Schriftsteller Jerofejew im Interview "Das Volk wollte eine harte Strafe"

Die Radikalen haben gewonnen: Mit dem Urteil gegen Pussy Riot wendet sich Russland endgültig vom Westen ab, sagt der Schriftsteller Wiktor Jerofejew im Interview. Die Mehrheit der Bevölkerung aber begrüße das drakonische Urteil, "das ist die schreckliche Wahrheit".

AP

SPIEGEL ONLINE: Wie kommentieren Sie das Urteil gegen Pussy Riot?

Jerofejew: Es ist ein Wahnsinn. Das Urteil weckt die Erinnerungen an die schlechtesten Zeiten unserer Geschichte. Es spuckt all denen ins Gesicht, die ein modernes, weltoffenes Russland wollen. Ich fürchte, dieser Wahnsinn ist erst dann zu Ende, wenn eine neue Generation von Politikern heranwächst.

SPIEGEL ONLINE: Warum sprechen Sie von den schlechteste Zeiten russischer Geschichte?

Jerofejew: Weil diese Mädchen in die Geschichte Russlands eingehen werden so wie die Schauprozesse unter Stalin in den dreißiger Jahren oder der Prozess gegen den Dichter Joseph Brodski. Brodski wurde 1964 wegen Rowdytums angeklagt so wie Pussy Riot heute. Es ging aber damals um Politik so wie es heute um Politik geht.

SPIEGEL ONLINE: Worin sehen Sie den Kern der Auseinandersetzung?

Jerofejew: Als die Mädchen von Pussy Riot in die Christ-Erlöser-Kathedrale eindrangen, haben sie mit ihrem 40 Sekunden Auftritt auf eine paradoxe Weise und ohne es zu wollen die Achillesferse des heutigen Russlands getroffen. Die Aktion in der Kirche war für sie nur eine weitere provokative Performance. So wie die Gruppe Woina, was übersetzt Krieg bedeutet, einen Penis auf eine Brücke in Sankt Petersburg projiziert hat, um gegen die Macht der Geheimdienste zu protestieren. Die Kunst ist nun auch in Russland auf die Straße gegangen - so wie sie es in vielen Ländern tut.

SPIEGEL ONLINE: Welchen wunden Punkt hat Pussy Riot berührt?

Jerofejew: Die Vereinigung von Staatsideologie und der Ideologie der Russischen Orthodoxen Kirche (ROK). Das iranische Modell: den Gleichklang von Staat und Religion.

SPIEGEL ONLINE: Übertreiben Sie da nicht?

Jerofejew: Russland steht an einer Weggabel. Noch vor kurzem schien es, als würden wir den Weg nach Westen suchen. Auf Umwegen zwar und mit dem Gepäck unserer langen autoritären Vergangenheit, aber doch den Weg nach Westen. Putin hat nun ganz bewusst Asien gewählt. Liberal ist in meiner Heimat zu einem Schimpfwort geworden. Dabei sind es die Liberalen, die für europäische Werte stehen.

SPIEGEL ONLINE: Warum hat Putin diesen Kurswechsel vorgenommen?

Jerofejew: Als Reaktion auf die Massenproteste. Der Kreml wendet sich von europäischen Werten ab und einem neuen ideologischen Code zu: der Vereinigung von Staat und Kirche. Unter dem Motto "Orthodoxe Zivilisation" soll eine neue Utopie geschaffen werden.

SPIEGEL ONLINE: Welche Ziele verfolgt der Kreml damit?

Jerofejew: In einer solchen religiös-orthodoxen Ordnung ist klar, wer Feind und wer Freund ist. Der Staat hält dann die Hebel in der Hand, um das moralische und politische Klima zu steuern. Die Verschärfung vieler Gesetze nach Putins Amtsantritt sah zunächst aus wie ein Pendelausschlag gegen die liberale Zeit unter seinem Vorgänger Dmitrij Medwedew. Durch den Prozess gegen Pussy Riot wurde diese Politik nun für alle sichtbar zum Programm.

SPIEGEL ONLINE: Wie reagierte die russische Gesellschaft auf den Prozess?

Jerofejew: Die Mehrheit wollte eine harte Strafe für Pussy Riot. Das ist die Stimme des Volkes. Das ist die schreckliche Wahrheit. Die Mädchen sollen in Stücke gerissen werden. Diese Menschen hatten Großväter und Großmütter, die mit großem Vergnügen zugesehen haben wie die Christus-Erlöser-Kathedrale von Stalin in die Luft gesprengt wurde, weil Religion als Opium für das Volk galt. Die Kathedrale wurde in den neunziger Jahren wiederaufgebaut, in ihr führten Pussy Riot ihre Aktion durch. Der Hass der Gegner von Pussy Riot kommt von der mangelnden Kenntnis der Religion. Sie vergessen, dass die Orthodoxe Kirche eine Tradition der Barmherzigkeit hat. Ja, den Gegnern von Pussy Riot ist selbst die Position der Orthodoxen Kirche noch zu mild. Da wird dann gesagt, dass doch in islamischen Staaten bei einem ähnlichen Vorfall noch viel härter reagiert würde. Wir erleben so etwas wie einen Bürgerkrieg unter dem Teppich.

