Demokraten-Vorwahl in Iowa Opa Underdogs Triumph

Hillary Clinton hat Geld, Macht, Einfluss - trotzdem wird sie bei der Vorwahl in Iowa düpiert: Der 74-jährige Bernie Sanders erkämpft fast ebenso viele Stimmen. Der Erfolg des Sozialisten stürzt die Demokraten in eine Sinnkrise.

Aus Des Moines, Iowa, berichtet

Wahlkämpfer Sanders: "Wir hatten kein Geld, wir hatten keine Bekanntheit"
REUTERS

Wahlkämpfer Sanders: "Wir hatten kein Geld, wir hatten keine Bekanntheit"


Bernie Sanders' Charterjet stand schon auf dem Rollfeld, nur wenige Hundert Meter entfernt. Doch dann stieg der Senator, der eigentlich schnell nach New Hampshire weiterreisen wollte, buchstäblich auf die Bremse: Der Abflug, so hieß es, werde sich um einige Zeit verzögern.

Denn Sanders hatte plötzlich noch etwas zu tun: eine Siegesrede halten - beziehungsweise das, was einer Siegesrede am nächsten kam.

Und so trat der Sozialist am späten Abend vor seine jubelnden Jünger, in einem Ballsaal am Flughafen von Des Moines. Links das Sternenbanner, rechts die Flagge Iowas, dazwischen der strahlende 74-Jährige: "Bernie! Bernie! Bernie!", skandierten sie.

"Die Menschen Iowas", rief ihnen Sanders heiser zu, "haben dem politischen Establishment eine sehr profunde Botschaft geschickt!"

Dieses Establishment hat einen Namen: Hillary Clinton. Nicht lange ist es her, da war sie die ungekrönte Präsidentschaftskandidatin der US-Demokraten, unangefochten, unangreifbar, uneinholbar. Um fast 30 Prozentpunkte lag sie vor Kurzem in einer Umfrage vorn.

Doch die Illusion eines Clinton-Durchmarsches ist in dieser ersten US-Vorwahlnacht zerplatzt. Stunde um Stunde schmolz Clintons Vorsprung vor Sanders, dem Revolutionär. Krönung von Queen Hillary? War nichts. Bis in die Nacht zählten sie aus, Bezirk für Bezirk. In einigen Bezirken musste sogar ein Münzwurf entscheiden. Es blieb beim Patt - siehe Grafik:

Ergebnisse der US-Vorwahlen
Das ist ein Erfolg für Sanders, der sich dem Kampf gegen den Kapitalismus verschrieben hat, gegen die Ungleichheit, gegen die Wall-Street-Bonzen. "Wir hatten kein Geld, wir hatten keine Bekanntheit", erinnerte sich Sanders an die bescheidenen Anfänge seiner Kandidatur. "Und wir nahmen es mit der mächtigsten politischen Organisation der Vereinigten Staaten von Amerika auf."

Diese Organisation, die bei Bedarf skrupellose Clinton-Dynastie, hat er nun tatsächlich erst mal ausgebremst - der Underdog, der Outsider, der Progressive, dem sie naive, "zu idealistische" Visionen vorwerfen.

Sicher: Mit neuem Schwung geht Sanders in die nächsten Primaries, wo er in New Hampshire, dem Nachbarn seines Heimatstaats Vermont, quasi Heimvorteil hat. Doch der Weg zur Nominierung ist noch lang - und irgendwann wird ihm mit seinem für die USA radikalen Programm der Atem ausgehen. Vielleicht schon in den Südstaaten, wo es gilt, eine Koalition aus Schwarzen und moderaten Weißen zu schmieden.

Fotostrecke

17  Bilder
Erster US-Caucus: So lief die Wahl in Iowa
Am Ende sind Sanders' Ideen in ihrer Kompromisslosigkeit ebenso bewundernswert wie undurchsetzbar - und unwählbar. Amerika ist, bei aller Wut an der Basis beider Parteien, nicht bereit für eine Revolution.

Was die Demokraten in eine tiefe Sinnkrise stürzt. Nicht nur die Republikaner sind auf einmal die gespaltene Partei. Nein, auch sie sind zerrissen - zwischen Clintons Pragmatismus und Sanders' Idealismus.

Sanders' Erfolg ist ein klares Signal an die Realpolitiker: Nicht so schnell. Wir geben uns nicht zufrieden mit dem Status Quo. Wir wollen keinen Fortschritt light. Wir haben die Nase voll von "der Gier, dem Leichtsinn und dem illegalen Verhalten der Wall Street", wie Sanders es sagte, in Anspielung auf Clintons Freunde in der Finanzbranche.

