Interview zur Ukraine "Katerstimmung nach dem Rausch der Revolution"

Ein Jahr nach der Orangen Revolution zieht die ukrainische Schriftstellerin Oksana Zabuzhko Bilanz. Ihr Urteil im SPIEGEL-ONLINE-Interview: Der Bruch mit dem alten korrupten System ist Präsident Wiktor Juschtschenko nicht gelungen.


SPIEGEL ONLINE:

Frau Zabuzhko, die russische Duma hat gerade ein Gesetz verabschiedet, das eine schärfere Kontrolle regierungsunabhängiger Organisationen (NGO) vorsieht. Bürgerrechtsorganisationen sehen ihre Arbeit dadurch stark behindert. Ein neuer Angriff auf die Demokratie?

Zabuzhko: Die russische Regierung hat Angst, die Geschehnisse der Orangen Revolution könnten sich in Russland wiederholen. Die Führung versucht zu überleben und greift deshalb zu solchen Maßnahmen. Es ist aber nur noch eine Frage der Zeit, bis die Demokratie auch in Russland siegt. Für die Ukraine wird das Gesetz keine unmittelbaren Folgen haben. Es wird die Bevölkerung nur in dem Bewusstsein stärken, vor einem Jahr die richtige Entscheidung getroffen zu haben.

SPIEGEL ONLINE: Während der Orangen Revolution sprachen Sie davon, die Ukraine verwandele sich aus einem unabhängigen Staat in eine Nation. Ist die Metamorphose gelungen?

Zabuzhko: Die Mentalität der Ukrainer hat sich seit den Tagen auf dem Majdan verändert. Das Bewusstsein eine eigenständige Nation zu sein, ist gewachsen. Die Frage, wer und was ist ein Ukrainer, wurde bisher vor allem ethnisch beantwortet, nun wird sie politisch definiert. Das sehe ich als Zeichen dafür, dass eine politische Nation geboren wurde.

Zabuzhko: "Immer wieder verblüfft, wie schamlos diese Leute sind"

Zabuzhko: "Immer wieder verblüfft, wie schamlos diese Leute sind"

SPIEGEL ONLINE: Ein Großteil des Volkes, das vor einem Jahr auf die Straße ging, um Demokratie, Freiheit und Transparenz durchzusetzen, ist jedoch enttäuscht. Folgte der nationalen Euphorie eine nationale Depression?

Zabuzhko: Ich würde das nicht Depression nennen. Es handelt sich eher um ein posteuphorisches Syndrom, eine Art Katerstimmung nach einem Rausch. Diese Stimmung setzte rund ein halbes Jahr nach der Revolution ein. Viele Menschen sind enttäuscht, weil die Erwartungen so hochgeschraubt waren, dass sie kaum zu erfüllen waren. Das gravierendste Problem ist, dass es zu keinem wirklichen Bruch mit dem Kutschma-Regime kam. Die Verantwortlichen der Wahlfälschungen wurden noch immer nicht zur Rechenschaft gezogen. Diese Banditen wurden nicht ins Gefängnis gesteckt, stattdessen kandidieren sie heute wieder fürs Parlament.

SPIEGEL ONLINE: Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurden im Osten jede Menge ehemalige Funktionäre entlassen. Ganz im Unterschied zu Polen: Dort kam es zu einem historischen Kompromiss zwischen Altkommunisten und Reformern. An welchem Modell orientiert sich die Ukraine?

Zabuzhko: Die Vorgänge in der Ukraine sind - zeitversetzt - durchaus mit denen in Polen zu vergleichen. Die Polen waren während der Revolution in der Ukraine unter anderem deshalb so engagiert, weil sie ihre eigene jüngste Geschichte wiedererkannten. Als ich im Frühjahr in Warschau war, hörte ich immer wieder: 'Macht nicht die Fehler, die wir machten.' Ich fürchte, wir haben sie nicht vermieden.

SPIEGEL ONLINE: Besonders die Erneuerung der Justiz lässt zu wünschen übrig. Der Fall des vor fünf Jahren vermutlich im Auftrag des Kutschma-Regimes ermordeten Journalisten Gongadse - so etwas wie der Lackmustest für ein funktionierendes Rechtssystem - ist noch immer nicht gelöst. Auch der Dioxin-Anschlag auf Juschtschenko ist entgegen aller Absichtserklärungen nicht aufgeklärt worden.

Zabuzhko: Das sind zwei wunde Punkte. Niemand wurde in diesen Fällen bisher angeklagt. Ich nehme schwer an, dass der russische Geheimdienst hinter der Vergiftung Juschtschenkos steckte. Solange die Ukraine vom russischen Gas abhängt, wird in diesem Fall nicht konsequent ermittelt werden.

SPIEGEL ONLINE: Wie stark ist der Einfluss des russischen Präsidenten Wladimir Putin in der Ukraine heute?

Zabuzhko: Die kürzeste und einzige Antwort auf diese Frage heißt: Gaspipeline. Durch sie ist Putin nach wie vor sehr mächtig in unserem Land.

SPIEGEL ONLINE: Wie wird in diesem Zusammenhang das Engagement von Ex-Kanzler Gerhard Schröder beim deutsch-russischen Pipeline-Konsortium NEGP in der Ukraine aufgenommen?

Zabuzhko: Es zeigt, dass es in Europa so etwas wie regionale Politik nicht mehr gibt. Das führt zu den seltsamsten Überraschungen: Vor zwölf Monaten feierten wir in der Ukraine die Orange Revolution - und ein Jahr später wird der deutsche Ex-Kanzler von Gasprom angeheuert. Das ist unfassbar witzig. Ich bin immer wieder verblüfft, wie schamlos diese Leute sind.

SPIEGEL ONLINE: Eine weitere Überraschung ein Jahr nach der Revolution: Der Donezker Oligarch Rinat Achmetow, mächtigster Mann im Lager der alten Nomenklatura, hat angekündigt, im Frühjahr fürs Parlament kandidieren zu wollen.

Zabuzhko: Achmetow verfügt über Unsummen Geld, doch ich glaube nicht, dass der Prozess, der vor einem Jahr begonnen hat, rückgängig gemacht werden kann. Das größte Problem des Wandels liegt darin, dass er zu langsam vonstatten geht.

SPIEGEL ONLINE: Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich eine Revolution wie in der Ukraine auch nach den Wahlen im Frühjahr in Weißrussland ereignet?

Zabuzhko: Weißrussland ist die vielleicht tragischste Nation in Europa. Es ist immer noch ein Reservat des sowjetischen Totalitarismus. Das Schlimme ist, dass selbst die wenigen weißrussischen Intellektuellen mehr und mehr in Lethargie versinken. Mental ist das eine untergehende Nation.

SPIEGEL ONLINE: Wenig Aussicht auf revolutionären Elan also?

Zabuzhko: Dafür ist der Grund noch nicht gelegt. Solange sich in Weißrussland keine Mittelklasse ausbildet, die Geschäfte treibt, die Privateigentum hat, so lange wird nichts passieren. Ausländische Mittel allein genügen nicht, um eine Revolution zu finanzieren. Geld aus dem Ausland könnte jedoch die nächste Generation dazu bringen, einen Regime-Change herbeizuführen. Das Land braucht dringend Hilfe.

Das Interview führten Claus Christian Malzahn und Alexander Schwabe

Oksana Zabuzhko liest am heutigen Donnerstag, 22.12.2005, um 20 Uhr im Berliner "Charlier", Kyffhäuserstraße 11, aus ihrem Werk. Ende Januar erscheint ihr Roman "Feldstudien über ukrainischen Sex" auf Deutsch.



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