Interview mit Zeruya Shalev "Ein riesiges moralisches Dilemma"

Sie wurde selbst vor Jahren bei einem Attentat in Jerusalem schwer verletzt. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE spricht die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev über das moralische Dilemma des Krieges in Nahost, die Tragödie von Kana und die Schuld der Hisbollah.


SPIEGEL ONLINE: Frau Shalev, gestern starben bei einem israelischen Luftangriff in Kana mehr als 50 Menschen - die meisten von ihnen Frauen und Kinder. Wie lange kann Israel diesen Krieg noch führen?

Autorin Shalev (bei einer Lesung in Köln): Unglaublich traurig und schockiert
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Autorin Shalev (bei einer Lesung in Köln): Unglaublich traurig und schockiert

Shalev: Die Hisbollah schießt Raketen auf Zivilisten in Israel aus der Mitte der libanesischen Bevölkerung. Sie nutzt die Zivilisten als Basis für ihre militärischen Aktionen und es ist schwierig sich dagegen zu wehren, ohne dass Zivilisten getötet werden. Ich wünschte, das wäre möglich. Israel warnt die Menschen und fordert sie auf in Bunker zu gehen, aber ich habe gehört, dass die Hisbollah den Menschen nicht erlaubt, aus den Dörfern zu fliehen. Die Hisbollah benutzt die Zivilbevölkerung.

Was gestern in Kana passiert ist, ist eine große Tragödie und ich bin unglaublich traurig und schockiert - aber wiederum ist es passiert, weil die Hisbollah von Kana aus Hunderte Raketen auf Israel abgefeuert hat. Die israelische Armee wusste nicht, dass sich in dem Gebäude in Kana auch Zivilisten verstecken. Sie dachten, dass in dem Gebäude nur Hisbollah-Kämpfer sind. Es ist schrecklich, ein schrecklicher Fehler. Definitiv sind die Zivilisten im Libanon Opfer der Hisbollah, die sich dem libanesischen Volk gegenüber sehr unverantwortlich verhält.

Tatsache ist: Es gibt keine klaren Antworten. Ich denke die ganze Zeit darüber nach und stelle mir selbst Fragen. Ich bete dafür, dass der Krieg schon heute zu Ende ist und dass die libanesische Regierung genug Macht hat, um die Hisbollah aus dem Libanon zu vertreiben. Ich bete dafür, dass Frieden in das Land kommt.

SPIEGEL ONLINE: Reagiert die israelische Regierung richtig?

Shalev: Die Antwort darauf ist sehr komplex und ein riesiges moralisches Dilemma für uns alle. Ich befürworte nicht jeden einzelnen Schritt der israelischen Regierung, aber ich befürworte es prinzipiell, dass sie ihr Volk schützt. Es ist schwierig, Pazifist zu sein, wenn dein Leben in Gefahr ist und jemand dich töten will. Es gibt nur eine Wahl zwischen zwei schlechten Optionen und Krieg ist immer eine furchtbare Option. Wir alle sind geschockt über die toten Libanesen.

Aber als Israel sich vor sechs Jahren aus dem Libanon zurückgezogen hat, dachte jeder, wir machen einen Schritt in Richtung Frieden. In all diesen Jahren seitdem waren wir uns nicht im Klaren darüber, welche Bedrohung die Hisbollah darstellt. Sie hat die sechs Jahre genutzt, um Raketen zu bekommen und sich auf den Krieg vorzubereiten. Unser Schritt in Richtung Frieden wurde von ihnen als Schwäche interpretiert. Der Nahe Osten ist ein grausamer Ort mit grausamen Regeln und es bricht mir das Herz, wenn ich höre, dass unschuldige Menschen im Libanon sterben - für mich gibt es keinen Unterschied zwischen israelischen und libanesischen Zivilisten.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben Freunde bei sich in Jerusalem aufgenommen, die vor den Raketen der Hisbollah aus Nord-Israel geflohen sind. Was haben diese Menschen erzählt?

Zeruya Shalev: Der Krieg hat ihr Leben gelähmt. Sie kommen aus Haifa und sind nicht an Krieg gewöhnt. Plötzlich konnten sie sich nicht mehr frei bewegen, die Kinder haben geweint und hatten Angst. Wenn Alarm ertönte, mussten sie immer wieder in den Bunker, sich dort vor den Raketen verstecken. Einige Menschen aus ihrer Nachbarschaft wurden verletzt. Für diese Menschen ist dieser Krieg ein Trauma - wie für die mehr als eine Million Menschen im Norden Israels. Sie können sich in ihren eigenen Häusern nicht mehr sicher fühlen. In diesem Sinne ist der Krieg noch härter als die Intifada - vor Selbstmordattentaten kann man sich zu Hause sicher fühlen.