Doch seine Ideen sind zu radikal für die general election, jenen Hauptwahlkampf im Herbst, wenn nicht mehr der Rand entscheidet, sondern die Mitte. Eine Nominierung Sanders', so fürchten viele Demokraten, könnte den Republikanern den Weg ins Weiße Haus ebnen.

Hillary Clinton verschwand, ohne eine einzige Hand zu schütteln

Die Meister dieser Mitte sind die Clintons: War es doch Bill Clinton, der einst die "New Democrats" miterfand und die Kunst der "Triangulation" - was nichts anderes heißt, als es jedem recht zu machen.

Trotzdem stolpert Hillary Clinton nun schon zum zweiten Mal. Vor acht Jahren deklassierte sie ebenfalls in Iowa ein anderer, damals noch ziemlich unbekannter Senator namens Barack Obama. Diesmal ist der Schock nicht ganz so groß. Dennoch: Sanders' gutes Abschneiden bedeutet, dass sich der Vorwahlkampf bei den Demokraten erneut über Monate ziehen könnte - eine Wiederholung des Albtraums von 2008.

Der Missmut war ihnen anzusehen. Unangekündigt und ohne übliche Vorwarnung der Kamerateams im Saal stieg Clinton bei ihrer Caucus-Party aufs Podium, im Schlepptau den angeschlagenen, gequält lächelnden Gatten. Sie erklärte weder Sieg noch Niederlage, tat so, als freue sie sich auf den "Wettbewerb der Ideen", den sie nun austragen muss - und verstieg sich sogar zu der Behauptung: "Ich bin eine Progressive."

Und dann verschwand sie wieder, ohne eine einzige Hand zu schütteln.

Video: Wer ist der Mann, der Hillary gefährlich werden kann?

Lesen Sie hier die Analyse unseres US-Korrespondeten Veit Medick zur Vorwahl der Republikaner.

SPIEGEL ONLINE

Unsere Reporter Veit Medick, Marc Pitzke und Holger Stark berichten aus Iowa.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 114 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
kjartan75 02.02.2016
1. Überraschend...
...es ist in der Tat überraschend, dass ein selbst ernannter Sozialist wie Sanders im erzkonservativen Iowa gleichauf ist mit Clinton. Das war definitiv eine Niederlage, auch wenn Clinton gewinnen sollte. 99% sind ausgezählt, von Zählungsfehlern ist die Rede (hat aber gerade in Iowa nichts zu sagen, die gab es bisher immer) und Clinton ist hauchdünn mit 0,3% vorn. Das war eine Klatsche für Clinton. Mit Sanders wird man bei einer general election haushoch verlieren. Niemals wird die USA einen wählen, der sich selbst als Sozialist sieht. Da hat sogar Trump Chancen. Bei der GOP festigt sich meine Meinung, dass Rubio am Ende gewinnen wird.
sag-geschwind 02.02.2016
2. Sinnkrise des Einen
ist die Hoffnung der Anderen. Ob Clinton oder Reps dürfte ausserhalb der USA ohnehin keinen ernsthaften Unterschied machen. In diesem Sinne freue ich mich, dass die US-Bevölkerung ein Signal der Vernunft gesetzt hat. P.S.: Was ist denn an Sanders' Programm so radikal und "unwählbar"? Die einheitliche Krankenkasse? Das Sozialstaatsmodell nach skandinavischem Vorbild? Klar, für neoliberale Feudalisten, demokratiefeindliche Wettbewerbsanbeter ist das ein Graus! Aber absolut wählbar!
johannesmapro 02.02.2016
3.
vielleicht ist es genau das was die Welt wieder braucht Sozialismus, soziale Gerechtigkeit, Emanzipation und Teilhabe für alle Menschen, Gleichberechtigung für Frauen, Pazifismus, Internationalismus, Solidarität, Rassismus, Konkurrenz, Militarismus. Krieg das haben wir doch gerade im Überfluß und manche behaupten noch immer, wenn wir davon noch einen Löffel mehr nehmen, dann wird alles gut, vielleicht hätte Frau Clinton in den 90 Jahren antreten sollen, statt die treusorgende Hausfrau, Mutter und Karrierefrau zu geben.
viceman 02.02.2016
4. warum kann es denn sanders nicht schaffen?
was man so liest, ist seine ziel/wählergruppe die größte im land. warum soll er es nicht schaffen? allerdings spätestens im amt, wird dann der "revolutionäre elen" hin sein und die wirklich mächtigen nehmen ihn ans gängelband-siehe obama
franky_24 02.02.2016
5. Altersweisheit ?
Sanders ist 74 Jahre alt, Clinton 68 und Trump 69. Trauriges Land in dem die politische Elite im Greisenalter daherkommt.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.