Lehren aus Iowa-Vorwahl Kulturkampf um Amerikas Zukunft

Wer ist gefährlicher, Ted Cruz oder Donald Trump? Zusammen haben sie die Hälfte der republikanischen Stimmen in Iowa geholt. Für den Rest des Landes muss das ein Weckruf sein. Es geht um mehr als das Weiße Haus.

Ein Kommentar von , Des Moines

Ted Cruz: Gefährlicher als Donald Trump?
AFP

Ted Cruz: Gefährlicher als Donald Trump?


Iowa ist nicht Amerika, die Menschen dort sind mehrheitlich weiß, christlich und konservativ, das Land ist flach und weit. Wahlergebnisse waren hier schon immer speziell. Trotzdem gibt es eine Botschaft, die von dieser ersten Vorwahl ausgeht: Die Vereinigten Staaten sind so in Aufruhr, dass die Wahl 2016 das Potenzial hat, dieses Land fundamental zu verändern. Infrage steht nicht nur die Funktionsfähigkeit der amerikanischen Politik, sondern auch die Weltoffenheit und Einigkeit einer Nation. Zu beobachten ist ein Kulturkampf um die Zukunft Amerikas.

Bei den Republikanern kommen die beiden führenden Bewerber für das Präsidentenamt, Ted Cruz und Donald Trump, zusammen auf mehr als 50 Prozent der Stimmen. Trumps gutes, wenn auch nicht sensationelles Abschneiden hat die letzten Zweifel beseitigt, ob sein Auftritt mehr ist als ein virtueller Höhenflug eines überlebensgroß strahlenden Mega-Promis mit einer Millionenschar an Followern in den sozialen Medien.

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Donald Trump in Iowa: Ausgetrumpt
Trump ist der Anführer eines Aufstandes der Unanständigen, hinter ihm schart sich eine Armee von wütenden Kriegern, die sich ein anderes, weißes Amerika zurücksehnen. Ein Amerika, in dem das Zusammenleben nach christlichen Grundsätzen geregelt ist. In dem die Ehe aus Mann und Frau besteht und man einen politischen Gegner sanktionsfrei einen "Bimbo" nennen darf.

Ted Cruz, der im Kernland seiner evangelikalen Zielgruppe wie kein zweiter Bewerber geworben hat - und für den der Sieg in Iowa Pflicht war - unterscheidet sich von Trump eher im Stil als in der Sache. Zusammengenommen stehen die beiden für mehr als die Hälfte der aktiven republikanischen Basis.

Seit dieser Wahlnacht ist klar, dass Amerika sich mit diesem Phänomen ernsthaft auseinandersetzen muss. Trump wird höchstwahrscheinlich die nächsten Vorwahlen in New Hamsphire gewinnen, er dominiert nicht nur die Umfragen, sondern auch die gesellschaftliche Diskussion. Wenn die Republikaner nicht aufpassen, übernimmt er ihre Partei - wie er das mit so vielen Immobilienobjekten gemacht hat.

Ergebnisse der US-Vorwahlen
Das Problem, das Trump und Cruz personifizieren, ist keines, das mit einer Abstimmung zu lösen wäre. Es betrifft auch nicht nur die Republikaner allein. Die öffentliche Auseinandersetzung hat sich viel zu lange auf Trumps Haartracht und seine derbe Sprache konzentriert, sie hat sich wahlweise über ihn erhoben oder ihn mit Unglauben begleitet. Sie hat Cruz, der ein noch schlimmerer Ideologe ist als Trump, in seinem Schatten wachsen lassen.

Es ist jetzt an der Zeit, sich mit den Inhalten von Trump und Cruz zu beschäftigen, den Wettstreit um religiöse und weltanschauliche Toleranz zu suchen. Die Medien müssen aufhören, Trump in der Hoffnung auf hohe Einschaltquoten die besten Sendezeiten freizuräumen und stattdessen ihren Job machen: offenlegen, wofür Trump steht, recherchieren, mit welchen Methoden er wirtschaftlichen Erfolg hatte, decouvrieren, mit welchen Lügen er Politik betreibt.

