Raketenstart in Nordkorea: "Das Regime hat sein Gesicht verloren"
Der Schuss ging nach hinten los: Nordkoreas gescheiterter Raketenstart ist ein schwerer Rückschlag für den jungen Machthaber Kim Jong Un. Im Interview erklärt Asien-Experte Hanns Günther Hilpert, was der Flop für das Regime bedeutet.
SPIEGEL ONLINE: Nordkoreas umstrittener Raketenstart ist gescheitert, der Flugkörper stürzte nach wenigen Sekunden ins Meer. Was bedeutet das Debakel für Nordkorea?
Hilpert: Der Fehlstart ist ein Gesichtsverlust für das Regime - allerdings mehr in der Wirkung nach außen als nach innen. Der Start der Rakete war groß angekündigt, Journalisten wurden zur Abschussrampe geführt, man redete von einem Weltraumprogramm. Der Fehlschlag sagt viel aus über die technische Leistungsfähigkeit des Landes.
SPIEGEL ONLINE: Wie geschwächt ist der neue Führer Kim Jong Un?
Hilpert: Kurzfristig ist der gescheiterte Versuch, die Langstreckenrakete zu starten, kein Problem für seine Macht. Das Regime wird die Feierlichkeiten zum 100. Geburtstag von Staatsgründer Kim Il Sung am 15. April nicht durch interne Machtkämpfe gefährden. Aber Kim Jong Un muss zur eigenen Legitimation auch Leistungen bringen, er muss die politischen und wirtschaftlichen Probleme des Landes lösen. Es reicht nicht, nur der Enkel des Staatsgründers zu sein. Und dieser Raketenstart war alles andere als ein Leistungsnachweis.
SPIEGEL ONLINE: Wie geht es außenpolitisch für Nordkorea weiter?
Hilpert: Zwischen den USA und Nordkorea herrscht jetzt erst einmal Eiszeit. Damit musste Nordkorea rechnen, als es mit dem Raketenstart gegen die Resolution des Sicherheitsrats und gegen die Vereinbarungen mit den USA vom Februar verstieß. Nordkorea hatte sich damals verpflichtet, sein Atomprogramm und die Raketentests für die Lieferung von Nahrungsmitteln auszusetzen. Die USA fühlen sich zu Recht herausgefordert. Dennoch sind sie aus Sicherheitsgründen daran interessiert, mit Nordkorea in Kontakt zu bleiben. So gesehen kommt der fehlgeschlagene Raketentest für die USA auch gelegen. Nordkorea ist durch den Fehlschlag düpiert und Obama ist entlastet. Es stehen keine Verhandlungen mehr an, in denen er Zugeständnisse machen müsste - die ihm dann als Schwäche angekreidet werden würden.
SPIEGEL ONLINE: Selbst China ist besorgt über die Sicherheitslage in der Region. Wie wahrscheinlich sind jetzt Atomtests von nordkoreanischer Seite?
Hilpert: Man hat wohl über Satellitenbilder Tunnelarbeiten entdeckt, die auf geplante Atomtests hinweisen könnten. Was wirklich stattfindet, lässt sich aber nur schwer beurteilen. Man kann spekulieren, dass im Jahr des 100. Geburtstags von Kim Il Sung weitere Raketenstarts oder Atomtests stattfinden sollen, aber letztlich ist das pure Spekulation.
SPIEGEL ONLINE: Wie wird sich die internationale Gemeinschaft jetzt verhalten?
Hilpert: Wegen des Fehlschlags ist die Empörung nicht so groß, als wenn der Start der Rakete Erfolg gehabt hätte. Selbst wenn es zu Gesprächen im Uno-Sicherheitsrat kommt, wird China Sanktionen zu verhindern wissen. Man wird argumentieren, die bisherigen Sanktionen hätten verhindert, dass Nordkorea eine funktionsfähige Rakete bauen kann. Andererseits sind auch die USA jetzt wohl kaum an einer Eskalation interessiert.
SPIEGEL ONLINE: Besteht nicht die Gefahr, dass Sanktionen die Lage verschärfen?
Hilpert: Angesichts der noch immer unklaren Machtverhältnisse in Pjöngjang ergibt es Sinn, mit Nordkorea im Gespräch zu bleiben. Eine Isolierung Nordkoreas könnte das Regime dazu verleiten, sich mit neuerlichen Aggressionen wieder auf die Tagesordnung der Weltpolitik zu setzen, wie es das schon 2010 getan hat. Es ist daher zu erwarten, dass man erst mal weiter auf diplomatische Gespräche setzt.
Das Gespräch führte Tatjana Heid
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- Freitag, 13.04.2012 – 18:20 Uhr
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Fläche: 122.762 km²
Bevölkerung: 24,346 Mio.
Hauptstadt: Pjöngjang
Staatsoberhaupt:
Kim Il Sung (obwohl bereits 1994 verstorben);
Protokollarisches Staatsoberhaupt: Kim Yong Nam;
"Oberster Führer": Kim Jong Un
Regierungschef: Pak Pong Ju
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Zum Abschluss der vierten Sechs-Länder-Gespräche im September 2005 verpflichtete sich Pjöngjang grundsätzlich zur Aufgabe aller Atomwaffen und Nuklearprogramme, das Atomprogramm lief aber im Geheimen weiter. 2007 zeichnete sich erneut eine Einigung im Atomstreit ab: Die nordkoreanische Seite sagte zu, seine Atomanlagen stillzulegen und die ausländischen Atominspekteure wieder zuzulassen. Im Gegenzug sollte das Land wirtschaftliche, humanitäre und Energiehilfe erhalten und von der US-Liste der den Terror unterstützenden Staaten gestrichen werden. Im Juni 2008 übergab Nordkorea eine seit Monaten überfällige Liste mit Einzelheiten seines Nuklearprogramms an China und sprengte den Kühlturm der abgeschalteten Atomanlage Yongbyon.



| Militär in Nord- und Südkorea | ||
| Nordkorea | Südkorea | |
| Truppenstärke insgesamt | 1.106.000 | 687.000 |
| darunter Heer | 950.000 | 560.000 |
| Marine | 46.000 | 68.000 |
| Luftwaffe | 110.000 | 64.000 |
| Reservisten | 4.700.000 | 4.500.000 |
| Kampfpanzer | 3.500 | 2.750 |
| Artilleriegeschütze | 17.900 | 10.774 |
| Boden-Boden-Raketen | 64 | 12 |
| einsatzbereite Kampfflugzeuge | 620 | 490 |
| darunter Jagdflugzeuge | 388 | 467 |
| Bomber | 80 | - |
| Kriegsschiffe | 8 | 47 |
| darunter Zerstörer | - | 10 |
| Fregatten | 3 | 9 |
| Korvetten | 5 | 28 |
| taktische U-Boote | 63 | 13 |
| kleinere Küstenwachboote | 329 | 76 |
| (Quelle: International Institute for Strategic Studies (IISS, London) | ||
- Nordkoreas Testpanne: Kim macht ein bisschen Bumm (13.04.2012)
- Absturz ins Meer: Nordkorea gibt Raketenpanne zu (13.04.2012)
- Nordkorea: Umstrittener Raketenstart scheitert
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