwandeln" Natürlich nicht, so oder so, wiel ihr daraus bereits einen Friehof, Trümmerfeld und Endlager für Uran- und Phosphormunition gemacht habt. Die Taliban und der afghanische Wiederstand wird es euch gebührend danken, zumindest soviel ist sicher.
sapere_aude!, 19.09.2010
5. Schweizer Käse
Wie, war das etwa ein Eingeständnis, dass der Verwandlungsversuch ("Bombenzauber") nicht wirklich funktioniert? Immerhin ein Teilerfolg: Betrachtet man Bora Bora, die Bombenkrater, usw....zumindest erinnert das Land entfernt an einen schweizer Käse!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.