Die Demokraten, die nach sieben Jahren Obama ermattet wirken, müssen endlich in einen Wettstreit der Ideen eintreten, sie müssen deutlich machen, dass mehr zur Wahl steht, als ein "Weiter so". Sie müssen für ein weltoffenes, modernes und gerechtes Amerika werben. Noch mehr gilt dies für den Rest des Landes, die eigentlich schweigende Mehrheit, die bislang sprachlos zugeschaut hat, was auf der Bühne des Vorwahlkampfes aufgeführt wird.

Iowa sollte ein Weckruf sein. Sonst haben sich die USA verändert, bevor genügend Menschen verstanden haben, was mit ihrem Land geschieht.

Lesen Sie hier die Analyse zum Erfolg von Ted Cruz bei den Republikanern. Eine Analyse des demokratischen Rennens zwischen Bernie Sanders und Hillary Clinton finden Sie hier.

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Erster US-Caucus: So lief die Wahl in Iowa

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Unsere Reporter Veit Medick, Marc Pitzke und Holger Stark berichten aus Iowa.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
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nixblicker00 02.02.2016
1. Und plötzlich ist Trump das geringere Übel ...
Was haben da alle schlau getönt, vor allem auch dieses Medium hier: Ganz, ganz schlimm dieser Trump, der gefährlichste Mann der Welt, Rassist, Ungeheuer, Monster usw ... Dann guckt Euch mal Cruz an. Da läuft sich das wirkliche Monster warm. Wäre vermutlich am besten, wenn Trump das Rennen macht. Er hat mit seiner ganzen Ungehobeltheit das Zeug dazu, die zu Allem fähigen, klerikalen Fundamentalisten in den USA klein zu halten, ohne dass größere Schäden passieren. Und wichtig noch: Irgendwann kommen wieder die GOPs dran. Wenn nicht Trump, dann eben Palin und Cruz. Bravo!
_gimli_ 02.02.2016
2.
Und was, wenn die Mehrzahl der US-Amerikaner genau das will, was der Autor befürchtet: Das Land fundamental ändern? Und zwar in eine andere Richtung, als sich das viele Leute hier wünschen. Die USA sind nur ein Beispiel für der Willen vieler Bevölkerungsschichten nach einen politischen Umschwung Richtung rechts. Siehe Polen, Dänemark, Frankreich etc.
jujo 02.02.2016
3. ...
Wenn ich richtig informiert bin nehmen an den Vorwahlen nur eingeschriebene Mitglieder der beiden Parteien teil. Mich würde interssieren wieviele Mitglieder diese jeweils haben und wie groß die Wahlbeteiligung war. das in Relation zu Gesamtzahl der Wahlberechtigten US Bürger. Ich glaube das sich das ganze Bohei sehr schnell relativieren ließe. Ich halte das System für gar nicht mal so schlecht, es ist eine Urwahl. Der Losentscheid ist natürlich ein Witz. Daraus jetzt Erfolg abzuleiten ist grotesk.
Zaphod 02.02.2016
4. Rückschläge überall
Es scheint, als ob in weiten Teilen der "westlichen Welt" nicht mehr erkannt wird, in welcher Freiheit wir leben. Rückständige und altmodische Ansichten gewinnen an Zustimmung. Gewalt gegen Andersdenkende wird wieder legitimiert, zunächst nur Gewalt der Gedanken und Worte, aber sicherlich bald auch Gewalt der Taten. Es wird Zeit, dass die Linken und Linksliberalen endlich aufwachen und nicht mehr versuchen, die neuen rechten Rattenfänger rechts zu überholen. Statt dessen müssen solidarische und freiheitliche Gesellschaftsmodelle entworfen werden, die allen Minderheiten Schutz und Anerkennung gewährleisten und somit die Diktatur der Mehrheit verhindern.
alyeska 02.02.2016
5. Der Kommentator hat Recht!
Wenn Amerika nicht rechtzeitig aufwacht, gibt es eine böse Überraschung für die ganze Welt. Auch wir müssen aufwachen, sonst ersticken wir ebenfalls im braunen Sumpf dubioser "Politiker".
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