Interview zum Horch-U-Boot Nur für den Kriegsfall zu gebrauchen?

Sind Berichte über Spionage-U-Boote nur schlechte Science-Fiction? SPIEGEL ONLINE befragte den EU-Parlamentarier Gerhard Schmid (SPD). Er ist Mitglied im Sonderausschuss, der das amerikanische Abhörsystem "Echelon" untersucht.


Gerhard Schmid und andere EU-Parlamentarier wollten sich Anfang Mai in Washington über US-Abhörtricks informieren. Aber die Geheimdienste ließen alle Gesprächstermine platzen
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Gerhard Schmid und andere EU-Parlamentarier wollten sich Anfang Mai in Washington über US-Abhörtricks informieren. Aber die Geheimdienste ließen alle Gesprächstermine platzen

SPIEGEL ONLINE:

Laut "Wall Street Journal" verfügen die USA über ein U-Boot, mit dem sie Telefonkabel im Meer anzapfen können. Glauben Sie das?

Gerhard Schmid: Man weiß sehr sicher, dass die Vereinigten Staaten ein U-Boot so umbauen, dass es in seiner Mitte eine Schleuse hat. Das kann für das Aussetzen größerer Gegenstände gut sein, aber auch dafür, ein Glasfaserkabel an Bord zu holen. Das Boot wird aber wahrscheinlich erst in zwei Jahren fertig.

SPIEGEL ONLINE: Haben die USA denn schon Erfahrung mit Unterwasser-Spionage?

Schmid: Ja, die Russen haben im Eismeer Abhöreinrichtungen der Amerikaner gefunden, daher sind frühere Lauschangriffe belegt. Damals haben die USA allerdings leistungsschwache Kupferkoaxialkabel angezapft. Die konnte man "induktiv" belauschen, also durch ein relativ einfaches, elektronisches Verfahren.

SPIEGEL ONLINE: Glasfaserkabel übermitteln keinen Strom, sondern Lichtsignale ...

Schmid: Das ist eine ganz andere, schwierigere Situation. Früher gab es noch ein Mischsystem. In Abständen von einigen Kilometern hatten die ersten Glasfaserkabel einen Zwischenverstärker. Dort wurde das Licht wieder in Strom verwandelt, der verstärkt und dann zurück in ein optisches Signal transformiert wurde. Diese opto-elektrischen Verstärker kann man problemlos abhören, ohne dass es auffällt. Die modernen Kabel arbeiten aber mit Verstärkern auf Laserbasis. Das ist völlig unelektrisch und nicht mehr zu belauschen.

SPIEGEL ONLINE: Kommen Spione trotzdem an Daten auf Glasfaser heran?

Schmid: Der klassische Weg, ein solches Kabel anzuzapfen ist der, dass man es biegt. Ein Teil der Licht-Informationen koppelt sich dann aus und kann ausgewertet werden. Wenn der Betreiber seine Unterseekabel regelmäßig kontrolliert, fällt dieser Angriff aber auf.

Unter dem Adler-Wappen arbeiten rund 60.000 Beschäftigte für den Geheimdienst NSA

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SPIEGEL ONLINE: Außerdem gilt dieses Verfahren als technisch aufwändig ...

Schmid: Die Fülle von Informationen auf Glasfaserleitungen ist irrsinnig. Man kann sie nicht wie früher einfach mit einem Tonbandgerät aufnehmen, das man unter Wasser deponiert. Auch die Auswertung der Daten müsste deshalb im U-Boot passieren. Vorher muss noch der Schutzmantel des Kabels entfernt werden. Man sitzt dann also mit einem U-Boot irgendwo im Ozean an einem einzigen Kabel.

Wenn Sie überlegen, wie viele Glasfaserkabel es weltweit gibt, ist eins klar: Dieses Mittel kommt zur strategischen Überwachung des internationalen Telefon- und Datenverkehrs nicht in Frage. Die Kosten sind enorm. Und wenn die Amerikaner für jedes Kabel ein U-Boot bauen würden, sähe man das ihrem Staatshaushalt sehr schnell an. Wahrscheinlich würde man allenfalls im Kriegsfalle an ein strategisch wichtiges Kabel gehen. Ansonsten kann das umgebaute U-Boot aber für alle möglichen Operationen mit Kampfschwimmern verwendet werden.

SPIEGEL ONLINE: Können die Computer des US-Geheimdienstes NSA die Datenfülle der Glasfaserkabel überhaupt bewältigen?

Schmid: Ja, sicher, das schon. Und wenn das Seekabel in Amerika oder bei seinen Spionage-Partnern Großbritannien, Kanada, Australien oder Neuseeland an Land führt, brauchen die USA ohnehin kein U-Boot, um es anzuzapfen.

Das Interview führte Matthias Streitz



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