IRA-Randale in Dublin Schlimmste Krawalle seit Jahrzehnten in Irland

Hunderte von IRA-Anhängern haben in Dublin Polizisten mit Flaschen und Steinen beworfen. Es waren die heftigsten Ausschreitungen seit Jahrzehnten in Irland. Die Randalierer verhinderten eine geplante Kundgebung von Protestanten.


Dublin - Bei den Zusammenstößen wurden nach Angaben der Polizei mehr als 25 Menschen verletzt. Die Menge setzte mehrere Fahrzeuge in Brand und zertrümmerte Schaufenster und Autoscheiben. Anhänger der Irisch-Republikanischen Armee (IRA) bewarfen Polizisten mit Flaschen, Steinen und Feuerwerkskörpern. Mindestens 14 Menschen - sechs Polizisten und acht Zivilpersonen - wurden mit Verletzungen ins Krankenhaus gebracht. Mehr als ein Dutzend weiterer Menschen wurden laut Polizeiangaben leicht verletzt.

Die Polizei nahm mindestens 37 Demonstranten fest und rief Einwohner und Touristen auf, sich vom Stadtzentrum fern zu halten. Über der Stadt kreiste ein Beobachtungsflugzeug der Polizei.


Der Protest richtete sich gegen einen geplanten Marsch pro-britischer Demonstranten unter Führung von Willie Frazer, der durch Anschläge der IRA mehrere Angehörige verlor. Die irische Regierung hatte die Kundgebung als Geste der Versöhnung genehmigt. Es wäre die erste Parade probritischer Protestanten südlich der Grenze seit der Teilung Irlands in einen protestantischen Norden und einen katholischen Süden 1921 gewesen. Der Marsch der Protestanten durch die ansonsten friedlichen Stadt musste wegen der Randalierer aber abgebrochen werden. Ein Bus der pro-britischen Demonstranten wurde auf der Rückfahrt kurz vor der Grenze zu Nordirland mit Steinen beworfen.

Ministerpräsident Bertie Ahern verurteilte die Gewalt und erklärte, die Unionisten hätten die Freiheit erhalten sollen, ihre Meinung zu äußern. "Es gibt absolut keine Entschuldigung für die schändlichen Szenen, die sich heute in Dublin abgespielt haben", sagte Ahern, "zum Wesen der irischen Demokratie und der Republik gehört, dass Menschen erlaubt wird, ihre Ansichten frei und friedlich zum Ausdruck zu bringen."

Waffenversteck in Belfast ausgehoben

Auch der Chef der IRA-nahen Partei Sinn Fein, Gerry Adams, äußerte Bedauern über die Ausschreitungen. Er habe seine Anhänger zuvor aufgerufen, sich vom Marsch der Protestanten nicht provozieren zu lassen. "Bedauerlicherweise hat eine kleine, nicht repräsentative Gruppe beschlossen, unseren Aufruf zu ignorieren", sagte Adams. Die Protestanten übergaben Justizminister Michael McDowell einen Brief, in dem sie gegen die Ausschreitungen protestierten.

Die nordirische Polizei hob bei einer Razzia in einem protestantischen Stadtviertel von Belfast ein Waffenversteck aus und nahm vier Menschen fest. Wie die Polizei mitteilte, begann die Durchsuchungsaktion am Freitagabend und endete am Samstagmittag.

Während Spezialisten der Streitkräfte die Waffen in der Nacht untersuchten, wurden umliegende Wohnungen wegen Explosionsgefahr vorsorglich evakuiert. Betroffen waren mehr als 100 Bewohner.

Das Stadtviertel im Süden Belfasts gilt als Hochburg der verbotenen Ulster Defence Association (UDA), der größten paramilitärischen Gruppe in Nordirland mit schätzungsweise 2.000 bis 3.000 Mitgliedern. Die protestantische Organisation hält sich zwar weitgehend an einen Waffenstillstand aus dem Jahr 1994, weigert sich bislang aber, ihre Waffen abzugeben.

Shawn Pogatchnik, AP



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