SPIEGEL ONLINE: Der Hisbollah-Chef Nasrallah hat damit gedroht, auch israelische Städte südlich von Haifa anzugreifen. Ist dieser Krieg ein Krieg um die Existenz Israels?

Shalev: In gewisser Weise, ja. Denn wir alle wissen, dass es nicht nur um die Hisbollah geht, sondern dass die Hisbollah von Syrien und Iran gestützt wird. Und die sagen sehr offen, dass sie Israel zerstören wollen. Wir in Israel haben das Gefühl, dass dieser Krieg in vielerlei Hinsicht eine kritische Stufe im Prozess der Bedrohung von Israels Existenz ist. Wenn die Hisbollah gewinnt, werden Iran und andere islamistisch-fundamentalisch-terroristische Gruppen in Jordanien und Ägypten ermutigt und Israel wird nicht mehr normal leben können. Auf lange Sicht stellt dieser Krieg also eine riesige Gefahr für Israel dar, aber auch für den gesamten Nahen Osten und die westliche Welt. Wenn Israel gegen die Hisbollah gewinnt, so hofft man hier, werden die Extremisten geschwächt und es wird leichter zu einem Friedensabkommen kommen.

SPIEGEL ONLINE: Ist die Angst auch in Jerusalem, wo Sie leben, zu spüren?

Shalev: Nein. Und das ist auch das Merkwürdige an diesem Krieg. In den letzten Jahren war es während der Intifada in Jerusalem immer sehr gefährlich. Die Menschen hatten Angst nach Jerusalem zu kommen. Plötzlich ist es hier jetzt sehr dynamisch und Menschen aus dem Norden kommen, um sich vor den Raketen zu schützen. Im Moment haben wir einen großen Vorteil, weil wir hier leben. Trotzdem fühlen wir natürlich alle mit und sind Teil dieses Krieges. Wir wissen, dass die Hisbollah auch Waffen bekommen könnte, mit mit denen sie Jerusalem erreichen. Das ist nur eine Frage der Zeit - und auch in diesen Tagen gibt es die Gefahr durch Selbstmordattentäter.

SPIEGEL ONLINE: Es wurden große Hoffnungen in die Demokratisierung des Libanon gesetzt. Sind diese Hoffnungen nun alle zunichte gemacht worden?

Shalev: Ich glaube, dass es noch ein bisschen Hoffnung gibt - wenn die libanesische Regierung es schafft die Hisbollah zu entwaffnen und sie loswird. Israel hat keinen Konflikt mit der libanesischen Regierung.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben auch viele palästinensische Freunde. Was sagen die zu diesem Krieg?

Shalev: Ich habe das Gefühl, dass das Dilemma für sie noch viel größer ist. Wenn sie Kritik an der Hisbollah üben stehen sie in der arabischen Welt als Verräter da - selbst wenn die pragmatischen Kräfte längst realisiert haben, dass dieser Krieg eine Gefahr für die ganze Region ist. Es ist Teil der Tragödie, dass die pragmatischen Kräfte in der arabischen Welt die fundamentalistischen Extremisten nicht kontrollieren können.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie Ihren Kindern noch die Hoffnung auf Frieden in Israel vermitteln?

Shalev: Ich sage meinen Kindern, dass wir die Hoffnung nicht verlieren dürfen und es wieder und wieder versuchen müssen zu einem Friedensabkommen mit den Palästinensern zu kommen. Ich sage ihnen, dass nicht alle Palästinenser unsere Feinde sind, nur die Terroristen und dass es möglich ist, irgendwann ein Abkommen mit den pragmatischen Kräften auszuhandeln. Und auch wenn die Stimmen der Extremisten im Moment immer lauter werden, fordere ich sie auf, auch auf die Stimmen der moderaten Palästinenser zu hören.

Im Moment sieht es nicht so aus, als ob ein Friedensabkommen in Reichweite ist, aber die Mehrheit der Israelis will den Frieden und ist zu Kompromissen bereit. Was im Moment passiert, zeigt aber auf sehr klare und tragische Art und Weise, wie die Anstrengung der Israelis zum Frieden - der Abzug aus dem Libanon und dem Gaza-Streifen - als Schwäche interpretiert wird und Krieg und immer mehr Terror bringt. Das ist das traurige Paradoxon des Nahen Ostens.

Das Interview führte Anna Reimann



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