SPIEGEL ONLINE: Wer steht auf der anderen Seite?

Jerofejew: Die aufgeklärte Gesellschaft. Die nimmt das nicht hin. Sie sind nicht bereit für das iranische Modell. Und auch viele einfache Menschen werden sich damit nicht anfreunden wollen. Sie wollen tanzen, sie wollen Nachtclubs mit nackten Brüsten. Daran haben sie sich in den vergangenen zehn Jahren gewöhnt. Putin hat die private Freiheit garantiert und nicht angerührt. Jeder konnte das Leben führen, das er wollte: Wer Nutte sein wollte, war Nutte. Wer ins Kloster wollte, ging ins Kloster.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt in der Orthodoxen Kirche auch Kritiker des Prozesses gegen Pussy Riot. Warum haben diese sich nicht durchgesetzt?

Jerofejew: Die Radikalen rund um den Patriarchen haben gewonnen. Sie haben ihre Chance genutzt. Nach einigem Zögern hat sich die Kirche entschieden, nicht auf Milde, sondern auf Strafe zu setzen. Aus den Lehren des Christentums hat sie nicht den Frieden gewählt, sondern das Schwert. Nicht die Versöhnung, sondern die moralische Vernichtung dieser Mädchen.

Das Interview führte Matthias Schepp in Moskau

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Seite 1
el-gato-lopez 17.08.2012
1. Countdown läuft
Zitat von sysopDPADer Prozess gegen Pussy Riot sorgt weltweit für Proteste. Aber die Mehrheit der Russen begrüßt das harte Urteil gegen die drei Frauen, sagt der Schriftsteller Wiktor Jerofejew im Interview. Das sei die "schreckliche Wahrheit". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,850657,00.html
Der Neustart-Countdown läuft, auch wenn jetzt in den Medien und Foren getobt, geschimpft und sich empört wird. Auch wenn jetzt Intellektuelle und Politiker, primär all jene, die sich selbst gern reden hören, vor die Kameras treten oder ihre Entrüstung in die Blöcke diktieren. Auch wenn jetzt Foristen und Symphatisanten lauthals Solidarität einfordern - ja was wollen die den z.B. boykottieren: "Ich kaufe keine MIG-Jets mehr?" oder "Kein russisches Erdgas!" Mal schauen, wie's dann bei -10 Grad in der Wohnung ausschaut..." Die Welt wird sich weiter drehen und sobald der nächste "Aufreger" gefunden wurde (man könnte auch das Schwein und das Dorf bemühen) ist Russland und Pussy Riot eh vom medialen Empörungsradar verschunden. Der nächste Aufreger steht ja schon bereit: "Bundeswehreinsätze im Innern" - da kann man tonnenweise Artikel, Interviews, Postings abliefern.
Izmi 17.08.2012
2. Gefährdung
Zitat von sysopDPADer Prozess gegen Pussy Riot sorgt weltweit für Proteste. Aber die Mehrheit der Russen begrüßt das harte Urteil gegen die drei Frauen, sagt der Schriftsteller Wiktor Jerofejew im Interview. Das sei die "schreckliche Wahrheit". http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,850657,00.html
Dass die "Pussys" in dieser Form verurteilt wurden, halte ich für einen schweren Fehler, und ich kann mir nicht denken, dass das Urteil in der Form Bestand haben wird. So dumm werden die Russen und selbst Putin nicht sein. Aber der Schriftsteller Jerofejew erweist seinem Land mit diesem Interview einen Bärendienst, weil er selbst bei mir alle Vorurteile weckt, die ich dieser sogenannten jungen Opposition entgegenbringe. Wenn er schlicht "den Westen" als Vorlage für die zu entwickelnde russische Politik nennt und solche Vorstellungen, wie "sie wollen tanzen, sie wollen Nachtclubs mit nackten Brüsten" hat - dann gute Nacht. Dann ist die Demokratie wohl wirklich eher von dieser Seite gefährdet, als von den Autokraten der Putinpartei.
BettyB. 17.08.2012
3. Tja, Demokratie wollen und die Meinung der Mehrheit ignorieren...
Dass Jerofejew anscheinend nicht weiß, was er will, nun ja, aber wozu ein Interview, in dem Schepp nicht darauf hinweist. Schließlich wollte selbst nach Jerofejew die Mehrheit der Russen ein härteres Urteil. Das Problem, demokratisch bedeutet eben nicht aufgeklärt...
Regulisssima 17.08.2012
4. Abwendung
Russland wendet sich nicht vom Westen ab, sondern von der Vernunft, politischem Augenmass und der Zukunft.
hartmut.j.fischer 17.08.2012
5. optional
Ach Herr Jerofejew, "Sie vergessen, dass die Orthodoxe Kirche eine Tradition der Barmherzigkeit hat" - wieviel Beispiel für diese Barmherzigkeit haben Sie denn? Ich kenn jedenfalls keine Kirche, die nicht mit absolutistischen Methoden ihre Kritiker zum Schweiden zu bringen versucht - und die unheilige Allianz von Staat und Kirche zieht sich ja auch wie ein roter Blutsfaden durch die Geschichte. Diesen Schwachsinn von wegen die Kirche sei ja gar nicht so kann ich nicht mehr hören!
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